Für heutige Augen entzückend neuartig: die Kulissenbühne der vergangenen Jahrhunderte. © Reinhard Werner/Burgtheater.

 

 

 

Schlechte Partie. Alexander Ostrowski.

Schauspiel.                  

Alvis Hermannis. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 27. Oktober 2017.

 

 

Bei der "schlechten Partie" führt Regisseur und Bühnenbildner Alvis Hermannis vor, was Stil sei. Das ist selten und beeindruckend gleichermassen. In der Epoche, wo Ostrowskis Schauspiel entstand und aufgeführt wurde (1879), war die Frage nach Stil, Wirkung des Auftretens, Klasse so entscheidend, dass die Figur des Hochstaplers zum literarischen Sujet werden konnte; zuletzt und abschliessend bei Thomas Mann: "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Aber die Frage nach dem Stil beschäftigte auch die Komponisten; so entstanden zwischen 1884 und 1920 nacheinander "Aus Holbergs Zeit" (Grieg), "Le Tableau de Couperin" (Ravel), "Antiche danse ed arie" (Respighi) und "Pulcinella" (Strawinsky). An der Ringstrasse wurde das Vokabular der Stile in der Baukunst musterhaft durchdekliniert. Gegenüber dem Burgtheater das Rathaus: Neugotik. Daneben rechts die Universität: Neo­renaissance. Links das Parlament: Neoklassi­zismus.

 

Jetzt rückt, mehr als ein Jahrhundert später, mit der "schlechten Partie" am Burgtheater die Frage nach dem Stil wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit - Ostrowskis Stück und Stil vollkommen angemessen. Das beginnt mit dem Bühnenbild, das Alvis Hermannis herstellen liess. Es zitiert, für heutige Augen entzückend neuartig, die Kulissenbühne der vergangenen Jahrhunderte. Aber die Elemente sind, wie es die Riesenbühne des Burgtheaters nahelegt, in die Breite gezogen, so dass wir von einem zugleich sachgemässen und eigenständigen Umgang mit dem Hergebrachten reden müssen, wie es das Wort "Stil" impliziert. Die Wände sind – dem Stück, den Figuren und ihrer Zeit angemessen – mit dem synkretistischen Kitsch der nouveaux riches und parvenus behängt; das Wort "Basar", das im Stück fällt, trifft den Sachverhalt so genau wie den Kern der Handlung: Eine Mutter versucht, ihre mitgiftlose Tochter (eine "schlechte Partie" eben) möglichst lukrativ zu verschachern.

 

Damit führt Alvis Hermannis im Bild schon vor, dass Stil aus geistiger Disziplin erwächst, wie es Cato der Ältere formulierte: "Beherrsche die Sache, dann folgen die Worte." (rem tene, verba sequentur.) Und so folgt jetzt in bezwingender Konsequenz aus dem Stil von Werk und Bühne das Spiel der Schauspieler. Es hält sich während der ganzen Spieldauer von dreieinhalb Stunden auf dem scharfen Grat von Realität und Karikatur und bekommt damit auf die Länge – wie beim Zeitgenossen Wilhelm Busch – den Charakter der Groteske. Je weiter die Aufführung fortschreitet, desto deutlicher und, ja, beklemmender, kommen die gegensätzlichen Dimensionen des Abgefeimten und des Bemitleidenswerten ins Blickfeld. Damit hat die Regie von Alvis Hermannis die Möglichkeiten des Stücks vollkommen entfaltet und zusammengebracht durch eine Stilkunst von kristalliner Klarheit und Faszination.

 

Die kalte, scharf bemessene Wucht der Aufführung wäre indes nicht möglich ohne ein Ensemble und eine Statisterie, die durch langes Zusammenspiel bereits entdeckt haben, was Stil ist, und es deshalb nicht nur vermögen, sondern auch geniessen, stilvoll zu spielen. Wenn es auf der Bühne nichts Heikleres und Schwierigeres gibt, als Betrunkene zu imitieren, so kann man an Michael Maertens, Nicholas Ofczarek und Fabian Krüger studieren, wie man das macht, ohne vom scharfen Grat zwischen Realität und Karikatur abzurutschen, und alle drei – nein, schlechtweg alle – beweisen, dass die Darstellung einer Rolle mit dem ersten Auftreten beginnt. Sie dann aber über drei Stunden durchzuhalten, mit exaktem Spiel, das an den Rändern nie ausfranst oder schludrig wird, sondern zusammengehalten wird von der klaren, bewusst gesetzten Umrisslinie, ist nicht nur meisterlich, es ist wohl zur Stunde in der deutschen Theaterlandschaft unnachahmlich.

 

Die Makellosigkeit des Bildes wurde indes dadurch getrübt, dass zwei Schauspieler an der Premiere undeutlich sprachen (Marie-Luise Stockinger in der Emphase und Martin Reinke in jedem zweiten Satz). Das hätte es noch vor fünf Jahren nicht gegeben. Das Haus muss mit dem ganzen Gewicht seiner Institution gegen diese unheilvolle Entwicklung kämpfen. "Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt" hat dazu in ihrem Stehsatz (zuletzt verwendet bei "Hamlet" in Karlsruhe): Textverständ­lichkeit ist Chefsache. So stellte schon vor hundert Jahren der Theaterkritiker und Begründer der Wiener Germanistik Jakob Minor bei Adolf Sonnenthal (dem Wallenstein, dem Nathan, dem Lear des Burgtheaters) fest: "Selbst die treuen Wiener sagten: 'Er redet wie verschnupft'. Zum Teil hing das ja mit dem Ansatz der Stimme tief hinten am Gaumen zusammen; zum grössten Teil aber war es die Schuld mangelhafter Artikulation. Hier merkte man, dass es im Burgtheater lange Jahre an einem treuen Spiegel gefehlt hat; dieser Spiegel, den auch der grösste Schauspieler nicht entbehren kann, ist der Direktor. Lewinsky und Robert haben bei Laube sehr scharf artikulieren gelernt." Wenn darauf nicht mehr geachtet wird, braucht die Burg Alvis Hermannis kein weiteres Mal einzuladen.

Darstellungskunst auf der Scheide zwischen dem Abgefeimten und dem Bemitleidenswerten.

In Haltung und Körpersprache wird die Distanz zwischen den Figuren ablesbar.

In bezwingender Konsequenz aus dem Stil von Werk und Bühne folgt das Spiel der Schauspieler.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]