Wer mit wem? © Christophe Raynaud de Lage, coll. Comédie-Française.

 

 

 

La Règle du jeu. Jean Renoir/Christiane Jahaty.

Schauspiel.                  

Christiane Jahaty. Comédie-Française, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 26. November 2017.

 

 

Vor einem Jahr, auf der selben Bühne, bürgerliches Illusionstheater vom Feinsten: "Romeo und Julia", zart und einfühlsam inszeniert vom Herrn des Hauses, Eric Ruf, und "Der Vater" von Strindberg, eine Studie der Abstufung von Dämmertönen beim Einnachten von Tag und Seele (Inszenierung: Arnaud Desplechin). Immer war da die vierte Wand. Die Schauspieler taten, als sähen sie die Zuschauer nicht. Sie lebten ganz in der versunkenen Welt der 1950er Jahre ("Julia"), beziehungsweise des 19. Jahrhunderts (Strindberg).

 

Und jetzt, zu Beginn der neuen Spielzeit, der grosse Aufbruch: Auflösung der Abschottung zwischen den Künsten. Jetzt werden die unterschiedlichen Geschwister Theater und Film nicht nur zusammengebracht, sondern zur Interaktion angespornt. Eine Leinwand ist zwischen die Bühnenportale der Salle Richelieu gespannt, und sobald das Licht ausgeht, zeigt ein Film das Eintreffen der Gäste zu einem Empfang, und zwar, was die Authentizität der Reportage erhöht, während der ersten zwölf Minuten ohne einen Schnitt.

 

Autos fahren vor der Kolonnade der Comédie-Française an der Place Colette auf, dann geht's am Wachmann vorbei in die neoklassizistische Eingangshalle, wo die Ankömmlinge begrüsst, mit Drinks und Häppchen versehen werden. Dann werden die üblichen Komplimente zu Aussehen und Kleidung ausgetauscht und die üblichen Verdächtigungen des Wer-mit-wem aufgenommen. – Die Bühne, nein: der Film zeigt also die Orte, durch die die Zuschauer gekommen sind, aber unter veränderten Bedingungen. Was wir gerade in der Realität erlebten (das Hereinkommen ins grosse Haus), erleben wir nun noch einmal in der Fiktion, und die Spiegelung bestätigt Marcel Duchamps Reflexion, jedes verschobene Objekt sei ein Objekt der Kunst (tout objet déplacé est un objet d'art).

 

Mit der Anlage des Spiels treibt indes die Verantwortliche des Abends, Christiane Jahaty, als Regisseurin und Cineastin die Reflexion noch weiter bis zur Reflexion der Reflexion der Reflexion. Die Schauspieler der Comédie-Française, die sich selber zu spielen scheinen, spielen in Wirklichkeit (das heisst im Film) den Plot und die Figuren von Jean Renoirs Film "La Règle du jeu" nach, ohne jedoch zu vergessen, wer sie sind und wer sie waren.

 

Wenn sich nun der Jahaty-Film nach 27 Minuten auflöst und in einer letzten, szenisch aufregenden Überblendung in die Realität der leeren Bühne mündet mit ihren Scheinwerfern und Zügen, lehnen an der Rückwand Kulissenteile aus "Romeo und Julia" und dem "Vater". Auf diese Fragmente der abgespielten Fiktion werden jetzt Geschehnisse projiziert, die eine vergessene Kamera in jenen Bereichen einfängt, die dem Zuschauerauge entzogen sind. Damit gerät buchstäblich eins ins andere. Die Schauspieler, die die Dialoge Jean Renoirs sprechen, sprechen zuweilen ebenfalls über sich als Schauspieler der Comédie-Française und gar, wenn sie das Publikum anreden, auch über sich als Menschen.

 

Die Auflösung der Grenzen, die Christiane Jahaty und Jean Renoir als ästhetisches Experiment veranstalten, führt zur Verschmelzung verschiedener Ichs zu neuen Paaren. Dadurch erwächst aus der Fusion die Konfusion. Der Ausgang ist nichts als folgerichtig: Die Verwechslung zweier Mäntel hat zur Folge, dass die eine Person für die andere gehalten und deshalb irrtümlich erschossen wird. Die Verkleidung wurde mit der Realität verwechselt, das Spiel mit der Wirklichkeit. Auf diese Weise stellt "La Règle du jeu" als theatralische Realisation eine bemerkenswerte, aber prekäre Balance dar: Die Aufführung, die mit lauter Reflexionen arbeitet, kritisiert am Ende sich selbst, weil das Spiel tödlich ausgeht.

 

So konsequent das auch ist und überdies scharf gedacht und immer wieder auch unterhaltsam, fehlt der Produktion, die Film und Theater kombiniert, übers Ganze genommen doch das gewisse Etwas, das man früher mit dem Ausdruck "Beseelung" zu fassen versuchte; und man wird dazu geführt, über Nicolás Gómez Dávilas Feststellung nachzudenken: "Die geschwollene Eloquenz der ästhetischen Theorien wächst mit der Mittelmässigkeit der Werke". Denn Partylaune, Techtelmechtel, Eifersucht und ein tödlicher Schuss reichen am Ende nicht, um jene menschliche Relevanz hervorzurufen, mit der die grossen Autoren ihr Publikum packen. Auf schauspielerische Veranstaltungen wie die "Règle du jeu" pflegt die Pariser Theaterkritikerin Fabienne Pascaud deshalb mit der Frage "So what?" zu reagieren. Das Problem liegt wohl im Punkt, den Nicolás Gómez Dávila in die Worte fasste: "Literatur, die den vergnügt, der sie macht, langweilt den, der sie liest." Q.e.d. Nachzuprüfen in der Comédie-Française.

Die Kamera wirft Entscheidendes auf die Kulissenteile.

 
 
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