Jede der Stimmen ist gut. © Philipp Zinniker.

 

 

Il Trovatore. Giuseppe Verdi.

Oper.                  

Jochem Hostenbach, Markus Bothe, Kathrin Frosch, Justina Klimczyk, Bernhard Bieri. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 31. Januar 2018.

 

 

In all den Jahren habe ich noch nie ein Publikum erlebt wie an dieser Deuxieme. Es sitzt die ganze Vorstellung hindurch so konzentriert und reglos da, dass man meint, in einem leeren Saal die Sänger für sich allein zu haben. Nicht ein Huster entwischt der gespannt horchenden Masse, nicht ein Scharren, nicht das leise Geräusch eines Körpers, der sich auf dem Sessel bewegt. Die vielen hundert Leute, die das Haus bis zum dritten Rang hinauf füllen, verfolgen mit genauer Aufmerksam­keit die Gesangslinien, die den Lippen eines ungewöhnlich homogenen und ungewöhnlich wohlklingenden Ensembles ent­strömen.

 

Die Berner Oper ist ja in den letzten Jahren endlich auf dem Niveau angekommen, wo sie seit 1903 hingehört hätte: in der Liga der europäischen Hauptstadttheater. Und nun, an der zweiten Vorstellung, sitzen die Besucher da, stumm vor Glück, und wissen, dass sie etwas Ausserordentlichem beigewohnt haben: Einem "Trovatore" von Festival-Qualität. Und das mitten in der Hauptsaison. Im Abonnementsbetrieb. Atemberaubend.

 

Ich habe diese Stille schon ein paarmal erleben können, meist, wenn Barockopern gegeben wurden, im Palais Garnier. Da wandte sich zuweilen die gesamte Aufmerksamkeit dem Gesang einer Solistin zu, und in diesen magischen Momenten wurde es so still, dass man leise und verhalten die Metro im Untergrund vorbeirumpeln hörte. Wenn Bern eine Metro hätte, dann hätte man sie im "Trovatore" den ganzen Abend lang rumpeln hören, denn die Aufmerksamkeit der Besucher riss während der ganzen Vorstellungsdauer nie ab. Dieses Phänomen kennt man in Paris auch, obgleich intermittierender. Die älteren Kritiker stellen dann fest, wenn sie von den Zuschauern reden: "Ils étaient médusés." Und die jüngeren sagen: "Le public était scotché." Und das war nun in Bern der Fall. Einen ganzen Abend lang. Unvergesslich.

 

Der Umschlag passierte nach der Pause. Auf der dunklen, anthrazitfarbenen Bühne steht Leonora allein (Bühne: Kathrin Frosch). Schon durch ihr weisses, luftiges Kostüm, mit dem sie sich von der Nacht­schwärze abhebt, ist Lana Kos eine überwirkliche Erscheinung von blendender Reinheit (Kostüme: Justina Klimczyk). Eine subtile Lichtführung meisselt die Sängerin aus dem leeren Raum heraus und streift ab und zu mit einem goldenen Strahl das Bühnenportal (Licht: Bernhard Bieri). Nur vier Bläser, zwei tiefe Klarinetten und zwei Fagotte, leiten "Il supplizio" ein. Leonora spricht: "Gleich... Lass mich." Dann setzt mit verhaltener Innerlichkeit die Arie ein: Adagio pianissimo con espressione. Die Stimme steigt jetzt in lichtvolle Höhen mit anspruchsvollen Kadenzen und virtuosen Trillern, durch die Verdi die Erinnerung an die junge, glückliche Frau des ersten Teils hervorruft. Nur eine aussergewöhnliche Interpretin ist in der Lage, die Einheit zu schaffen zwischen der romantischen Nachtstimmung, dem Seelenschmerz der jungen Frau und dem Kitzel der virtuosen Gesangselemente. Lana Kos gelingt's. Von da an bewegt sich die ganze Aufführung auf einer höheren Ebene bis zum letzten Takt. Wir sind in der Sphäre des Jenseitigen angelangt. Die Grenze vom sehr Guten zum Ausser­gewöhnlichen ist überschritten. Dafür greift die französische Kritik zum Wort "sublime", und ich kenne kein treffenderes, um den Sachverhalt zu fassen. Beim Berner "Trovatore" bedeutet das, dass die Aufführung zu einer letzten Steigerung fähig ist, die alle sprachlos macht. Das gelingt vielleicht nicht jeden Abend. Aber an der Deuxieme wohl.

 

Und gleich muss ich mich korrigieren: Warum sollte sich das Wunder in den Folgevorstellungen nicht wiederholen? Die Voraussetzungen sind ja alle da. Zunächst einmal, ich hab's schon gesagt, ein exzeptionelles Ensemble. Jede der Stimmen ist gut. (Auf diesem Niveau ist die superlativische Formulierung schon eine Beleidigung.) Und am Ende werden alle vom Aufwind erfasst: Die Zigeunerin von Agnieszka Rehlis, schon im ersten Teil beachtlich, steigert sich in Spiel und Gesang zu einmaliger Intensität. Dazu kommen die Männer mit ihrer wunderbaren Ausstrahlung (warm, rund und samten Jordan Shanahan und Martin Muehle, metallisch konturiert Young Kwon), dazu der stimmstarke Chor, dazu die wohlbesetzten Nebenrollen ... und so rufen alle einen Opernabend von sublimer Schönheit herbei, der seinen Gipfel im verhauchenden Terzettino der letzten Szene erreicht.

 

Ein solch triumphaler "Trovatore" wäre indes nicht möglich geworden ohne den grossen künstlerischen Anstand des Leitungsteams. Es ist da eine dienende Haltung am Werk, die allen Versuchungen zu wohlfeilen Effekten aus dem Weg geht und schlicht – ja, das Wort ist angemessen: schlicht den menschlichen Kern der Oper herausschält, den die routiniert Gedankenlosen und die seelenlos Ambitionierten immer krass verfehlen. Die Handschrift des Dirigenten Jochem Hostenbach erkennt man mit verbundenen Augen. (Ich schlage das Programmheft immer erst auf, wenn ich die Kritik geschrieben habe.) Seine Interpre­tationen zeichnen sich durch eine Ehrlichkeit aus, die jeder Gefahr von Exzess, Kitsch und Sentimentalität aus dem Weg geht. Die französische Kritik spricht in diesem Zusammenhang gern von "noblesse de ligne".

 

Mit gleicher Noblesse gestaltet Markus Bothe auch die Inszenierung. Man schlage einen beliebigen Band mit "Trovatore"-Szenenfotos auf, dann sieht man, was ich meine: Keine Kostümopulenz. Keine Schmachtposen. Keine Hellebarden, Rüstungen, Helme und Waffenröcke. Stattdessen Betonung der Kernmotive: Die Frau als Opfer. Das Verhängnis der Flamme. Die unheilvolle Spur des vergossenen Bluts. Die Unbehaustheit der Menschen, dem Sturmwind der Triebe schutzlos preisgegeben. So balanciert die wohldosierte Nüchternheit des Konzepts den Überschwang der schlecht geführten Kolportagehandlung aus und schafft durch überlegene Dialektik einen Opernabend von einmaliger Überzeugungskraft.

 

Die Stimme der andern

> Der Bund

> Berner Zeitung

 

Das Verhängnis der Flamme.

Die ungestümen Triebe.

Der stimmstarke Chor.