Die Posen sind herkömmlich. © N. Klinger.

 

 

 

Jenufa. Leoš Janáček.

Oper.                  

Joakim Unander, Markus Dietz, Mayke Hegger. Staatstheater Kassel.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. März 2018.

 

 

Nächstes Jahr wird das Regietheater ein halbes Jahrhundert alt. 1969 inszenierte der 30jährige Peter Stein in Bremen "Torquato Tasso" von Goethe und machte den Dichter zum Clown. Der Skandal war immens. Im selben Jahr brachte das Theater Basel "Titus, Titus" heraus, "50 theatralische Vorgänge nach der Tragödie 'Titus Andronicus' von William Shakespeare". Der 36jährige Regisseur Hans Hollmann liess darin auf offener Bühne Hunde kopulieren. Der Skandal war immens. Aber damit war das Regietheater geboren. Heute ist es von keiner deutschen Bühne mehr wegzudenken. Was als Aufstand begann, wurde zur Konvention.

 

Wenn jetzt Markus Dietz am Staatstheater Kassel "Jenufa" inszeniert, zeigt die Bühne demgemäss im ersten Akt nicht mehr eine Landschaft mit Mühle, und im zweiten und dritten Akt nicht mehr die Stube der Küsterin, sondern sie führt in die Riesenhalle einer dreistöckigen Altkleider-Sortieranlage. 24 grosse Waschmaschinen nehmen hinten oben die ganze Breite ein. In der Mitte der Bühne steht ein fünf Meter hoher Berg von bunten Textilien, und vorn sitzen Arbeiterinnen an kleinen Tischen und falten Kleidungsstücke zusammen. Eine Treppe führt in den Keller, wo Jenufa später versteckt gehalten und ihr uneheliches Kind zur Welt bringen wird. Mit Heben und Senken bietet die Bühne von Mayke Hegger ein beeindruckendes Spektakel, und Regisseur Markus Dietz lässt das gesamte musikalische Personal des Staatstheaters auftreten.

 

Im zweiten Akt kommt sogar ein Kinderstatist zum Einsatz und verkörpert den fünfjährigen Stewa, der aber, wie die Oper erzählt, schon in seiner ersten Lebenswoche von der Küsterin im Fluss ertränkt wurde. Um die Abscheulichkeit der Tat zu unterstreichen, leuchtet die Trommel der mittleren Waschmaschine rot auf. Und um die Intensität der schönen, stillen Nacht zu steigern, die Jenufa beim Blick durchs Fenster besingt, darf der Junge auf der Batterie der Waschmaschinen während des Geigensolos andeutungsweise eine Plastikfiedel streichen. In den Schlusstakten des zweiten Akts tritt er nochmals in Aktion. Zuerst streckt er eine nackte Puppe bedrohlich in die Luft, dann wirft er sie mit grosser Gebärde auf den Kleiderhügel hinunter. Das Licht geht aus.

 

So sieht nach fünfzig Jahren das Regietheater der Enkel­generation aus: Masslose Übertreibung, stumpfe Vergröberung, sentimentaler Kitsch. Dazu gehört die Unsensibilität des deutschsprachigen Übertitelungstexts, zusammengeschustert aus den deutschen, französischen und englischen Übersetzungen des CD-Booklets zur Haitink-Aufnahme. Das choralartige "A ty, Jenúfo, neplač, neplač!", welches Max Brod übersetzte mit "Jedes Paar muss im Leiden seine Zeit überstehen" wird in Kassel wiedergegeben mit der Zeile: "Jedes Paar muss ein paar Fehlschläge verkraften." Mit dieser Sprache passt die Übertitelung zum Charakter der Musik wie ein Trinkhalm zum Château Lafite-Rothschild.

 

Wie das Staatstheater Kassel zeigt, genügt es nicht, der Konvention zu folgen, und wäre es auch die Konvention des Regietheaters, um eine lebendige, inspirierte Aufführung zu gewinnen. Sondern dazu braucht es noch Sensibilität und Grips. Und mit ihnen zeichnet sich Markus Dietz nicht aus. Kaum hat er, wie beim Théâtre à papa, ein Bild gestellt, gehen ihm die Ideen aus. Jetzt stehen die Figuren minutenlang da, in halb herkömmlichen, halb uninspirierten Posen. Und wenn sie sich bewegen, dann nur, um die nächste Einstellung vorzubereiten.

 

Die Peinlichkeit erreicht immer wieder Höhe­punkte. Etwa wenn die Personen "unauffällig" einen Sessel beiseiteschieben müssen, damit er nicht dem Vorhang im Weg steht, der kurz darauf niedergeht. Und im dritten Akt muss Stewa, wiederum höchst "unauffällig", einen Tisch beiseiteziehen, damit der Chor abtreten kann. Noch später muss Jenufa mit den Füssen "unauffällig" einen Stuhl nach vorn stossen, um sich dann "gebrochen" auf ihm niedersetzen zu können.

 

So stehen den hundert Schönheiten der Partitur sechzig Albernheiten der Inszenierung gegenüber. Weil aber Janáček das Übergewicht hat, nicht nur zahlenmässig, sondern auch qualitativ, packt einen die Oper trotz misslungener Regie gleichwohl, und die Eindringlichkeit der Komposition wühlt einen bis ins Innerste auf. Das liegt an der Redlichkeit, mit der das Staatsorchester unter dem Nachdirigenten Joakim Unander seines Amtes waltet, und an der Intensität der Stimmen von Jenufa (Jaclyn Bermudez), Laca (George Oniani a.G.) und der Küsterin Buryja (Ulrike Schneider).

 

Doch obwohl alle Rollen mit Ausnahme des Tenors aus dem Haus besetzt wurden, verweigern die Kasseler ihren Sängern die Gefolgschaft. An der vierten Vorstellung ist das Theater nur zu einem Viertel besetzt. Die ersten fünf Reihen bleiben leer. Die neunte bis zwölfte auch. Entsprechend dünn ist der Applaus. "Wenn etwas unbekannt ist, gehen die Kasseler nicht hin", erklärt der Sitznachbar. Die Garderobenfrau bestätigt das Phänomen. Der Hotelportier auch: "Kassel existiert nur alle fünf Jahre."

 

Da kann die "Hessische niedersächsische Allgemeine" (HNA) in ihrer freundlichen Besprechung lange von "umjubelter Premiere" reden. "Unsere Premieren sind alle umjubelt", sagt die Garderobenfrau trocken. So ist und bleibt "Jenufa" in Kassel ein Desaster. Trotzdem steht das Werk jetzt noch acht Mal auf dem Spielplan. Arme Sänger!

Das Bühnenbild macht grosses Kino. 

Doch die Personenführung ist uninspiriert. 

 
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