Die Puppen haben eine Intensität, an die kein Video herankommt. © lupispuma.com/Volkstheater

 

 

 

Nathan der Weise. Gotthold Ephraim Lessing.

Schauspiel.                  

Nikolaus Habjan. Volkstheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 27. Oktober 2017.

 

 

Hervorragend ist dieser "Nathan", weil er alle, die Augen haben zu sehen, Ohren zu hören, ein Herz zum Fühlen und einen Kopf zum Denken, im Innersten aufwühlt, trifft und erschüttert. Drei Faktoren tragen zu diesem ungewöhnlichen Theatererlebnis bei: Erstens das Stück, zweitens die Regie, drittens die Schauspieler.

 

Die perennierende Aktualität der Lage im Nahen Osten, wo, gemessen an der Bevölkerungszahl, die meisten Kriege, die meisten Attentate und die meisten Toten produziert werden, unterstreicht von Nachrichtenausgabe zu Nachrichtenausgabe die Berechtigung von Lessings Plädoyer für eine Multikulturalität, in der die Gemeinschaft der aufgeklärt Toleranten den religiösen Auserwähltheitsdeppen Schach bietet und damit die Kraft des "wahren Glaubens" unter Beweis stellt, seine Anhänger "vor Gott und Menschen angenehm zu machen", und zwar ungeachtet von Farbe, Herkunft und Bekenntnis.

 

Es ist aufwühlend, während der Vorstellung im Volkstheater feststellen zu müssen, dass das Klischee von der Aktualität der Klassiker durch die betonharte Unbeweglichkeit von Politik und Vorurteilen beglaubigt wird, so dass sich, ach leider, Lessings "Nathan" stärker als jede andere Produktion heute als das ultimative Stück zur Zeit erweist.

 

Akademisch geschulte Dummköpfe werden zwar an Lessings immensem Stück nur das Altbekannte sehen: die Topoi der verschollenen Geschwister, der Wiedererkennungsszene (bei den alten Griechen: Anagnorisis) und des dafür nötigen Beweisstücks (bei Odysseus die Narbe, bei Figaro die Tätowierung, bei Nathan das Büchelchen). Aber die politisch engagierte Intendantin Anna Badora sieht das Potential der Theaterstrippen und versieht deshalb ihre "Nathan"-Produktion mit arabischen und englischen Übertiteln. Denn Aufklärung ist keine Tatsache, sondern, ach leider, nur ein Postulat, und heute, übers Ganze betrachtet, nicht weniger fragil als im 18. Jahrhundert.

 

Die Wirkung dieses "Nathan" am Wiener Volkstheater wäre indes nicht zustandegekommen ohne die treffliche Wahl des Regisseurs. Als Puppenspieler bringt Nikolaus Habjan ein besonderes, sozusagen seiner Profession geschuldetes Gespür für Bild, Stellung und Gebärde ein. Das führt oft zu ungewöhnlich langen Gängen und Pausen. Aber sie verstärken die Spannung. Sie halten den Bogen. Und sie ermöglichen Nachhall und Reflexion.

 

In den ersten Spielminuten denkt man: Das wird zu gross! Doch dann merkt man, dass die Grösse der Gebärden, die Deutlichkeit der Stellungen, die Expressivität der Körper, die vom Puppenspiel herkommen, dem alten Drama eine neue, respektvoll-ehrliche Wirkung abgewinnen, die gleichermassen die Zuschauer wie die Sache trifft.

 

An drei, vier Stellen werden die Rollen von Puppen übernommen. Die Begegnung von lebenden Spielern mit beweglichen, erschreckend lebensechten Masken gibt den Szenen eine Intensität, an die kein Video herankommt. Die schamanisch-analoge Verzauberungstechnik wirft das Drama in eine neue Dimension und macht es zum Weltbild im Sinne Heideggers: "Weltbild, wesentlich verstanden, meint nicht ein Bild von der Welt, sondern die Welt als Bild begriffen." Das leistet die "Nathan"-Inszenierung am Volkstheater. Das macht sie stark.

 

Es ist nichts als folgerichtig, dass die Schauspieler, die man schon in der und jener Produktion gesehen hat, ohne besonders beeindruckt zu sein, jetzt in ihrer Rolle alle stimmen. Man möchte sie nicht anders haben, als sie hier sind: Der Darsteller des Saladin mit klarer, heller Humanität (Gábor Biedermann), der junge Tempelherr mit geradlinigem, herzlichem Ungestüm (Christoph Rothenbuchner), die starke, unverbildete Recha, eine wahre Nathans­tochter (Katharina Klar), Stefan Suske als von innen her leuchtender Klosterbruder, und dann der Titelheld selbst (Günter Franzmeier), vielgestaltig und erschütternd in jeder Situation durch die Echtheit seines Spiels.

 

Sie alle sind beeindruckend durch die Verständlichkeit und Selbstverständlichkeit ihrer Diktion. Da fallen die beiden Nebenrollen Daja (Claudia Stabitzer) und Sittah (Steffi Krautz), ohne in der Wahrheit ihres Spiels zurückzubleiben, in unzulässiger Weise ab. Aber soll man deswegen sagen, dieser "Nathan" sei nicht hervorragend? Das wäre der Gipfel der Beckmesserei und eine unangemessene Reaktion auf die künstlerisch absolut beeindruckende Umsetzung von Lessings Toleranzdrama, wie sie "zur Zeit" am Wiener Volkstheater dargeboten wird, das heisst: als intelligente und integre Reaktion auf die zur Zeit ach leider unvermindert aktuelle Lage im Nahen Osten und bei uns.

Der ungestüme Tempelherr und der überrumpelte Nathan.

Die Puppe des Patriarchen als Symbol der Inhumanität religiöser Rechthaberei.

Aufklärung ist keine Tatsache, sondern, ach leider, nur ein Postulat.