In der U-Bahnlinie 1 kommt einiges zusammen. © David Baltzer.

 

 

 

Linie 1. Birger Heimann/Volker Ludwig.

Musikalische Revue.                  

Wolfgang Kolneder. Grips Theater Berlin.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. März 2018.

 

 

Am dünnen Faden der Berliner U-Bahnlinie 1 hängen, ohne dass ich sie gezählt hätte, etwa zwei Dutzend Lieder, und so bewegt sich die zweieinhalbstündige Aufführung zwischen dem Bahnhof Zoo und dem schlesischen Tor von Station zu Station. Abbremsen, halten, ein- und aussteigen lassen, abfahren, sprechen, singen, anhalten ... Die Kadenz der Auftritte wird geregelt von den Durchlaufkapazitäten der Kostüm- und Schminkabteilung. Im Puls der Haltestellen füllt und leert sich der Wagen mit saftigen Berliner Typen vom fluchenden Handwerker über die rabiate Oma bis zu den schulschwänzenden Gören und den knutschenden Schwulen. Eine verbitterte alte Frau protestiert im Stück gegen den "öffentlichen Verkehr im öffentlichen Verkehr", worauf das jugendliche Publikum mit spontanem Applaus für die Stigmatisierten Partei nimmt.

 

Die musikalische Revue läuft seit 32 Jahren. Sie ist der grösste Erfolg des Berliner Grips Theaters. Die 1'820. Auf­führung ist ausverkauft bis zum letzten Platz. Im Lauf der Jahre sind die Schau­spieler ausgewechselt worden, die Musiker auch, einzig der Drummer ist noch an seinem Platz. Die Ästhetik indes blieb unverändert, und auch der Stil der Musik.

 

An der Uraufführung stand noch die Mauer. Es gab "den Osten" und "den Westen". Heute ist das nur noch Legende, und für die vielen jungen Zuschauer mit Migrationshintergrund nicht einmal das. Sie blicken gelangweilt vor sich hin. Eine Teil von ihnen rührt am Ende nicht einmal die Hände. Sie sitzen mit ostentativem Desinteresse die Vorstellung ab wie Achtklässler der Sekundarschule Bümpliz, die in den Heimatabend des Jodlerklubs Bärgbrünneli abkommandiert wurden. Die Folklore der jugendlichen Zuschauer ist nicht mehr die ihrer Eltern und Grosseltern.

 

Und doch zünden noch einzelne Nummern. Das groteske Ballett der Wilmersdorfer Witwen ist Spitze und durchbricht mit seiner karikaturistischen Wucht den bleiernen Ring der Langeweile, hinter den sich die Heranwachsenden zurückgezogen haben. Es ist da ein Etepetete-Grossbürgertum zu sehen, dem man auf der Strasse nicht mehr begegnen kann, und mit ihm die unerschüt­terliche Selbstgerechtigkeit der Besser­gestellten: "Im Dritten Reich war auch nicht alles schlecht!"

 

Während die musikalische Revue nach heutigen Begriffen in viel zu langen Einstellungen mit viel zu wenig Brio abläuft, kommt dem Mädchen (Maja Döring) aus dem Westen nicht nur der Geliebte abhanden, der sie trotz heissester Schwüre am Bahnhof abzuholen vergass, sondern auch der Koffer. Und so treibt sie in doppelter Hilflosigkeit durchs Berliner Labyrinth.

 

Leider bekommt man nur einen Teil von dem mit, was gesprochen wird. Das liegt nicht an der Unverständlichkeit des Idioms, sondern an der Mangelhaftigkeit der Diktion. Wenn nämlich Ester Daniel auftritt, kommt jede Silbe schön und wohlklingend herüber, und erst noch gestochen scharf. Als sie ausgebildet wurde, hat man noch sprechen gelernt. Nun ragt ihr Text durch seine Verständlichkeit aus allen übrigen Lautäusserungen hervor. Bei ihr braucht das gebildete ältere Publikum nicht auf die englische Übertitelung zu schielen.

 

Die Jungen lösen das Problem der Unverständlichkeit damit, dass sie die Szenen reglos über sich ergehen lassen. Und bei den angejahrten Liedern, die sowieso nicht mehr ihrem Stil entsprechen, schalten sie auf Standby. Es ist aber auch den Wohlmeinenden nicht mehr möglich mitzubekommen, was da gesungen wird, sogar wenn die Texte auf Deutsch sind; und das liegt nicht an den Mikrofonen, nicht an der Artikulation und auch nicht an der Übertragungstechnik, sondern an der Abmischung. Die Band erdrückt die Stimmen. So einfach ist das. Aber weil es sich um die 1'820. Vorstellung handelt, hört im Haus offenbar keiner mehr genau hin. Es wissen ja alle eh, was gesungen wird. Ausser den Zuschauern. Aber die kommen eh. Weil die "Linie 1" Kult geworden ist und für die Schüler ein Muss.

 

Es wird am Ende gleichwohl noch richtig rührend. Das Mädchen findet seinen alten Koffer wieder, und dazu einen neuen Geliebten: Nicht den selbstbezogenen Rockstar, sondern einen aussergewöhnlich einfühlsamen "Jungen im Mantel", der die ersten Schritte auf dem Weg zum Dichter angesetzt hat. "Happy End in der Bahnhofshalle Zoo", heisst die Nummer, und der Song: "Bitte halt mich fest". Bei den schnöselig-gelangweilten Adoleszenten schiebt jetzt ein grossgewachsener Junge seinen Arm auf die Schulter des Nachbarn und schmiegt das Gesicht an seins. In selbstvergessenem Glück nehmen die beiden Teil am Traum, dass zu guter Letzt jeder Hans seine Grete findet. Und da klatschen sie auch.

Die musikalische Revue ist Kult und für die Schüler ein Muss.

Das groteske Ballett der Wilmersdorfer Witwen ist Spitze. 

Dass die Songs unverständlich sind, liegt nicht an den Mikrofonen.

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