"Che gelida manina" - hier ist die Inszenierung konventionell. © Jutta Missbach.

 

 

 

La Bohème. Giacomo Puccini.

Oper.                  

Marcus Bosch, Alexandra Szemerédy, Magolna Parditka. Staatstheater Nürnberg.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 31. Oktober 2017.

 

 

In seiner "Bohème" bringt das Staatstheater Nürnberg das seltene Phänomen einer Aufführung zustande, die wobbelt: Einer Reihe von überraschend gelungenen Einfällen steht eine ebenso lange, wenn nicht längere Reihe von Entgleisungen, Geschmacklosigkeiten und handwerklichen Schwächen gegenüber. Insgesamt überwiegt der Ärger. Auch wenn man über die Stärken nicht hinwegsehen kann: Ein sehr gutes Orchester, besser als an andern Dreispartenhäusern, und ein Sängerensemble, das wirklich noch ein Ensemble ist; das heisst, die Besetzung ist nach zwei Jahren immer noch dieselbe wie an der Premiere am 21. November 2015.

 

Alle bringen sehr gutes Material mit. Man kann sich vorstellen, dass eine beglückende Produktion möglich wäre, wenn eine sensiblere Stabführung Sänger und Orchester angeleitet hätte als das Nachdirigat von Marcus Bosch, der irritierenderweise der GMD ist. Aber bei der "Bohème" ging seine Interpretation in schon recht bedauerlichem Mass am Charakter des Werks vorbei. Die Sorge, das Ganze zusammenzuhalten, betrog die Partitur ums Aufblühen. So schön das Orchester die leisen Stellen spielte, sie waren nie beseelt. Und die lauten waren stets zu laut, so dass die Sänger zugedeckt wurden. Kitschig war's zwar nie. Aber dafür teutsch. Auch keine Lösung. Wäre ein berühmter Pariser Operndirektor im Saal gesessen, er hätte gemurmelt: "Mehr Schmalz!"

 

So gingen die Vor- und Nachteile auch bei Regie, Bühnenbild und Kostüm auseinander, die alle aus einer, bzw. vier Händen stammten, nämlich vom Team der ungarischen Frauen Alexandra Szemerédy und Magolna Parditka. Unter ihrer Leitung durchläuft die Aufführung die Zonen (1.) gescheit, (2.) belanglos, (3.) konventionell, (4.) verunglückt.

 

(1.) Gescheit ist zum Beispiel, die Wiederaufnahme der Motive ("Che gelida manina" oder "Mi chiamono Mimi") in Mimis Sterbeszene dadurch zu motivieren, das Rodolfo, der Dichter, Manuskriptblätter hervorzieht und mit dem Finger auf die einzelnen Zeilen weist: "Siehst du, ich hab's aufgeschrieben! Unsere Liebe ging nicht verloren. Sie ist übergegangen in die Literatur!" Im Moment, wo Mimi erlischt, zeigt also die Inszenierung die Geburt der "Bohème" aus der "Bohème". Das ist neu. Und es ist gescheit.

 

Viel anderes ist aber, wie gesagt, belanglos (2.). Etwa dass die Farbe rot durch die Aufführung gezogen wird, nachdem sie in den ersten Gesangszeilen exponiert wurde: "Verbrennen wir das Rote Meer?" (Bruciamo il Mar Rosso?) Später bekommt Mimi eine rote Mütze, Musetta singt ihren Walzer bei roter Beleuchtung, und im Atelier wird der Stuhl am Ende rot gestrichen. Nun stiftet aber die Repetition eines Einfalls noch nicht Zusammenhang. Bei solcherlei Belanglosigkeiten wird man deshalb von ambitionierter Pseudo-Symbolik reden.

 

Dann schon lieber (3.) schlichte Konventionalität: Dass im 2. Bild immer noch der Kinderchor hinter Parpignol herläuft und Mimi immer noch vor dem Sterben einen Muff bekommt. Leider ist er dann weg, wenn sie dankbar feststellt, nun werde sie nie mehr kalte Hände haben. Weggerutscht? Oder pseudotiefsinniger Regieeinfall? So oder so, der Moment ist verunglückt (4.).

 

Es ist unverkennbar: Das Staatstheater Nürnberg ist, wie die Betriebsökonomen sagen, "gut aufgestellt". Es ist nachvollziehbar, dass Intendant Peter Theiler (der seine Laufbahn in Biel-Solothurn aufnahm) ab nächster Spielzeit die Dresdner Oper leitet. Aber der Geist weht, wo er will. In der Nürnberger "Bohème" blies er nicht kräftig genug, um die Produktion in Fahrt zu bringen. Man verlässt sie mit einem flauen Gefühl. Als sei einem die Aufführung das Beste schuldig geblieben.

Mimi bekommt eine rote Mütze geschenkt.

Schaunard trägt einen roten Mantel. 

Durch die Idylle geht ein verhängnisvoller Riss.

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