Alle Figuren zeichnen sich aus durch Glaubwürdigkeit und künstlerischen Takt. © Christian Kleiner.

 

 

 

Verdingbub. Plinio Bachmann und Barbara Sommer.

Schauspiel.                  

Sabine Boss, Hugo Gretler, Marialena Lapata. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. Oktober 2017.

 

 

Als Alfred Polgar 1918 eine Neuinszenierung von Anzengrubers "Meineidbauer" rezensierte, berichtete er in einer Kritik von notabene fünfzig Zeilen: "Herr Lackner spielte den Meineidbauer. Wie eben ein verlässlicher, sicherer Darsteller so harte bäurische Sünder spielt: hart und bäurisch." Hundert Jahre später bringt nun ein verlässliches, sicheres Team im Stadttheater Bern die traurige Welt zweier Verdingkinder auf die Bühne und zeichnet sie, wie man das eben macht, mit bleierner Lakonie hart und bäurisch.

 

So kommt die Aufführung bis zur Pause nicht vom Fleck. Der Elendshof der Bösigers liegt an der Schattseite. Nur drei Stunden pro Tag scheint die Sonne hin. In dumpfer Resignation vegetieren die Menschen kontaktarm nebeneinander. – Als der Ehetherapeut Ernst Schwyn von Biel ins Simmental gezogen war, stellte er fest: "Unten in der Stadt schimpfen und streiten die Eheleute. Hier oben aber gibt es keinen Streit. Nur kaltes Schweigen."

 

Spärlich tropfen die Worte. Im Stadttheater sind sie mit langen Pausen durchsetzt. "Du kannst bleiben. Wenn du willst. Als Knecht." Nicht immer sind sie verständlich; akustisch nicht (ach leider!) und semantisch auch nicht. Da schrumpft der Ausdruck auf ein hilfloses "Gopferdammi!" zusammen oder auf eine wortlose Gebärde.

 

An der Premiere kommen die Zuschauer in diese karge Stillage nicht hinein. Immer wieder schaffen sie es, das erste Wort, das sich nach langem Schweigen hervorwagt, mit einem harten Huster punktgenau zu überdecken und damit das Satzgebilde zu demolieren. In dieser Störung jedoch formuliert sich auch ein Kompliment: Die Sprachregie geht eben bis an die Grenze des Erträglichen, ja für einzelne Nervöse gar darüber hinaus. Und das so konsequent, dass sich auch nach der Pause nichts am Stil der Aufführung ändert.

 

Da aber hat sich der Blickwinkel des Publikums geändert. Die harte Einförmigkeit hat ihm zugesetzt. Und nun hat es gemerkt, dass es in der Welt der Bösigers nichts zu hoffen und nichts zu erwarten gibt: "Chrampfe, chrampfe, u chunnsch uf ke grüene Zweig", erklärte mir kürzlich ein 66jähriger Rebbauer am Nordufer des Bielersees. Gegen die Gefahr von Kitsch und Sentimentalität, die aus dieser Situation erwachsen kann, wappnet sich die Aufführung mit den Mitteln des epischen Theaters, und sie tut gut daran.

 

An der Brandmauer des Stadttheaters, vom mobilen Bühnenbild meist verdeckt, hängen die Kostümteile, die nach und nach ins Spiel kommen (Bühne und Kostüme Hugo Gretler und Marialena Lapata). Die Schauspieler treten aus der Rolle und werden zu Erzählern. In geraffter Form bringen sie jene Handlungsteile ein, die nicht gezeigt werden können. Und da verlässt Grazia Pergoletti die Darstellung der wortkargen, verbitterten Bäuerin und führt uns mit Berteli in die Stadt an die Tür ihrer leiblichen Mutter, die jetzt mit einem fremden Mann zusammenlebt, und da werden ergreifende Seelentöne hörbar, die nie im Leben über die harten Lippen der Bäuerin kommen werden.

 

Zum Konzept des epischen Theaters gehört auch der Wechsel von Hochdeutsch und Mundart. Als Zitat verwendet, verliert der Berner Dialekt seine folkloristische Gemütlichkeit und wird zum träfen Ausdruck bäurischer Wortkargheit. Und der verfremdenden Inszenierungsweise entspricht es auch, die beiden Verdingkinder mit jungen, aber nicht allzu jungen Schauspielern zu besetzen (Nico Delpy und Miriam Strübel). Damit kann kein Jöö-Effekt aufkommen.

 

Im übrigen aber bleiben die Figuren einförmig und klischiert (mit Ausnahme des alten Bösiger, der ganz am Schluss noch stumm in die Handlung eingreift - sehr überzeugend: Andreas Matti). Nach der Pause aber dämmert einem: Der Mangel an Farben, der Mangel an Veränderung ist nicht der Inszenierung anzulasten, sondern dem Leben, das sie abbildet und aus dem sie uns mit starrem Griff nie entlässt. Und so beginnen wir uns, wie die Verdingkinder, mit dem Gegebenen abzufinden. Die Personen wachsen uns paradoxerweise ans Herz, auch die bösen. Sie können nicht anders sein, als sie eben sind. Das Bühnenbild, das ständig mit Manneskraft gedreht werden muss und die Menschen doch nicht weiterbringt, führt damit vor, was es heisst, "im Kreis herum das Leben jagen" zu müssen, wie Kleist diese Form der Existenz bezeichnete.

 

In genauer Konsequenz setzt Regisseurin Sabine Boss die karge Vorlage auf die Bühne um, die ihr Plinio Bachmann und Barbara Sommer geliefert haben. Hier ist alles voraussehbar und alles klischiert, und die Aufführung bestätigt: Ja, so ist es. Unzählige Male greift Bösigers Hand bis zur Pause zur Schnapsflasche. Und dann, einmal, nach der Pause, Jakob, der Sohn des Hauses (Jonathan Loosli), der jetzt Bauer geworden ist, und da durchzuckt einen das Elend: Es geht weiter; nichts hat sich verändert.

 

Es geht einem auch auf, dass die Veränderung nicht von gutwilligen einzelnen herkommen könnte. Die neue Lehrerin aus der Stadt (Irina Wrona) versucht's zwar, wird aber vom System unsentimental beiseitegeschoben. Die Veränderung der Zustände wäre eine gesellschaftliche, politische Aufgabe. Aber dieser Aspekt liegt ausserhalb des Stückhorizonts. Damit mache es uns die Notwendigkeit gesellschaftlichen Wandels erst recht bewusst, können Gutwillige sagen, die über dialektischen Scharfsinn verfügen. Die Stumpfen dagegen werden das Manko nicht einmal bemerken. Es ist ja klar, was man vom Elend der Verdingkinder zu halten hat, und darum darf auch niemand etwas gegen das Stück haben, so uninspiriert es auch sei.

 

Denn Szenen aus dem Landleben kennen wir seit hundert Jahren. Tschechow hat welche geschrieben, und Gorki auch. Sie haben die Benchmark gesetzt punkto Farbe, Atmosphäre, Reflexion, psychologische Stimmigkeit, Differenzierung. Plinio Bachmann und Barbara Sommer bleiben da weit darunter. Das Ensemble hingegen nicht. Alle Figuren sind so exakt getroffen, dass sie sich, aller Simplizität zum Trotz, durch Glaubwürdigkeit und künstlerischen Takt auszeichnen. Immer wieder gelingt es der Regisseurin, sie so sanft und beiläufig zu führen, dass sich die Handlung zu einer Kette von einprägsamen Bildern emporsteigert.

 

Bei einer Aufführung von dieser Ensemblequalität wäre es an sich geraten, die Applausordnung der Comédie-Française zu übernehmen: Alle stehen nebeneinander in Reih und Glied, niemand tritt auf und ab, niemand wird speziell ausgezeichnet. – Anderseits ist nicht zu verkennen, dass das gruppenweise Auftreten der Schauspieler den Applaus verlängert. Und das ist im spröden Bern geraten, wo die Leute häufig nicht so recht bemerken, was ihnen geboten wird. Darum klatschen sie bei schwachen Inszenierungen frenetischer als bei starken. Man kann darauf gehen. Die Regel gilt auch für den "Verdingbub". Dabei erfüllt gerade diese Aufführung Brechts Forderung über "Politik auf dem Theater": "Es ist nicht genug verlangt, wenn man vom Theater nur Erkenntnisse, nur aufschlussreiche Abbilder der Wirklichkeit verlangt. Unser Theater muss die Lust am Erkennen erregen, den Spass an der Veränderung der Wirklichkeit organisieren. Unsere Zuschauer müssen nicht nur hören, wie man den gefesselten Prometheus befreit, sondern auch sich in der Lust schulen, ihn zu befreien." Der "Verdingbub" macht's. Darum ist die Inszenierung sehenswert.

 

Die Stimme der andern

> nachtkritik.de

> Berner Zeitung

> Neue Zürcher Zeitung

> Der Bund

Die Aufführung bringt eine Kette von einprägsamen Bildern. 

Die neue Lehrerin aus der Stadt versucht zu helfen. 

Die Personen wachsen uns paradoxerweise ans Herz, auch die bösen.