"Wie bin ich hier hereingekommen? Wo befinde ich mich?" © Christian Kleiner.

 

 

 

Die Irrfahrten des Odysseus. Elmar Goerden.

Schauspiel.                  

Elmar Goerden. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 10. November 2017.

 

 

Für die Revolution stehen die Sachen schlecht. Robespierre ist daran, die Macht an sich zu ziehen und seine später berühmte Schreckensherrschaft zu etablieren (la terreur). In einer flammenden, aber auch verzweifelten Rede beklagt sich Camille Desmoulins, der den Sturm auf die Bastille anführte, über die geistige Trägheit des Volks. Es verwechselt die Wirklichkeit mit dem Theater und das Theater mit der Wirklichkeit. Camilles Geliebte hört fasziniert zu. Camille: "Was sagst du, Lucile?" Lucile: "Nichts, ich seh dich so gern sprechen." Camille: "Hörst du mich auch?" Lucile: "Ei freilich!" Camille: "Hab ich recht? Weisst du auch, was ich gesagt habe?" Lucile: "Nein, wahrhaftig nicht."

 

Der Dialog, den Büchner in seinem Drama "Dantons Tod" überliefert, beschreibt auch die Verhältnisse in Elmar Goerdens neuestem Stück. Der Autor betreibt als Regisseur in den "Irrfahrten des Odysseus" ein virtuoses, ein beklemmendes, ein witzig-anregendes und ein verstörendes Spiel mit der Aufhebung der Grenzen.

 

Das Muster stammt von Homer. Der vielgewanderte, vielgeprüfte Held wird auf der Rückfahrt von Troja mal da, mal dorthin getrieben, landet mal auf der, dann auf jener Insel. Längst ist sein Weg von der geraden Linie abgekommen, ist ausgewachsen zum Labyrinth. Von hier und von dort, von oben und von unten sprechen ihn Wesen an und halten ihn fest, Menschen und Götter, Lebende und Verstorbene, aus dem Himmel, aus der Erde, aus der Luft, aus dem Meer: Nymphen, Dämonen, Mischwesen und Riesen.

 

Zehn Jahre dauert die Heimfahrt, und wenn die Vorstellung in den Vidmarhallen zu Ende ist, ist Odysseus noch immer nicht bei sich angekommen, im Gegenteil, da ist er sich ganz abhanden gekommen: "Ich bin niemand", sagt er in seinem letzten Satz. Er bildet ein Echo auf die Rede des geblendeten Polyphem, und damit eine neue Biegung in der Endlosschlaufe der faszinierenden Irrfahrten. ("Faszinieren" ist ein lateinisches Wort und bedeutet eigentlich "bezaubern", "verhexen".)

 

Elmar Goerden verzaubert uns dadurch, dass er in seinem neuesten Stück die Grenzen dergestalt aufhebt, dass wir dazu kommen, sein Theater mit der Wirklichkeit zu verwechseln und die Wirklichkeit mit dem Theater; etwa, wenn sich der Hauptdarsteller zur Souffleuse beugt: "Sabine, steht das wirklich so im Stück?". - Goerden könnte das Spiel weiter und weiter treiben, man wird seiner nicht müde, denn "ich seh dich so gern sprechen".

 

Es geht einem dabei wie Lucile: "Hörst du mich auch?" "Ei freilich!" "Hab ich recht? Weisst du auch, was ich gesagt habe?" "Nein, wahrhaftig nicht." Aber darin liegt eben das Wesen der Faszination: Dass einem die Dinge vertraut vorkommen und zugleich rätselhaft. Bei den "Irrfahrten" stammt die Ebene des Vertrauten aus unserer Alltagswelt. Goerden verwendet Requisiten, Kostümteile, Sprachfloskeln und Haltungen als Wirklichkeitszitate. "Tagesreste" nennt sie Sigmund Freud in seiner "Traumdeutung". Sie bewirken kurzzeitig einen entlastenden Aha-Effekt, der sich durch ein Lachen oder Schmunzeln kundtut, weil wir für einen Moment wieder Boden spüren. Aber schon packt uns die nächste Welle und spült uns wieder ins offene Meer der Unsicherheiten, der Assoziationen und der Gefahren. Was uns dabei zustösst, übersteigt unseren Verstand, unser Weltbild, unsere Worte.

 

So machen wir bei den "Irrfahrten des Odysseus" Erfahrung auf Erfahrung. Wir merken, dass sich durch das Erlebte ein Muster bildet, und hinter dem Muster ahnen wir eine Führung, die mehr ist als der Autorenwille, weil sie den Rahmen der menschlichen Vernunft übersteigt. Die Griechen nannten diese den Lauf der Dinge und der Welt bestimmende Führung Schicksal (Tyche) und Notwendigkeit (Ananke). Ihnen waren auch die Götter unterworfen.

 

Indem nun Elmar Goerden diese Mächte, die bis in unseren Alltag hineinwirken, in seinem Stück heraufbeschwört, macht er die Erfahrung des antiken Stoffs auf doppelsinnige Weise gegenwärtig: (1.) Als Erfahrung, die uns Homer durch sein Epos weitergab, und (2.) als Erfahrung, die wir hier und jetzt in der Begegnung mit dem Mythos machen.

 

Lucile wird das nicht begreifen. Denn leere Köpfe werden den Abend als leer, volle als voll erfahren. Lucile wird nicht erkennen, dass hinter jedem szenischen Moment etwas Unfassbares und Unaussprechliches steckt (eben das mythologische Muster). Sie wird es aber, wenn sie Antennen hat, erleben können als lebensvolle, bedeutsame Dichte, die die Leere des Alltags übersteigt. Deshalb wird sie darauf antworten: "Ich seh dich so gern sprechen."

 

Wer allerdings als Zuschauer einen wohlgefüllten Kopf mitbringt, der mit Elastizität auf das reagieren kann, was ihm Elmar Goerdens "Irrfahrten" zuspielen, der wird das Gesehene mit seinem Gehalt füllen können. Er wird fähig sein, Eigenes in die Formen hineinzuinterpretieren, so dass sie nicht mehr hohl sein werden, sondern voll. Er wird damit die Rolle des Mitschöpfers übernehmen. Wer aber zum lustvollen Akt der Kreation begabt ist, kennt keine Längen, weder unterwegs in der S-Bahn noch bei den "Irrfahrten des Odysseus". Anders herum gesagt: Ein Werk, das man nicht mitschafft, ist keins. "Ohne verständigen Leser gibt es keinen scharfsinnigen Text", statuierte Nicolás Gómez Dávila, und stellte fest: "Nicht die Botschaft eines Buches, sondern sein Klima ist es, das uns dazu einlädt, in ihm zu hausen." Dass Elmar Goerden diese Erfahrung hervorruft, macht die Produktion, im wahren Wortsinn, aussergewöhnlich.

 

Schon die erste Spielminute zeigt, dass man es mit Aussergewöhnlichem zu tun bekommen werde: Eine Frau kommt von links herein, zieht an uns auf der breiten Bühne vorbei und verschwindet auf der rechten Seite. Man kann in diesem stummen Auftritt eine Allusion ans Nummerngirl sehen, das anzeigt, dass die Vorstellung jetzt beginne. Und in der Tat hört während ihres Ganges das Gemurmel im Zuschauerraum auf. Schon nur, weil es etwas zu sehen gibt. Sie zieht nämlich mit ihrer Rechten den Zipfel eines weissen Tuchs nach, das endlos aus der Kulisse gleitet, bis es die ganze Bühnenbreite einnimmt. Man kann darin ein Segel sehen, das Kalypso entfernt, damit Odysseus und seine Gefährten die Insel nicht mehr verlassen können, auf der die Zauberin die Männer sieben Jahre lang festhalten wird. Die Episode folgt nämlich gleich. Man kann aber auch die Länge des Tuchs darin sehen, an dem Penelope zwanzig Jahre hindurch webt und webt, während sie in Ithaka auf die Heimkehr des Gatten wartet.

 

Das alles lässt sich in den ersten, stummen Auftritt hineinlesen, und damit ist schon die Tonart exponiert, in der die Aufführung ablaufen wird: Mehrdeutige Vielschich­tigkeit, Heraufbeschwörung gefüllter Rätselhaftigkeit durch einfache, fassliche Zeichen. Auf diese Weise ereignet sich in den Vidmarhallen symbolische Rede, wie wir ihr in unserem hyper­pragmatischen Alltag nur noch im Traumleben begegnen, wenn wir sie zulassen und nicht mit Zolpidem aus dem Bewusstsein fernhalten.

 

Aus der Eröffnung entwickelt sich folgerichtig, wenngleich rätselhaft, das Spiel. Stéphane Maeder tritt auf. Seine Rolle ist die Chiffre für Odysseus, Goerden bezeichnet sie bloss als "O.". Maeder stösst auf eine Unbekannte, die er mit mehrschichtiger, aber durchaus heutiger Rede anzusprechen beginnt. Sagen mischt sich da mit fragen, Spontaneität mit Neugier, Vorsicht mit Rücksichtnahme. Und damit sind wir schon, im Modus der Alltäglichkeit, in der Tiefe des Mythos, der die Situation des Ankommens entfaltet. Es geht nicht nur um die Frage: "Wer sind Sie?", sondern auch um die Frage: "Wie bin ich hier hereingekommen? Wo befinde ich mich? Wie komme ich von hier aus weiter?" Damit ist auch schon das Thema der Irrfahrt gesetzt, das jetzt in unendlichen Modulationen den Abend bestimmen wird. Und damit stehen wir auch ein erstes Mal, wenn wir so wollen, vor der Lacanschen Uneigentlichkeit: "L'homme fait la parade, la femme la mascarade."

 

Ab dieser Minute stellt sich bereits auch das Theaterglück ein, dass der grosse Darsteller Stéphane Maeder ohne je auszugleiten oder zu ermatten die Zuschauer durch die gefüllte Mehrschichtigkeit der "Irrfahrten" zu tragen vermag. Man wird nicht müde, seinem Gang durch das Labyrinth von Schicksal und Notwendigkeit zu folgen. Denn "ich seh dich so gern sprechen".

 

 

Die Stimme der andern

> Der Bund

> Neue Zürcher Zeitung

> Berner Zeitung

Requisiten, Sprachfloskeln und Haltungen sind Wirklichkeitszitate.