Die Namenlosen sind in ihrer nackten Haut unterwegs. © lupispuma.com/Volkstheater

 

 

 

Iphigenie in Aulis/Occident Express. Euripides/Stefano Massini.

Schauspiele.                  

Anna Badora. Volkstheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 27. Oktober 2017.

 

 

Die "Süddeutsche Zeitung" beendete ihren Totalverriss mit dem Fazit, das Beste am Abend sei noch die Pause gewesen. Ich muss nun zu meiner Beschämung gestehen, dass mich die Kombination von Euripides und Stefano Massini, Ilias also und Gegenwart, aufwühlte und traf. Und wenn ich mir Rechenschaft zu geben suche, woher meine Empfänglichkeit für Anna Badoras Volkstheater-Produktion kommt, werde ich auf meine allerersten Theatererlebnisse verwiesen. – Denn schon damals hatte sich bei mir eine Grundmeinung festgesetzt, ohne dass ich zu sagen wüsste, ob sie mir eingeflösst, ob sie bei mir angeregt worden oder ob sie aus eignem Nachdenken entsprungen sei. Es war nämlich die: bei allem komme es auf den Grund, auf das Innere, den Sinn, die Richtung des Werks an: hier liege das Ursprüngliche, Wirksame, Unverwüstliche. Das Innere, Eigentliche zu erforschen sei daher eines jeden Sache. (Die Worte nach dem Gedankenstrich stammen aus dem 12. Buch von "Dichtung und Wahrheit".)

 

Was wird denn nun auf der inkriminierten Bühne gezeigt? Zunächst ein zweieinhalbtausendjähriges Stück mit mythologischem Inhalt. In Aulis versammelt sich das Heer der Griechen, um zum Krieg gegen Troja abzuschiffen. Aber dazu fehlt der Wind. Der werde erst blasen, erklärt der Priester, wenn der griechische Heerführer seine Tochter den Göttern geopfert habe. Von dieser Situation berichtet das Stück, und es verhandelt die damit verbundenen Konflikte. Die unentwirrbare Gemengelage voller ethischer, rechtlicher, politischer, religiöser, familiärer und menschlicher Implikationen führt in die "Aporie". So nannten die alten Griechen unauflösbare Problemstellungen. Am Ende ist es Iphigenie selbst, die den Knoten durchtrennt, indem sie sich "für die grössere Sache" von Staat und Recht und Ansehen opfert. Heute würde Tante Jolesch sagen: "Gott behüte uns vor allen grösseren Sachen, die einen Krieg rechtfertigen!" Aber das Problem wird von Euripides gestellt, und die Bühne führt nun vor, wie sich die Menschen dazu verhalten.

 

Damit wir uns aber der tätigen Reflexion hingeben können, die das Theater der Griechen betreibt, darf uns nichts Lachhaftes oder Befremdendes ablenken. Das Regieteam um Anna Badora entschliesst sich deshalb zu einer gängigen Sprache, die dem Aufnahme­vermögen keinen Widerstand bietet. Das ist für den Text die Fassung von Soeren Voima, und für die Bühne die Sprache des Regietheaters. Sie braucht die Zeichen, die das heutige Publikum erwartet: Lippenmikrofone, Blut, Projektionen, Live-Video, Schlamm, Wasserbecken, Regen, Klang (im Programmheft steht dafür stets: "Musik"), Tiere, Kinder, Vervielfachung der Figuren, nackte Schauspielerhaut und -pimmel.

 

Aber diese Elemente sind, zur Seltenheit, alle gerechtfertigt durch die Handlungen, die an diesem Doppelabend im Volkstheater gezeigt werden, und das ist das Aufregende. Die freischwebenden, sinnleer gewordenen Modernitätsattribute schaffen und unterstützen diesmal die Geschichte. Damit bekommen sie einen Zweck, werden sinnvoll. Madame de Staël, die der Kunst der Deutschen kritisch gegenüberstand, hätte ihre Freude gehabt. Denn "auf ihre ewigen Fragen bei jedem Dichtungswerke 'quel en est le but? [was ist das Ziel?]' stand selten eine Antwort in unserm Kunstkatechismus", berichtet die erste Schiller-Biographin Caroline von Wolzogen. Anna Badora hingegen wäre nicht ins Stammeln gekommen. Ihr Doppelabend verfolgt ein klares Ziel.

 

Zuerst einmal geht es darum, das antike Drama für heutige, junge Zuschauer nachvollziehbar zu machen. (Dass das greise Ehepaar in der Reihe vor mir nach der Pause nicht an seine Plätze zurückkam, war eine Wohltat. Seine Kleider rochen derart penetrant nach jahrzehntealtem Schweiss, dass ich während der ganzen "Iphigenie" nicht wusste, wohin ich meine Nase drehen sollte, um der Geruchsbelästigung zu entgehen.) Das Wasserbecken: Wir sind am Strand von Aulis. Das Blut: Es geht um ein Opfer. Die Haut: Die Uniform macht den General; nackt sind alle Herrscher bloss Menschen. - Das ist für junge Zuschauer einsichtig. Und zu diesen jungen Menschen spricht das Volkstheater. Wer von den alten wollte etwas dagegen haben?

 

Spannend auch die Kombination. Das antike Stück untersucht die Notwendigkeit und Berechtigung des Kriegs, und es behandelt die Frage unter politisch-strategischer Sicht. Dafür verwendet es die Führungsfiguren: den König (Menelaos), die Königin (Klytaimnestra), den General (Agamemnon), die Prinzessin (Iphigenie). Im Gegensatz dazu handelt das Stück aus dem Jahr 2015 von denen, die nichts anderes wünschen, als unbehelligt ihr kleines Leben zu führen. Goethe, unser Gewährsmann für Iphigenie, hielt fest, dass "im Frieden der Patriotismus eigentlich nur darin besteht, dass jeder vor seiner Türe kehre, seines Amts warte, auch seine Lektion lerne, damit es wohl im Hause stehe". Dann aber zwingen im "Occident Express" "die Halsabschneider" die syrischen Bürger, Männer, Frauen, Kinder, zur Flucht, zuerst ins Dorf nebenan, und dann weiter und immer weiter bis nach Europa.

 

Diesen Zug beschreibt der "Occident Express" von Stefano Massini. Da macht es Sinn, die Figuren auf der Bühne zu vervielfältigen, denn es sind viele, und sie sind austauschbar. Es wäre verlogen, sie nicht auszuziehen, denn sie waren in ihrer nackten Haut unterwegs, und es wäre unehrlich, das Wasser nicht zu zeigen, durch das sie schwimmen und waten mussten und in dem sie zu Tausenden umkamen. So baut sich der Abend aus klaren Gegensätzen auf, und gleichzeitig wird er gefasst durch die durchgängige Sprache des Regie­theaters, die ein junges Publikum erwartet und versteht.

 

Die Verständlichkeit des Worts aber, die liegt am Volkstheater im argen. Und die Schauspieler können nicht einmal etwas dafür. Es ist das Haus, das sich Anna Badoras Konzeption widersetzt, die Handlung auf die Vorbühne zu bringen. Je nachdem, wo nun die Schauspieler stehen und die Zuschauer sitzen, macht ein grausames Flatterecho den Empfang der Rede unmöglich. Die Materie wehrt sich gegen den Geist. Diese alte Tatsache führt der Saal des Volkstheaters den ganzen Abend lang erbarmungslos vor.

 

Im Frühling wird das Haus renoviert. Ob ein Posten für die akustische Aufbesserung vorgesehen wurde? Wenn nicht, wird  sich Intendantin Anna Badora überlegen müssen, ob sie da mit ihrem mutigen Stil weiterfahren könne.

Agamemnon steht auf dem Kothurn.

Klytaimnestra bewegt sich hoheitsvoll.

Der schlaue Odysseus gibt sich unterwürfig.

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