Zug auf Zug, bis es am Ende heisst: Schach und matt. © Konstantin Nazlamov.

 

 

 

Das heilige Experiment. Fritz Hochwälder.

Schauspiel.                  

Katharina Rupp. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 3. September 2017.

 

 

Vor zwei Tagen meldete eine kluge Marxistin – selbstver­ständlich Abonnentin der "Stimme" – aus Berlin: "Gestern eröffnete die Deutsche Oper die Saison mit der 137. Aufführung der von Götz Friedrich 1999 inszenierten 'Traviata'. Staub, dachte ich, Hustenanfälle, Langeweile - aber ich fange an, meine Vorurteile gegen diesen zwanzig Jahre waltenden Dompteur zu revidieren, ebenso wie gegen den - gegen die Teilung Berlins gerichteten - Zweckbau im Westen, an der Bismarckstrasse. Immerhin verdanke ich beiden einige einprägsame Inszenierungen von Neuenfels, und auch die Inszenierung gestern war expressiv, ohne Schnickschnack, staubfrei und ergreifend. Ich bin eine Kitsch-Else, bei der Sterbeszene der 'Traviata' schwimme ich in Tränen, vorausgesetzt sie stimmt. Ich schwamm."

 

Wenn jetzt nicht die Eisenbahnstrecke bei Rastatt gesperrt wäre (wie lange eigentlich noch, bitte?), müsste man zurückschreiben: "Nimm ein Ticket und fahr nach Solothurn!" Da inszeniert Altmeisterin Katharina Rupp Fritz Hochwälders Schauspiel "Das heilige Experiment". Der dreissigjährige jüdische Emigrant schrieb es im Internierungslager Gordola am Fuss des Cima di Sassello (1890 m) bei Locarno. Sechs Monate später erlebte er beim Aufschlagen der Zeitung eine Überraschung: "Es war um die Mitte des Jahres 1942, als ich die Meldung las, Direktor Delsen [vom Städtebundtheater Biel-Solothurn] beabsichtige, in der kommenden Spielzeit mein im Winter 1941/42 entstandenes Schauspiel 'Das heilige Experi­ment' uraufzuführen. Tatsächlich erlöste Direktor Delsen das Stück, von dem keine Bühne etwas wissen wollte, aus einem schier hoffnungslos erscheinenden Manuskriptdasein. Von den zahlreichen Aufführungen des Stücks nach dem Krieg hatte mich keine so fasziniert wie die denkwürdige Bieler Premiere. Denn damals erforderte es Entdeckerfreude, Wagemut und Begeisterung, um einen bis dahin völlig unbekannten Autor zu Wort kommen zu lassen."

 

Die Erinnerung hat den später erfolgreichen Autor etwas getäuscht. Die Schweizer Uraufführung blieb nämlich zunächst fast ohne Echo. (Warum denn eigentlich? Wegen des Themas? Oder wegen der Lage des Theaters am Jurasüdfuss?) Erst eine Aufführung am Théâtre de l'Athénée-Louis-Jouvet am 12. März 1952 brachte den Durchbruch. Literaturnobelpreisträger François Mauriac widmete dem Stück im "Figaro" einen Leitartikel, und der Beifall der übrigen Pariser Kritik half mit, den weltweiten Erfolg des "heiligen Experiments" zu begründen. Nach 74 Jahren kommt es nun an den Ort seiner Uraufführung zurück.

 

Angeregt wurde die Neuproduktion von der Organisation der Jesuiten in der Schweiz, und den Anlass gab die Auslöschung des Jesuitenstaats in Paraguay am 16. Juli 1767, also vor genau 250 Jahren. Damit wurde, in den Augen Fritz Hochwälders, der überzeugendste Beweis aus der Weltgeschichte gestrichen, dass eine gerechte, humane und besitzlose Gesellschaftsordnung möglich sei. Die Berliner Marxistin würde ihm recht geben. Der jüdische Emigrant Richard Katz, der während Hochwälders Internierungszeit den südamerikanischen Kontinent bereiste, war, was die katholische Utopie betrifft, skeptischer: "Der Gottesstaat", schreibt er, habe am Ende "die Form milder Sklaverei" angenommen.

 

Dieses Urteil mindert indes nicht die politische Brisanz von Hochwälders Stück, damals wie heute. Zur Zeit seiner Entstehung zeichnet es einen respektvollen, menschlichen und zarten Gegenentwurf zu den gewaltsamen Diktaturen Hitlers, Stalins und Mussolinis. Und das genau dann, wo Deutschland Feldzüge auf dem Balkan und in Nordafrika unternimmt und unter grossen Anfangserfolgen die Sowjetunion angreift. 1942 erreichen die deutschen Truppen den Kaukasus und die Wolga bei Stalingrad. Da von einem Staatswesen zu berichten, das während 150 Jahren ganz ohne Gewalt gewachsen ist, nur durch die Überzeugungskraft der Menschenliebe gegenüber den sog. minderen Rassen – also von einem Regime zu berichten, das für jeden einzelnen nur das Beste will, und zwar ohne "Opfer für die grössere Sache" (ein Inhumanitäts-Kriterium für alle verbrecherischen Regimes von Robespierre bis zum IS) - von einem solchen Regime zu berichten – und sei es im fernen Südamerika in der Tiefe der Geschichte - ist zur Zeit der Abfassung in Gordola und der Uraufführung in Biel ein Akt des Widerstands, vor dem man sich, auch heute, nur verbeugen kann.

 

"Das heilige Experiment", dieses in seiner geistigen Haltung in keiner Weise veraltete Stück inszeniert jetzt Katharina Rupp auf eine Art, die zunächst veraltet und befremdend anmutet; nämlich im Stil der Werktreue. Man glaubt, einem Hörspiel von Radio Beromünster auf Mittelwelle beizuwohnen, mit Leopold Biberti, Franz Johann Danz und Siegfried Süssenguth – ein Verfremdungseffekt der höheren Observanz. Denn damit realisiert sich nun am Jurasüdfuss das Wunder, das der kolumbianische Selberdenker Nicolás Gómez Dávila in den Aphorismus fasste: "Die echten Kunstwerke explodieren abseits ihrer Zeit wie auf einem Schlachtfeld liegengebliebene Geschosse."

 

Damit das gelingt, steht Katharina Rupp ein eindrückliches Ensemble meist älterer Männer zur Verfügung. Frauen spielen naturgemäss (hätt' ich beinahe gesagt) in diesem Stück und in jener Zeit keine Rolle. Um so erfreulicher dann, dass beim Schlussapplaus, der stark und enthusiastisch ausfällt, ein Leitungsteam von lauter Frauen auf der Bühne erscheint. Die Vielzahl der Gäste erklärt, warum das Haus, das nur vier feste Positionen im Schauspiel ausweist, für diese Produktion ein halbes Dutzend Sponsoren auflistet.

 

Die kreative Regiefrau, die sich mit ihrem Konzept des Zurücknehmens und Dienens ganz aus der herrschenden Mode herausbegibt, so dass man sie mit Garantie nicht ans Berliner Theatertreffen einladen wird, schafft nun im Bereich der Halb- und Viertelstöne Zeichenkonstellationen, die allen, so Augen haben zu sehen und Ohren zu hören, ästhetisches Glück und sublime geistige Einsichten bescheren. Dazu nochmals Dávila: "Man sollte nur für Überlegene schreiben oder denken." Welch elitäre Chutzpe. Hut ab, Frau Rupp!

 

Mehrere Züge prägen sich in dieser denkwürdigen Aufführung ein. Zunächst einmal die Subtilität der Wiedergabe. Hochwälder verwendet eine heute fast vergessene Zahl von dynamischen Charakteren, d.h. Personen, die sich im Laufe der Handlung verändern. Denn der begnadete Arrangeur des Gedankenschachs schafft mit jedem Zug eine neue Situation, bis es am Ende heisst: Schach und matt. Diese Entwicklung zeichnet Günter Baumann als Provinzial des Jesuitenstaats mit glaubhaftem, fein dosiertem Spiel nach. Und der Mann für die robusten Charaktere hat im "heiligen Experiment" eine Ausstrahlung von feiner Geistigkeit gefunden, die ihn in einem neuen Licht erscheinen lässt. Oder dann Michael Lucke als Inspektor der spanischen Krone, als Darsteller und Sprecher untadelig, nein: bemerkenswert. Wie er sich am Ende der Untersuchung auf seinem Stuhl entkräftet nach hinten wirft und die Perücke abzieht: "Ich kann dieses Urteil nicht vollstrecken!", um dann doch im Interesse der sog. höheren Staatsräson die dreissig Urteile "zur Abschreckung" zu unterschreiben, wobei er bei jeder Bewegung mit der Feder wiederholt: "Tod! Tod! Tod! Tod! ...", da realisiert sich im Schauspiel von Biel-Solothurn politisches Theater vom feinsten (die beiden letzten Wörter unterstrichen).

 

Die Stimme der andern

> Der Bund

> Berner Zeitung

> Bieler Tagblatt

> nachtkritik.de

> Solothurner Zeitung

Eine Inszenierung im Stil der Werktreue.

Ästhetisches Glück und sublime geistige Einsichten.