Der ganze Bühnenraum läuft auf den Blick der Jungfrau zu. © Marion Bührle.

 

 

 

Die Jungfrau von Orleans. Friedrich Schiller.

Schauspiel.                  

Peter Wittenberg, Florian Parbs, Nicole von Graevenitz. Staatstheater Nürnberg.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 31. Oktober 2017.

 

 

Die Schiller-Abstinenz war unfreiwillig. Den "Räubern" begegnet man noch hie und da. Auch "Kabale und Liebe" manchmal. Aber dem grossen klassischen Schiller? Gar der "Jungfrau von Orleans"? Nie im Leben; jedenfalls, was das vergangene halbe Jahrhundert angeht. Und so ist jetzt die "romantische Tragödie" mit einem Prolog und fünf Akten eine (Neu-)Entdeckung, eine beglückende Überraschung. Alle Qualitäten, die die Zeitgenossen am Weimaraner schätzten, arbeitet Peter Wittenbergs gegenwärtige Inszenierung so exakt heraus, dass sie frisch und schlackenlos in Erscheinung treten wie am ersten Tag.

 

Da ist zunächst die Qualität der Sprache. Andrea Breth und die paar andern, die Ohren haben, sind davon zu recht entzückt. Die Trefflichkeit des Satzbaus, die Schiller gewann, indem er mit rollenden Lippen stampfend und schnaufend in der Stube auf und ab ging, führte zu einer ungemeinen Fasslichkeit des Ausdrucks. "Das Fassliche wird uns immer zuerst ergreifen und befriedigen", stellte Goethe dazu fest. Und Schiller trieb die Sprache bis zur Zitatfähigkeit weiter. So schafften es etliche Stellen aus der "Jungfrau" bis in die "geflügelten Worte" von Georg Büchmann. Etwa: "Wie kommt mir solcher Glanz in meine Hütte?" Oder: "Kann ich Armeen aus der Erde stampfen? / Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?" Oder: "Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen." Oder: "Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens." Oder: "Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!"

 

Peter Wittenberg lässt diese Sätze aus der Handlung wachsen und ganz beiläufig sprechen. Damit kommt das Drama schlank und pathosfrei zur Darstellung, und seine Trefflichkeit steigert sich zur Vortrefflichkeit. Mit dieser Grösse imponierte Schiller schon den Zeitgenossen. Auch Goethe: "Schiller ist so gross am Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm von grossen Ansichten lebt, geht immer frei heraus, ohne Rücksicht und Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein!"

 

Die Produktion am Nürnberger Schauspielhaus bringt uns diesen Schiller nahe, indem sie auf allen Schnickschnack wie Helmbüsche, Schwerter, Eisenrüstungen und Hermelinsmäntel verzichtet. Sie fokussiert, mit Hilfe von Florian Parbs' Bühne, auf Johannas Augen. Ein kühner, radikaler, ja ein trefflicher Gedanke. Der Zuschauer kann diesem Blick nicht ausweichen. Der ganze Bühnenraum läuft nämlich auf ihn zu, indem er sich nach hinten perspektivisch verjüngt. Und da, wo er aufhört, ist die Leinwand, auf die während der ganzen Aufführungsdauer live Johannas Augen projiziert werden. Jedenfalls solange sie eine Begeisterte, das heisst eine vom Geist Geführte ist. So lange kann diesem Blick auch niemand ausweichen. Auf ihn bezieht sich jeder und alles. Er entspricht dem Blick des Allmächtigen, wie er, zum Beispiel auf der Dollarnote, im Dreieck der göttlichen Dreifaltigkeit abgebildet ist. Und damit kommt hinter der Geschichte (verstanden als Drama und Historie) die Dimension des Transzendenten ins Blickfeld. Der Konfusion der Menschen steht die Vorsehung Gottes gegenüber: hominum confusione et dei providentia. Und das alles mit wenigen Strichen.

 

Von unten besteigen die Menschen der Unterschicht die Bühne der Staatsaktionen, und nach unten treten sie wieder ab. Damit wird die Bühne, wie es die Weimaraner liebten, zum "symbolischen Lokal". Hier wird alles, was Bedeutung gewinnt, zum Gleichnis: hominum confusione et dei providentia.

 

Beeindruckende Grösse zeigt Schiller auch durch die Sorgfalt, mit der er die Handlung baut und die Menschen in den Dialogen miteinander verkehren lässt. Sie sind alle eine Nummer grösser, als wir es gewohnt sind. Goethe zu Eckermann: "Schiller mochte sich stellen, wie er wollte, er konnte gar nichts machen, was nicht immer bei weitem grösser herauskam als das Beste dieser Neueren: ja, wenn Schiller sich die Nägel beschnitt, war er grösser als diese Herren." So ist bei der "Jungfrau von Orleans" der Begriff Klassizität wahrhaft am Platz. Er bedeutet nämlich "musterhaft" und "unüber­trefflich in seiner Art".

 

Diesen Qualitäten strebt Peter Wittenberg mit heutigen Mitteln nach. Er kürzt das Drama mit Sorgfalt und Behutsamkeit (mir fällt kein besseres Wort ein). Und ebenso behutsam führt er das Ensemble. Alle Kräfte des Nürnberger Schauspiels sind sprecherisch einwandfrei. Sie verwirklichen den Text redlich aus seiner Mitte heraus und verkörpern ihre Rollen mit zurückhaltender Distinktion. Damit prägt der Wille zur Konzentration die Aufführung in Bild, Sprache und Spiel.

 

Mit gleicher Klarheit wird auch Johanna gezeichnet. Keine Frage, dass Lilly Gropper der Rolle gewachsen ist. Aber nicht das heldenhaft Übermenschliche nötigt in ihrer Darstellung Respekt ab, sondern die Tatsache, dass in ihr die Transzendenz eine Verkörperung findet. Ihre Johanna ist nämlich nicht gross im schillerschen Sinn. Sie ist nur ein Mädchen. Und die Macht, die sie beseelt (griechisch: energeia), kommt von anderswo. Das zeigt mit lakonischer Ironie das Kostüm von Nicole von Graevenitz. Lilly Gropper trägt nämlich an ihrem Rücken drei schwarze Pakete mit Adaptatoren und Akkumulatoren, und an der Stirn eine Halterung für Lampe und Kamera. Auf diese Weise ruht das Auge Gottes auf ihr. Und auch das Auge des Zuschauers, das sieht und wägt und urteilt, wie es Schiller von der Bühne verlangte, "wo Anschauung und lebendige Gegenwart ist, wo Laster und Tugend, Glückseligkeit und Elend, Torheit und Weisheit in tausend Gemälden fasslich und wahr an dem Menschen vorübergehen, wo die Vorsehung ihre Rätsel auflöst, ihren Knoten vor seinen Augen entwickelt, wo das menschliche Herz auf den Foltern der Leidenschaft seine leisesten Regungen beichtet, alle Larven fallen, alle Schminke verfliegt und die Wahrheit unbestechlich wie Rhadamanthus Gericht hält."

Von unten besteigen die Menschen die Bühne der Staatsaktionen.

Johanna ist nur ein Mädchen - nicht gross im schillerschen Sinn.

Aller Schnickschnack fehlt, wie Schwerter, Helmbüsche, Eisenrüstungen.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]