Die Handlung spielt im Treppenhaus. © Astrid Knie.

 

 

 

Die Wildente. Henrik Ibsen.

Schauspiel.                  

Mateja Koležnik, Raimund Orfeo Voigt, Alan Hranitelj. Theater in der Josefstadt, Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 27. Oktober 2017.

 

 

Die Antwort auf die Frage, ob man "Die Wildente", dieses Meisterschauspiel von Henrik Ibsen, spielen solle, hängt davon ab, ob man eine Hedwig habe oder nicht. Wenn man sie hat: Ja. Wenn man sie nicht hat: Nein. Die Josefstadt hat sie. Maresi Riegner bringt das richtige Aussehen mit und die richtige Ausstrahlung und auch, neben den "Erwachsenen", die richtige Körpergrösse. Man glaubt ihr das 14jährige versponnene und doch, ach, allzu wache Kind, das, obwohl erblindend, scharf sieht, ja überscharf sogar: mit den Augen der Liebe.

 

Wenn man eine Hedwig hat wie Maresi Riegner, kann man auf vieles verzichten. Auf 99 Prozent der von Ibsen geforderten Dekoration; also zum Beispiel auf Bücherwände und Polstermöbel, Lampen mit grünen Schirmen, einen Eisenofen, Fotoapparate, Schachteln und Flaschen mit Chemikalien ... Einzig die Tür zum Dachboden bleibt. Dahinter haust, inmitten von Kaninchen, die angeschossene Wildente in einem imaginären Wald von drei, vier vertrockneten Weihnachtsbäumen.

 

Man kann verzichten auf die Rollen von Buchhalter Gråberg und Aushilfsdiener Jensen und den fetten und den kahlköpfigen und den kurzsichtigen und "sechs weitere Herren". Man kann verzichten auf Gänge und Handlungen, also zum Beispiel auf "steht auf", "geht im Zimmer umher", "stellt seinen Stock in die Ecke" und "legt die Flöte ins Regal".

 

Man kann den ganzen ersten Akt streichen (den Empfang bei Grosskaufmann Werle) und das Verbleibende ohne Pause in fünf Viertelstunden durchspielen, fehlen wird nichts, und die Handlung, die Altmeister Ibsen so scharf gezeichnet hat, wird an Trefflichkeit und Wucht ("impact" hätt' ich am liebsten gesagt) nur zunehmen. Denn Verzicht bedeutet natürlich Konzentration, wie Ludwig Mies van der Rohe nicht müde wurde zu predigen: "Less is more."

 

Doch diese Konzentration aufs Wesentliche gelingt nur, wenn man das Wesentliche sieht, das heisst einen Zentralgedanken hat, in dem alle Fäden zusammenlaufen. Regisseurin Mateja Koležnik und ihr Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt haben ihn. Sie lassen die Handlung im Treppenhaus spielen. Oben die Tür zur Wohnung der Ekdals, unten, gedacht, der Eingang, das Fotoatelier und die Zimmer von Molvik, Relling und Gregers. Auf der Treppe begegnen sie sich, weil sie etwas wollen, was sie hinaus treibt, hinauf, hinunter, zueinander. Und dieses Wollen prägt nun, technisch gesprochen, ihren Auftritt, so dass sie, in den trefflichen Kostümen von Alan Hranitelj, eine Person, einen Charakter, eine Vergangenheit und ein Schicksal, kurz: eine Aura mitbringen, und diese Aura wird für den Zuschauer dadurch greifbar, dass nichts, was er sieht und hört, belanglos ist. Und darin liegt, die Josefstadt führt's vor, der Unterschied zwischen Kunst und Leben, und auch, wie man auf dem Theater nur allzu oft erfährt, der Unterschied zwischen Kunst und Nicht-Kunst.

 

So kommt jetzt, auf dem kurzen Weg von was: vier, fünf Metern? und einer Tiefe von zwei, höchstens drei Metern das mitreissende Können dieses herrlichen Ensembles zur Entfaltung. Jede Rolle ist deckend besetzt, ja mehr als das: trefflich. Die Menschen, die Ibsen beim Schreiben vorschwebten, sie sind da, und gerade im Kontrast von Körpergrösse, Gewicht, Alter und Gesichtsausdruck kommt die Konstellation ins Blickfeld, will sagen: ins Treppenhaus, die das Fundament von Ibsens Drama bildet.

 

Phänomenale Wandlungsfähigkeit dieses Ensembles. Roman Schmelzer, der vor kurzem im "Toten Gebirge" noch einen verwahrlosten Anstaltsinsassen spielte, verkörpert jetzt ebenso glaubwürdig Hjalmar als geschniegelten, aber persönlichkeits­armen Sonnyboy. Oder Siegfried Walther, als Komiker im "Gockel" unübertrefflich, gibt jetzt das Wrack des alten Ekdal mit einer Mischung von Kraft und Verlorenheit. Daneben das andere Paar von Vater und Sohn: Michael König, eine Stütze des Hauses, spielt den Grosskaufmann als Pragmatiker mit sympathischen Zügen. Sein Sohn Gregers ist mit einem Charakter­darsteller im wahrsten Wortsinn besetzt. So bringt Raphael von Bargen das Schmuddelig-Verbohrte des eigenbrötlerischen Heilsbringers und die irregeleitete Lebenskraft eines a priori nicht zum Glück geborenen Menschen eindrücklich zur Darstellung.

 

Daneben die beiden Geliebten des Grosskaufmanns: Susa Meyer als Frau Sörby, die gekommen ist, Abschied zu nehmen, gross, aufrecht, imponierend. Und jetzt, wo ihr zufällig Relling begegnet, kann sie dem Impuls nicht widerstehen, ein letztes Mal seinen Mund an sich zu ziehen, worauf der Arzt mit dem Satz abgeht: "Heute geh' ich mit Molvik saufen." - Enttäuscht auch Gina, Hedwigs Mutter, verbittert, verblüht, mit einem strengen Zug von Pflicht und Ergebenheit um den Mund. Am Ende wischt sie schluchzend mit dem nassen Lappen die Treppe auf den Knien, während sich der eiserne Vorhang senkt. Das Spiel ist aus.

 

Kürzlich sagte mir ein internationaler Theatermann und altgedienter Regisseur: "Ich halte im Moment die Josefstadt für das beste Theater im deutschen Sprachraum." Er könnte recht haben.

 

 

P.S. Gleichwohl darf aus Respekt vor dem Rang des Hauses nicht unterdrückt werden, dass es jetzt auch die Josefstadt erwischt hat, diese Stradivari unter den Schauspielbühnen. Zwei Ensemblemitglieder knödeln (= sprechen nicht deutlich): Die Darstellerin der Mutter Gerti Drassl und der Relling-Darsteller Peter Scholz. Es ist schon ein Unglück, wenn Sätze nicht mehr verstanden werden können wie: "Bringen Sie einen Durchschnittsmenschen um seine Lebenslüge, so bringen Sie ihn gleichzeitig um sein Glück." Es ist, wie wenn einem gegenübersitzenden Konversationspartner ein Zahn fehlte, oben oder unten tut nichts zur Sache. Drüber hinwegschauen bringt nichts. Man kann die Lücke nicht ignorieren. Ein Ärgernis.

Ein Kind belauscht die Begegnung von Vater und Sohn.

Im Dachboden haust die angeschossene Wildente inmitten von Kaninchen. 

Hinter der Konzentration aufs Wesentliche steht ein Zentralgedanke.

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