Der Jüngste siegt.

Ben Glassberg gewinnt den 55. Internationalen Dirigenten­wettbewerb von Besançon.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 17. September 2017.

 

 

Am Samstag hat der 23jährige Engländer Ben Glassberg in Besançon den 55. Internationalen Dirigenten­wettbewerb gewonnen, und zwar in allen Kategorien: Grosser Preis der Jury, Preis des Publikums, Preis des Orchesters. Damit konnte er auf der Bühne des Théâtre Ledoux 12'000 Euro in Empfang nehmen und eine in Besançon hergestellte Uhr der Marke LIP und ein iPad Pro. Ausserdem wurde ihm für drei Monate das Coaching einer Spezialistin zugesprochen, um "eine Strategie für den Karrierebeginn festzulegen (Wahl des Repertoires und der Engagements, Vervollständigung der Ausbildung, Wahl einer Agentur)". In Aussicht stehen Glassberg nun Auftritte bei den Partnern des Wettbewerbs, also zum Beispiel dem Japan Philharmonic Orchestra, dem Orchestre national de l'Ile de France, dem Prague Symphony Orchestra, der Deutschen Radio Philharmonie, dem Sinfonieorchester Basel, dem St Petersburg Symphony Orchestra, dem London Philharmonic Orchestra und, und, ja, dem Sinfonie Orchester Biel Solothurn.

 

Dass der Benjamin unter den Kandidaten etwas könne, zeigte sich schon beim Achtelsfinale zu Wochenbeginn. Von den 230 Kandidaten, die zur Vorselektion angetreten waren, durften die zwanzig verbleibenden das Orchestre Victor Hugo Franche-Comté dirigieren. Die Altersspanne reichte von 23 (Glassberg) bis 34. Der Durchschnitt lag bei 29 Jahren.

 

Zu den acht Kandidaten, die nach dieser Runde eliminiert wurden, gehörte ein Schweizer Hochschulprofessor fürs Dirigierfach. Warum er aus dem Wettbewerb fiel, weiss offiziell niemand. "In der Jury wird nicht diskutiert", erklärte Juror Jean-François Verdier. "Wir geben jeder unsere Liste ab, und dann wird mathematisch ermittelt, wer weiterkommt." Dass es aber der Professor nicht in die oberen Ränge schaffen werde, war am Achtelsfinale offensichtlich. Er bewegte nämlich vor dem Orchester nicht nur die Arme, sondern auch die Beine, und zwar in einer Weise, dass man meinte, er wolle die Probe gleich abbrechen. Daneben war seine Zeichengebung ausgesprochen pauschal, Wohlmeinende sagten: minimalistisch. Jedenfalls ungenügend für den Wettbewerb.

 

Auf dem Nebensitz schüttelte ein deutscher Operndirektor den Kopf: "Wie kann man in seiner Position nur darauf kommen, sich dem Risiko dieses Wettbewerbs auszusetzen? Jetzt ist der arme Kerl vor seinen Studenten diskreditiert, und es wird sich die Meinung verbreiten, bei ihm könne man nichts Gescheites lernen." Aber eben: Wie die Psychologie vor fünf Jahren nachgewiesen hat, ist Selbstüberschätzung keine Spezialität von Dirigenten oder Architekten. Achtzig Prozent der Männer neigen dazu. Zehn Prozent jedoch unterschätzen sich. Ein realistisches Selbstbild haben nur zehn Prozent. (Zu ihnen gehören selbstverständlich alle Leser der "Stimme" und ihr Rezensent.)

 

Bei Ben Glassberg tönte das Probestück "Appalachian Spring" von Aaron Copland zwar zu laut, aber er brachte die Interpretation mit zielführenden Korrekturen weiter. Besonders überzeugend fielen die Registerproben aus. Daneben beeindruckte er als junger Engländer durch sein reines, fliessendes Französisch. Aber davon liess sich der deutsche Operndirektor nicht betören: "Ein Blender!", meinte er.

 

Doch am Viertelsfinale – acht der zwanzig Kandidaten waren mittlerweile ausgeschieden – wiederrief der Theatermann sein Urteil: "Mea culpa! Der Mann kann was. Ja sogar sehr viel!" - Jetzt war die Prüfung schon konkludenter: "Carmen". Das Orchester im Graben, die Sänger auf der Bühne. Die Feder des Kritikers glitt übers Papier und hielt fest: "Schnaufgeräusche. [Die Kandidaten mussten ein Lippenmikrofon tragen.] Sehr aufmerksame, sorgfältige Gestaltung der Orchesterstimmen und Sänger. Handwerklich tadellos. Auswendig dirigiert. Schöne, sprechende Gesten. Gute Ohren. Genaue Angaben. Differenzierte Arbeit. Hat als einziger Kandidat die Intelligenz, das Mikrofon zu verschieben, damit die Schnaufgeräusche nicht länger übertragen werden. Überzeugende Arbeit, auch durch das Resultat. Das Orchester folgt ihm. Ein Gestalter. Hochkompetent. Endlich verlassen wir den Graubereich. Musik erklingt. Das Drama ist präsent." Das Fazit: "Dieser Kandidat muss unbedingt weiterkommen." Im Bistro nebenan bescheinigte der deutsche Operndirektor das Urteil und hob das Glas: "Encore une ambrée!"

 

Beim Halbfinale – jetzt noch mit sechs von zwölf Kandidaten – bestätigte sich Glassberg nach dem ersten Durchgang in der Spitzengruppe. Er dirigierte das zweite Klavierkonzert von Chopin: "Wie oben. Ein Gestalter. Mit vollem Ernst in der Sache. Dadurch ganz anderer Klang. Eindruck von Differenziertheit. Konzert kann er auch. Ist in der Musik. Der zweite Satz ist dramatischer und merkwürdigerweise durchhörbarer als bei den andern Kandidaten. Auch der Solist ist besser. Echte Emotion."

 

Im zweiten Durchgang des Halbfinales erfolgte der Durchbruch. Das Orchestre national de Lyon, das zu den Endausscheidungen angereist war, sagte unter vorgehaltener Hand: "Er ist's!" Und das Publikum fand's auch. Nach Ben Glassbergs Arbeit an Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe wollte der Applaus nicht enden. Er führte, wie wir jetzt wissen, in den Sieg und in eine hoffentlich schöne, beeindruckende Karriere, vorausgesetzt, dass die Götter dazu ihren Segen geben. Das kann man im Reich der Kunst nie wissen. Eines hingegen ist sicher: "Reservieren Sie mir bitte das Zimmer für den Wettbewerb von 2019. Ich komme wieder."

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