Das Gewächshaus erinnert an den gläsernen Schneewittchen-Sarg. © Konstantin Nazlamov.

 

 

Iolanta. Peter I. Tschaikowsky.

Oper.                  

Alexander Anissimov, Dieter Kaegi, Francis O'Connor. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 10. Februar 2018.

 

 

Wenn der Komponist nicht homosexuell gewesen wäre, hätte er die Kurzoper, die ein Jahr vor seinem herbeigewünschten Tod entstand und auf einem Libretto seines Bruders Modest beruht, nicht so anrührend gestalten können, dass Gustav Mahler es sich nicht nehmen liess, die Wiedergabe in Hamburg am 3. Januar 1893 und an der Wiener Hofoper am 22. März 1900 selbst zu leiten. Als Schwuler wusste Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, was es heisst, mit einer sogenannten Infirmität zu leben, über die man bei Todesstrafe nicht reden darf. Wie die Hauptperson der Oper, die blinde Iolanta, fühlte auch er keinen inneren Drang, seine Welt des Andersartigen aufzugeben und sich von besorgten Gutmeindenden "heilen" zu lassen. Dass es Gottes Wille sei, dass der Mensch das Licht sehe und dass ihm dazu die Augen geschaffen worden seien, ist für Iolanta so wenig nachvollziehbar wie für Tschaikowsky der orthodoxe Diskurs von der Liebe zwischen Mann und Frau und dem gottgegebenen Zweck der Zeugungsorgane.

 

Damit ist die Oper, deren Stoff den Komponisten im Innersten aufwühlte, bis zum Rand gefüllt mit unausgesprochenen Spannungen. Aus ihnen bezieht sie ihre Kraft und Faszination. Denn so schlicht die mittelalterliche Sage daherkommt - nicht die Offenbarung des Sonnenlichts, sondern die bedingungslose Liebe durch einen fremden Mann ist vom Komponisten heiss ersehnt und in den Notenlinien ergreifend ausgedrückt worden. So hat "Iolanta" wie jedes Gewebe zwei Seiten: Eine Schau- und eine Rückseite. Vorn ist alles schön und glatt und fasslich, und jedes Kind kann die Handlung nacherzählen. Auf der hinteren Seite aber laufen die Fäden chaotisch durcheinander. Da liegen die verborgenen Zusammenhänge, und die unsichtbaren Verbindungen machen das Werk dicht. "Es muss ein Spiritus rector in einem Buch sein oder es ist keinen Heller wert." (Georg Christoph Lichtenberg)

 

Die Mehrschichtigkeit, die sich hinter der Oberfläche von "Iolanta" verbirgt, nehmen Regie und Bühnenbild in der Produktion von Theater Orchester Biel Solothurn kongenial auf. Schon der Anfang ist verheissungsvoll. Man kommt in den Zuschauerraum, und da steht einem die ganze Einrichtung bei offenem Portal vor Augen: Ein Gewächshaus. In durchsichtigen Röhren stehen nebeneinander Rosen in Reih und Glied. Perfekte Unnatur. Das wild wachsende pflanzliche Leben wird durch gläserne Ordnung geradegerückt. Dieser Organisation der Verhältnisse entspricht die Welt, in der Iolanta lebt: Korrekt und sauber, aber restlos künstlich. Die konventionelle Anordnung der Dinge in Linien und rechte Winkel, mit denen das Bühnenbild spielt, ist widernatürlich. Das Genormte erweist sich als lebensfeindlich und damit im strengsten Sinn als pervers.

 

Auf diese Weise realisiert das Bühnenbild von Francis O'Connor das mehrschichtige Potential der Oper. Das Gewächshaus, in dem die Schlummernde aufgebahrt ist, erinnert an den gläsernen Schneewittchen-Sarg und an Dornröschens Pflanzenhecke. Dass die Aufführung bei offenem Vorhang beginnt zeigt an, dass das Drama schon lange, lange vor dem Eintritt des Publikums angefangen hat, und das stumme Spiel, das sich jetzt entfaltet, erwächst aus der Situation. So führt die Inszenierung logisch zwingend in die abgeschottete Iolanta-Welt hinein. Während das Vorspiel mit dunklen Bläsern die Lichtlosigkeit des unglücklichen Wesens vernehmbar macht, wird, stellvertretend fürs Publikum, eine neue Pflegekraft aufgenommen und mit einer Zofentracht ausgestattet.

 

Und da ist die Handschrift einer Regie schon spürbar, die mit meisterhafter Sicherheit Fäden durchs Werk zieht, Verknüpfungen herstellt und mit Gespür für Gradation und Progression die Entfaltung der Handlung so vorantreibt, dass jeder Darsteller, vom Choristen bis zum Solisten, weiss, wo er steht und was er zu tun hat. Atemberaubend geführt, folgt der Fluss des Operneinakters seinem inhärenten Gefälle bis zum erschütternden Schluss, mit dem Regisseur Dieter Kaegi das Drama nicht beendet, sondern erst recht auftut. Gleich zwingend, wie die Handlung begann, bevor die Vorstellung anfing, verlängert jetzt die Inszenierung während der Schlussakkorde die Tragödie in eine stumme, unbestimmte Zukunft hinein und erwirkt damit das dialektische Meisterstück, mit dem Abschluss gleichzeitig eine Öffnung herbeizuführen. So zieht sich die Signatur der Mehrdeutigkeit mit beeindruckender Konsequenz durch die ganze Produktion hindurch.

 

Die aussergewöhnliche Einprägsamkeit der Aufführung ist auf ein Ethos zurückzuführen, das schon die Partitur und die Handlung bestimmt, aber auch die szenische und musikalische Realisation. Wenn ich es auf einen Begriff bringen müsste, fiele mir kein treffenderer Ausdruck ein als das alte, fast schon vergessene und sicher unzeitgemässe Wort: Demut vor einem Grösseren. Diese Haltung führte bei Tschaikowsky zu einer Schlichtheit, die durch unsentimentale Ehrlichkeit besticht und da, wo sie Momente höchster Schönheit erreicht, beeindruckt durch die Weite ihrer Melodiebögen, die Sicherheit der Instrumentation und die Überzeugungskraft der kompositorischen Strukturierung.

 

In der Interpretation von Alexander Anissimov wird die kompositorische Strukturierung des Werks unter­strichen durch die der Raumnot geschuldete Aufstellung der Harfe im Zuschauerraum. Sie macht für jeden Zuschauer augen- und ohrenfällig, an welchen Umschaltpunkten Tschaikowsky das Instrument einsetzt und wie mit ihm die grossen künstlerischen Abschnitte markiert werden. Im übrigen aber ist der Ton des Sinfonieorchesters Biel-Solothurn bewundernswürdig rauh und redlich; nichts von Schmalz und Schmelz; Drama pur, vom ersten bis zum letzten Takt. Mahler hätte seine Freude gehabt.

 

Die Stimmen sind allesamt gross, an einzelnen Stellen gar zu gross. Aber das kann sich an den Folgevorstellungen noch einpegeln. Bemerkenswert ist jetzt schon, dass die Sänger nicht nur ihren Part treffen, sondern auch ihre Figur. Indem sie sich in den Dienst der Sache stellen, helfen sie im kleinsten Opernhaus der Schweiz mit, ein Grösseres zu realisieren, vor dem man sich nur mit Respekt und Dankbarkeit verneigen kann.

 

P.S. Sinnigerweise bietet Theater Orchester Biel Solothurn an den Vorstellungen vom 3. März und 15. April für Sehbehinderte Kopfhörer an für die Audiodeskription; am ersten Datum in deutscher, am zweiten in französischer Sprache.

 

Die Stimme der andern

> Berner Zeitung

> Solothurner Zeitung

Die Rosen stehen in Reih und Glied. 

Iolantas Welt ist restlos künstlich.

Die Stimmen sind allesamt gross.