Franz Josef Bogner.

Rezitationsabend.                  

Gastspiel im Théâtre de Poche, Biel.

Bieler Tagblatt, 13. Februar 1971.

 

 

Nicht Gast, sondern selber Gastgeber zu sein, nicht vorzuführen, sondern schauen zu lassen, dies waren wohl die Absichten Franz Josef Bogners, als er die wenigen Leute, die sich eingefunden hatten, wie Eingeweihte behandelte. Es wurde demnach keine Perfektion angestrebt, kein falscher Glanz stellte sich ein, mit kärglichen, aber bewusst eingesetzten Mitteln konnte dort viel herausgeholt werden, wo scheinbar wenig war. Nicht alles gelang jedoch; wie bei jedem Werkstattbesuch waren Gutes und Minderwertiges nahe beieinander, und Aufgabe des Kritikers ist es, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.

 

Misslungen waren jene Teile, wo Bogner versuchte, falsche Fülle dadurch zu entlarven, dass er sie als solche behandelte, denn dazu reichten seine handwerklichen Mittel nicht aus. Das Unterfangen wirkte peinlich, weil er sich selbst blossstellte und sein anvisierter Gegenstand weiterhin fröhlich obenauf­schwamm. Indem Bogner zwar intelligent, aber nicht gewandt genug vorging, wurde einem die Kluft zwischen Absicht und Resultat schmerzhaft bewusst.

 

Schade war auch, dass bei ihm selbst, der sich doch gegen alles Entleerte und Mechanische wendet, immer wieder der Eindruck von Routine aufkam. Die "private" Sprache, mit der er zwischen einzelnen Fabeln Überleitungen herstellte, wirkte gerade wegen des unzähligen Verhaspelns dermassen manieriert, dass sie nicht mehr glaubwürdig war. Mit scheinbar absichtslos hingeworfenen Erklärungen schüttete er die Tiefe wieder zu, die sich während des Erzählens auftat, und diese Erklärungen erweckten den Eindruck, als ob der Zuschauer, aller Intimität zum Trotz, nicht ernstgenommen würde.

 

Doch mit einem Male entsteht während des Rezitierens Eigenes, das alle Einwände unwichtig werden lässt, eine Stille bricht an, während Bogner und die Zuschauer ganz in das hinein­horchen, was neu und stark zum Vorschein kommt. Da schafft Bogners kritisches Künstlertum plötzlich Fragezeichen, die über das Exempel hinaus Gültigkeit haben. Wo ein Schwan den andern mit "Wir Schwäne" anspricht und dieser zurückfragt: "Sind wir denn Schwäne?", da wird eine geistige Verwandtschaft mit Handke erkennbar, der seinen Kaspar sagen lässt: "Ich bin nur zufällig ich." Hier findet die Suche nach Wahrheit, die den ganzen Abend spürbar war, intensivste Erfüllung, und wegen dieser Wahrheitssuche müssen Bogners Rezitationen auch ernstgenommen werden.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]