Das ganze Bühnenbild wird bespielt. © Christophe Raynaud de Lage.

 

 

 

Les Fourberies de Scapin. Molière.

Komödie.                  

Denis Podalydès, Eric Ruf. Comédie-Française, Paris

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 3. Oktober 2017.

 

 

Als Gymnasiasten, die im Deutsch (!) bereits "Macbeth" behandelt hatten und Stifters "Kalkstein", haben wir "Die Schelmenstreiche des Scapin" nicht bloss belächelt, sondern recht gründlich verachtet. Die Primitivität der Posse: Wenn ein alter Mann in einen Sack gesteckt und durchgeprügelt wird – was, bitte, soll daran lustig sein? Und warum sollen wir lachen, wenn seiner Vaterliebe mit Lügengeschichten Geld abgeluchst wird? Die Französischlehrerin trieben wir mit unseren Argumenten in die Enge.

 

Auch vor den Studenten hielt "Scapin" nicht Stand. Die Komödie – genauer eigentlich: die Farce – eröffnete am 14. September 1972 das neu gegründete Städtebundtheater Biel-Solothurn, das nach einer Schliessung in der Mitte der Spielzeit und einem Krisenjahr den Betrieb als reine Schauspielbühne wieder aufnahm. Die Regie von Jörg Schneider betonte die burlesken Züge. Darum erschien uns die Szene, wo der Sack geschlagen wird, nicht geprägt von derber, volkstüm­licher Komik, sondern von künstlerischer Rückständig­keit.

 

Es ging dem Stück in Paris nicht besser. Molière wollte es noch einmal zwingen, indem er die Züge der italienischen Burleske wiederaufnahm, die seine ersten Stücke beeinflusst hatte. Bei der Uraufführung spielte er selbst den Scapin. Doch nach 18 Vorstellungen wurde die Produktion wegen Erfolglosigkeit abgesetzt. Und zwei Jahre später starb Molière an einer Lungenblutung (hémorragie pulmonaire). Heute würden wir sagen: an Überarbeitung.

 

Doch nun ereignet sich zur Eröffnung der neuen Spielzeit an der Comédie-Française – diesem Ausnahmehaus im Zirkel der angesagten Theater – dass dem armen Stück 346 Jahre nach seiner Uraufführung eine späte Gerechtigkeit widerfährt. Als Angehöriger der deutschsprachigen Theaterwelt muss man dabei erst einmal schlucken. Was für ein Ansatz! Einem verachteten Stück Gerechtigkeit widerfahren zu lassen! Bei uns geht es radikal anders herum. Und das Resultat? Bleierne Einförmigkeit, Tristesse - während hier, an der Seine, im Ausnahmehaus seit 2014 der alternative Kurs eingeschlagen wird. Durch Weite des Blicks und des Herzens entsteht hier Erfolg um Erfolg, sowohl bei den Zuschauern wie bei den Kennern wie bei der Kritik.

 

Bei "Scapin" liegt das Geheimnis des Erfolgs im Gespür, im Talent und in der Stilsicherheit, mit der sich das Produktionsteam dem Stück zuwendet, und daran, dass die Leute hier alle mehr können als nur Theater, gemäss Lichten­bergs Beobachtung: "Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht." So ist Bühnenbildner Eric Ruf auch Regisseur (letztes Jahr einsame Spitze mit "Roméo et Juliette"), dazu Schauspieler in Film und Theater und daneben, sehr erfolgreich, auch noch Leiter der Comédie-Française. Und der "Scapin"-Regisseur, ebenfalls Schauspieler, arbeitet daneben auch noch als Cineast und Romancier.

 

Man spricht immer von Transdisziplinarität. Dass sie auch in einem einzigen Individuum vorkommen kann, haben wir in unserem standardisierten, betriebswirtschaftlich durchgetakteten Zeitalter vergessen und meinen, damit den Alten etwas vorauszuhaben. Natürlich ist das Gegenteil richtig: "Was den Dilettantismus anlangt, so muss man sich klarmachen, dass allen menschlichen Betätigungen nur so lange eine wirkliche Lebenskraft innewohnt, als sie von Dilettanten ausgeübt werden. Nur der Dilettant, der mit recht auch Liebhaber, Amateur genannt wird, hat eine wirklich menschliche Beziehung zu seinen Gegenständen, nur beim Dilettanten decken sich Mensch und Beruf; und darum strömt bei ihm der ganze Mensch in seine Tätigkeit und sättigt sie mit seinem ganzen Wesen, während umgekehrt allen Dingen, die berufsmässig betrieben werden, etwas im üblen Sinne Dilettantisches anhaftet: irgendeine Einseitigkeit, Beschränktheit, Subjektivität, ein zu enger Gesichtswinkel. Der Fachmann steht immer zu sehr in seinem Berufskreise, er ist daher fast nie in der Lage, eine wirkliche Revolution hervorzurufen: er kennt die Tradition zu genau und hat daher, ob er will oder nicht, zu viel Respekt vor ihr. Auch weiss er zu viel Einzelheiten, um die Dinge noch einfach genug sehen zu können, und gerade damit fehlt ihm die erste Bedingung fruchtbaren Denkens." (Egon Friedell)

 

Die Qualität des "Scapin" an der Comédie-Française rührt nun, genauer betrachtet, davon her, dass sich die Beteiligten dem Stück mit der Frage näherten: "Wie müssen wir die alte, verkannte Komödie darbieten, um nachzuweisen, dass jeder Spielzug und jede Replik, die der Autor geschrieben hat, richtig ist, so dass die Farce keine Veränderungen und keine Schnitte braucht, um das heutige Publikum zu überzeugen und mitzureissen?" (Die zeitgenössischen Zuschauer waren ja, wie wir wissen, blind, und alle späteren auch.)

 

Mit diesem Ansatz wird die Szene, wo der Sack geschlagen wird, zum Höhepunkt: "Die Komödie überschreitet die Komödie; die Stockschläge gehen zu weit, das Lachen verletzt, der Darsteller scheint die Geschichte zu vergessen, in der er die Hauptrolle spielt. Er überlässt sich einem willkürlichen Einfall, verliert sich dabei, und in diesem Taumel stellt sich der Schauspieler ungeschminkt dar, er verrät sich, und gleichzeitig überwältigt er uns." Besser als es Regisseur Denis Podalydès erklärt, kann man's nicht sagen. So fallen in der Comédie-Française Wollen und Können zusammen. Im Leitungsteam zumindest. Nicht auf der Bühne. Da liegen, punkto Diktion, Versatilität und Glaubhaftigkeit, Welten zwischen dem Scapin-Darsteller Benjamin Lavernhe und den Eleven, die die jungen Liebenden geben. Die Jungen sind überfordert und, was schlimmer ist, beim Sprechen vollkommen undeutlich. An ihnen kann man ablesen, wie lang und steil der Weg zur Könnerschaft ist. Zum Glück ist die Stammtruppe firm. Sonst wäre dieser Ausnahme-"Scapin" nicht möglich geworden.

 

Die Stammtruppe ist firm.

 
 
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