Dream of the Song. George Benjamin. / Petite messe solennelle. Gioacchino Rossini.

Konzertabend.                  

George Benjamin/Marc Minkowski. Staatskapelle Berlin.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. März 2018.

 

 

Der Höhepunkt war die Orgel. Es war nicht eine gewöhnliche Kirchenorgel, sondern die grosse Konzertorgel der Berliner Philharmonie. Das Aussergewöhnliche machte sich gleich am Klang bemerkbar: Kristalline Reinheit, strahlende Schönheit. Die Töne scharf umrissen und dennoch voll, warm, rund. Das Fesselndste aber lag darin, dass der Klang wanderte, durch den Raum, je nachdem, wo die Pfeifen standen, von links nach rechts oder von rechts nach links. Auch die Dynamik drückte sich räumlich aus. "Piano" bedeutete nicht nur "leise", sondern "hinten", und "forte" nicht nur "laut", sondern "vorn". So wurde auf dieser Königin der Instrumente das Prélude religieux von Gioacchino Rossinis Petite messe solennelle zu einem atemberaubenden drei­dimensionalen Geschehen, bei dem den Berlinern jeder Husten in der Kehle steckenblieb.

 

Ursprünglich war ja das Werk für zwei Klaviere und Harmonium gesetzt worden, und in der Interpretation von Anima Eterna mit den beiden Erard-Flügeln und einem Harmonium, das von Ferne an eine Karussellorgel erinnert, hat die ganze Messe etwas Ironisch-Trockenes, das eher an Offenbach als an Reger verweist. Es entspricht den Worten, die Rossini dem Manuskript voranstellte: "Lieber Gott – voilà, nun ist diese arme, kleine Messe beendet. Ist es wirklich heilige Musik [musique sacrée], die ich gemacht habe, oder verfluchte Musik [sacrée musique]? Ich wurde für die Opera buffa geboren, das weisst du wohl. Wissen, ein bisschen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies."

 

Mit der Orchestrierung, die Rossini vornahm, um den Bearbeitern zuvorzukommen, und die ein Vierteljahr nach seinem Tod erstmals erklang, erhält das Werk opernhaften Pomp, zumal wenn es, wie jetzt erforderlich, durch Sänger vorgetragen wird, die von der Bühne herkommen und nicht vom Liedgesang. Für sie hat die Staatskapelle gleich vier Harfen aufgeboten, zwei mehr als von Rossini vorgeschrieben, und ihren vollen siebzigköpfigen Chor anstelle der ursprünglich vorgesehenen zwölf Sänger. Dergestalt wird die Aufführung streckenweise gar laut und wuchtig; aber Dirigent Marc Minkowski tritt der Opulenz nicht dämpfend entgegen, weil sie immer noch klar und durchhörbar ist. In den Begleitfiguren (und das anderthalb­stündige Werk hat deren viele) ist die Wiedergabe nie platt und konventionell, sondern lebhaft nach vorn drängend. Historische Schule halt. In diesem Konzert ein Plus.

 

Ägerlich indes die Diktion der Solisten. Die Konsonanten haben sie abgeschafft und bringen nur noch Vokalisen. Für einen Agnostiker, dem der Text der lateinischen Messe eh wurscht ist, kein Verlust. Aber die Unverständlichkeit des Texts bedeutet in Wirklichkeit einen Verrat am Werk, geht es in ihm doch um Gebet, Anrufung und Bitte, die sich an den Herrn der himmlischen Heerscharen richten. Nur der Countertenor Bejun Mehta kann mit der untadeligen Wortverständlichkeit des Chors mithalten und den Text in eine stupende, emotional bewegte Interpretation einbinden. Er singt die Alt-Partie und kommt damit dem Kastratenklang nahe, der Rossini beim Komponieren vorschwebte: "Sänger von drei Geschlechtern – Männer, Frauen und Kastraten – werden für die Aufführung genügen."

 

Mit der Wahl der Orchesterfassung unterzieht die Staatskapelle Berlin die Petite messe solennelle einem Upgrading zur Grande messe triomphante. Sie verliert dabei ihren ursprünglichen Charakter, nicht aber ihre Qualität. Das Agnus dei ist von ergreifender Innigkeit, und die Zuhörer wagen anfangs fast nicht zu klatschen.

 

Eine Werkinterpretation, wie sie sich der Komponist gedacht hatte, war vor der Pause zu hören. Da wurde George Benjamins "Dream of the Song" für Countertenor, Frauenchor und kleines Orchester gegeben. An der Pariser Aufführung war der Komponist zum Applaus noch aufs Podium gekommen, dirigiert aber hatte Daniel Harding. Nun stand Benjamin selbst am Pult. Was auffiel, war, dass er in der Dynamik viel stärkere Ausschläge zuliess als Harding, so dass die Staatskapelle den Solisten zeitweise zudeckte, was beim Orchestre de Paris nie geschehen war. Aber eben, dass "kleine Orchester" war nicht klein. Auch zahlenmässig nicht.

 

Es könnte sein, dass das 2015 entstandene Werk seinen Weg macht. Seine Klangfarbenmischungen sind jedenfalls originell und exquisit. - Die sechs vertonten Gedichte wurden von Bejun Mehta vorgetragen, für den das Werk komponiert worden war. Der Countertenor hat sich seit Paris noch gesteigert. In seiner Stimme vereinigen sich Engagement, Kraft und Schönheit, und der Vortrag der Gedichte mit ihrem funkelnden Symbolismus ist nicht nur technisch einwandfrei, sondern künstlerisch überzeugend. So vereinigt der Abend zwei höchst unterschied­liche Gesangswerke und zwei höchst unterschiedliche Dirigenten unter dem gemeinsamen Label "Premium Segment".

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