Die Bühne stellt eine Treppe zur Verfügung, und ein paar Bistrotischchen. © Sabine Burger.

 

 

 

Il Barbiere di Siviglia. Gioacchino Rossini.

Komische Oper.                  

Franco Trinca, Joël Lauwers, Poppi Ranchetti. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 16. September 2017.

 

 

An dieser Aufführung kann man ablesen, was überragendes Theaterhandwerk ausmacht. Darum ist sie nicht nur beglückend und berauschend, sondern mustergültig.

 

Zuerst das, was die Sache krönt: Das Talent für die Gestaltung der Zeit. Schon Goethe hielt in einer Maxime fest: "Den Stoff sieht jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten." Auf der Bühne zeigt sich Form in ihrem subtilsten Grad darin, dass im richtigen Moment stets etwas passiert, damit die Spannung nicht abbricht. - Die alte Nummernoper bringt schon gewisse Vorleistungen: Personen kommen dazu und treten wieder ab. Die Musik wechselt an den Umschlagpunkten die Tonart. Aber dazwischen stehen die Sänger da und singen ihre Arien. Nicht immer ist das, was sie singen, erheblich; dramaturgisch nicht, und musikalisch auch nicht. Da erlahmt das Interesse des Zuschauers, der Zeitfluss gerät ins Stocken. - Wenn man nun in diesen Momenten etwas passieren lassen könnte, etwas ganz Kleines, Unscheinbares, das nicht ablenkt, aber Zug in die Sache bringt, dann bliebe das Publikum wach, die Anteilnahme bliebe gespannt, das Wechselspiel zwischen Bühnenaktion und Zuschauerreaktion intakt.

 

Joël Lauwers Inszenierung leistet das. Sie lässt am Ende der Exposition einen Verletzten am Boden liegen, der manchmal aus der Benommenheit erwacht und mit der Hand eine träumerische Bewegung macht. Und hier zeigt sich die Meisterschaft: Die Bewegung erfolgt nämlich nicht "manchmal", sondern an der richtigen Stelle, gerade da, wo das Rad einen Schubs braucht, um in Schwung zu bleiben. Man sieht: Bei dieser Art von Regiekunst wird nicht nur die Szene organisiert, sondern auch der Aufmerksamkeitsmodus des Zuschauers. Joël Lauwers kann das. Alexander von Pfeil kann's. Und Robert Carsen. Im übrigen ist's ein Geheimnis den meisten. Dafür allein lohnt sich schon der Besuch dieses "Barbiere".

 

Aber damit nicht genug. Ein Element, mit dem auf der Bühne nicht gespielt wird, ist sinnlos. Erst durch Wiederaufnahme

und Weiterentwicklung der Details entsteht, wie Walther Killy zu sagen pflegte, ein Netz von Bezügen. Aus den Bezügen erwächst die Struktur, und aus der Struktur tritt der Sinn zutage. - In Biel-Solothurn kann man verfolgen, wie sich dieser Prozess gestaltet. Durch den Verletzten wird in Rossinis komische Oper, die bloss von "Liebeshändeln" spricht (Opitz), das Thema der Gewalt eingebracht. Wer im Milieu des Don Bartolo nicht kuscht, wird unterdrückt oder beiseite­geschafft. Diese Dimension liegt zwar, den Verfassern unbewusst, im Werk. Aber man muss sie sehen. Und wenn man sie erkannt hat, zur Darstellung bringen. Joël Lauwers kann das. Denn mit der Gewalt wird in dieser Inszenierung gespielt bis zu einem noch nie dargestellten Höhepunkt: Aus der Pistole, die Rosina zur Hand nahm, um sich zu wehren, hat sich ein Schuss gelöst, und die Kugel hat ihren Vormund getroffen. Augenblicklich tritt Stille ein. Und allgemeine Konsternation.

 

Rossini hat diese Generalpause komponiert. Und Joël Lauwers gibt ihr jetzt Sinn. Das heisst, das Material, das Textzeilen und Notenlinien bieten, wird ausgesponnen zu einer Bühnenhandlung, die sich, wenn sie, wie hier, den Grad der Vollkommenheit erreicht, durch die Qualitäten von Durchgängigkeit und Evidenz auszeichnet.

 

Der Zuschauer braucht nicht Theater- oder Musikwissenschaft studiert zu haben, um zu merken, wann dieser Punkt erreicht ist. Er spürt "von selbst", dass "es stimmt". Und wenn er fragt, wieso, sieht er, dass das Werk durch die Jahrhunderte darauf gewartet hat, so, ja gerade so wie hier aufgeführt zu werden. Nun geht es, ohne dass man dieses Wunder der Belebung näher erklären kann (oder muss), im wahrsten Sinn des Wortes "auf". Der Zuschauer erfährt, dass das Werk dem Produktions­team antwortet. Es geht auf seine Inszenierung ein, es spielt mit. In Biel-Solothurn geschieht das. Eine Sternstunde des Operntheaters.

 

Damit solches möglich wird, ist erforderlich, dass der Regisseur nicht nur mit der Zeit, sondern auch mit dem Raum zu spielen versteht. Poppi Ranchetti stellt auf der engen Bühne eine Treppe zur Verfügung, eine Theke und ein paar Stühle und Bistrotischchen. In diesem Rahmen muss jetzt der Regisseur die Figuren herumbewegen. Und nun zeigt sich, dass die Gänge, die hier nötig sind, dazu dienen, die Zeit in Fluss zu halten. Damit entsteht, wie in "Parsifal", das Phänomen der Raumzeit, also ein Ganzes, in dem das Zusammenspiel von Orten, Gegenständen, Handlung, Musik, Sängern und Beleuchtung einen geheimnisvoll durchpulsten, faszinierenden Organismus hervorruft. Damit erhält die Aufführung die Qualität einer Begegnung. - Begegnung ist ein Ereignis in der Zeit, nach dem wir uns zurücksehnen, weil es uns bereichert und beschenkt hat. Nach dem "Barbiere" in Biel-Solothurn wird man sich noch lange zurücksehnen.

 

Damit das eintreten kann, muss der Regisseur ein Letztes leisten; nämlich: Die Sänger beleben. Das heisst, er muss sie so hineinführen in ihre Personen, dass wir alles glauben können, was wir von ihnen sehen. Sie dürfen nicht hinter unseren Erwartungen zurückbleiben, im Gegenteil, sie müssen sie übertreffen. Und das passiert nur, wenn alles zusammenstimmt: der Gesang, die Haltung, der Ausdruck und das feine, dem Bewusstsein entzogene Zusammenspiel in jeder Situation. - Damit das gelingt, braucht es Inventionsgeist der besonderen Art. Verdi nannte diese Tätigkeit: "Das Wahre erfinden." Hier liegt die Besonderheit der Kunst, und ihre Wahrheit steht über der Wirklichkeit. Wer's nicht glaubt, kann's in Biel-Solothurn erfahren.

 

Aber halt, da ist noch etwas. Hintendrein ist man klüger. Dass man es mit Ausserordentlichem zu tun bekommen werde, hätte man schon von allem Anfang an merken können, bzw. sollen. Denn die Vorstellung beginnt, wie heute überall angesagt, bei offenem Vorhang. Und aus den Maschinen strömt, wie überall verlangt, Nebel. Schon erwartet man, dass jetzt im Sinn der herrschenden Mode die Ouvertüre bespielt werde. Aber nichts da. Die herrschenden Rezeptionsgewohnheiten werden vom Regisseur elegant ausgedribbelt. Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn kann das berühmte Vorspiel dem Ohr des Zuschauers darbieten, ohne dass der Geist durch "Mätzchen" (ein Lieblingswort des verewigten -tt-) abgelenkt wird. Der Verzicht aufs Spiel lohnt sich. Unter dem Stab von Franco Trinca entfaltet die Komposition eine federnde Qualität, die dem Stil des Abends entspricht: Blitzgescheite Unterhaltung. Reines Opernglück.

 

Die Stimme der andern

> Berner Zeitung

> Solothurner Zeitung

> Bieler Tagblatt

> Bündner Tagblatt

> Walliser Bote

Die Sänger übertreffen unsere Erwartungen.

Ihr Spiel ist in jedem Moment glaubhaft.