Hinter der Gaze wird gesungen. Das Mikrofon gehört dazu. © Annette Boutellier.

 

  

  

Oh Boyoma. Elia Rediger.

Theatralische Aktion.

Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 3. Juni 2017.

 

 

Die Uraufführung der schauspielerischen Aktion von Elia Rediger "Oh Boyoma, 387 Strophen über eine Stadt ohne Namen" kehrt die vertraute Ordnung der Dinge um. Nicht die Afrikaner flüchten nach Europa, sondern die Europäer flüchten nach Afrika. So entsteht die paradoxe Situation, dass das Premierenpublikum, das eben noch auf der Terrasse der "Heitere Fahne" wohlgelaunt sein Glesli trank, jetzt auf dem Trottoir anstehen muss, um durch eine "Quarantäneschleuse" in den Theatersaal des ehemaligen Brauerei-Restaurants zu kommen. Von Gestalten in gelben Plastikanzügen, hinter deren Sichtfenstern die Augen der Schauspieler Nico Delpy und Mariananda Schempp zu erkennen sind, wird "supponiert" (wie es in der Schweizer Militärsprache heisst) das Fieber gemessen und das Schuhwerk begutachtet, bevor den Besuchern ein Fragebogen zu den Einreisegründen vorgelegt wird und die Personalien erfragt werden. Gedacht ist, dass man am eigenen Leib erfährt, welchen Prozeduren sich die Asylanten unterziehen müssen.

 

Zum Glück spielt das Berner Schauspiel nicht "Hamlet". Da müsste es ja die Zuschauer mit einem Dolch ausrüsten und sie den horchenden Polonius hinter dem Wandteppich niederstechen lassen, um das Erlebnis zu bieten, wie es einem Mörder zumute ist, der mit der Kraft seines Arms einen Menschen zur Strecke bringt.

 

Nun werden die Eintretenden nach undurchsichtigen Kriterien an verschiedene Tische gewiesen, damit sie das Gefühl erniedrigender Fremdbestimmung nachvollziehen. Immerhin finden sich da Karaffen mit Wasser und Wein, und eine klare Suppe gibt es auch. Mit der Ungewissheit, was jetzt weiter geschieht, weht ein letzter Hauch von Asylsituation durch den Raum. Dann beginnt die Aufführung, und die Menschen an den Tischen können in ihre gewohnte Zuschauerhaltung zurückfinden. Gesang hinter einem Gazevorhang kündet an, dass kein Stück geboten wird, sondern, nun ja, eine Art theatralischer Aktion. Sie besteht aus allen Elementen, mit denen gegenwärtig die Bühnen möbliert werden. Dazu gehören Ständermikrofone, Videoprojektionen live und gesampelt, Musik, Gesang und Tanz, monologisches und chorisches Sprechen – aber bitte kein Dialog, keine Rollen, keine Handlung, keine Spannung!

 

Damit folgt die Uraufführung von Elia Redigers "Oh Boyoma, 387 Strophen über eine Stadt ohne Namen" dem post-avantgardistischen Trend, durch die Mittel von "Textfläche" und "Stückentwicklung" die Entropie der dramaturgischen Form voranzutreiben, um einen revolutionären Zustand herbeizuführen: "Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltengott." (Georg Büchner: Dantons Tod)

 

Als es merkt, dass es nichts zu verstehen gibt, ermattet das Publikum. Da hilft es nichts, dass die Truppe hüpfend den ganzen Theatersaal durchmisst und die Zuschauer zwingt, die Köpfe zu drehen. Auch die Aktivierungsformen, die im Senioren- und Kindertheater wirken, erweisen sich an der Premiere als "Ablöscher" (wie die Berner sagen): "Wer isst gerne Raclette? Bitte die Hand aufheben! Also die, die aufgestreckt haben, singen jetzt mit: 'Raclette, Raclette, Raclette!' Die Strophe hat zwanzig Wiederholungen. Also nochmal: 'Raclette, Raclette, Raclette ..." Mit solchen Spässen arbeiten sich die sechs Performer voller Einsatz durch den Abend, ohne das Gespenst der Langeweile verscheuchen zu können, das nach zwanzig Minuten vom Saal unerschütterlich Besitz ergriffen hat.

 

Aber so ist es eben: Das gute Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Und die Aufführung füttert das gute Gewissen des linksliberalen, toleranten Mainstream-Publikums kalorienreich auf. Kein politisch falscher Ton. Alles ganz korrekt, wie man es macht, und so, wie es sich gehört. Damit ist der Abend weit entfernt von Theaterkunst. "Der Schauspieler zieht das Publikum an / und stösst es ab / in meinem Fall habe ich das Publikum / immer abgestossen / je grösser der Schauspieler / und je höher die Kunst des Schauspielers / desto heftiger ist das Publikum abgestossen ... Der Schauspieler hat Unheimlichkeit zu zeigen / Unheimlichkeit sonst nichts ... Das Publikum muss vom Schauspieler entsetzt sein / Zuerst hat er es zu hintergehen / und dann hat er es zu entsetzen / Die grossen Schauspieler haben ihr Publikum immer entsetzt / zuerst haben sie es hintergangen / und dann haben sie es entsetzt / in die Geschichtsfalle gelockt / in die Geistesfalle / in die Gefühlsfalle / hineingelockt in die Falle / und entsetzt".

 

Diese Forderung an Theaterkunst, die Thomas Bernhard in "Minetti" aufgestellt hat, haben die Dichter noch erfüllt. Schiller zum Beispiel mit "Kabale und Liebe", und er musste dafür ins Exil. Ibsen mit den "Gespenstern" und "Nora". Auch er musste dafür ins Exil. Bertolt Brecht und Kurt Weill natürlich ebenfalls, nachdem sie mit "Mahagonny" noch den grössten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts ausgelöst hatten. Alfred Polgar war dabei: "In nächster Umgebung meines Platzes geschah allein schon folgendes: Die Nachbarin links wurde von Herzkrämpfen befallen und wollte hinaus; nur der Hinweis auf das Geschichtliche des Augenblicks hielt sie zurück. Der greise Sachse rechts umklammerte das Knie der eigenen Gattin und war erregt! Ein Mann hinten redete zu sich selbst: 'Ich warte nur, bis der Brecht kommt!' und leckte sich - in Bereitschaft sein ist alles - die Lippen feucht. Kriegerische Rufe, an manchen Stellen etwas Nahkampf, Zischen, Händeklatschen, das grimmig klang wie symbolische Maulschellen für die Zischer, begeisterte Erbitterung, erbitterte Begeisterung im Durcheinander. Zum Schluss: levée en masse der Unzufriedenen, und deren Niederschmetterung durch den Hagel des Applauses.

 

Es gab eindrucksvolle Episoden. Ein würdiger Herr mit gesottenem Antlitz hatte seinen Schlüsselbund gezogen und kämpfte durchdringend gegen das epische Theater. Vier Schlüssel hingen an langer Kette, vermutlich der Haus-, der Wohnungs-, der Lift-, der Schreibtischschlüssel. Den fünften hielt der Missvergnügte an die Unterlippe gepresst und liess über die Bohrung im Metall Luftströme von höchster Schwingungszahl streichen. Der Ton, den das Instrument erzeugte, hatte etwas Erbarmungsloses, in den Magen Schneidendes: es muss der Kasse-Schlüssel gewesen sein, auf dem der Wilde blies. Seine Frau verliess ihn nicht in der Stunde der Entscheidung. Eine sehr grosse Frau, aufgesteckter Haarknoten, glatt fallendes, blaues Kleid mit gelben Rüschen zuunterst. Die Dame hatte zwei dicke Finger in den Mund gesteckt, die Augen zugekniffen, die Backen aufgeblasen. Sie überpfiff den Kasse-Schlüssel. Ein Anblick, grässlich und gemein."

 

Gemeinsam an den Autoren, von denen man heute noch spricht, war die Kühnheit, es mit der Majorität anzulegen, also jener Schicht, die meinte zu wissen, was sich gehört. Das war zur Zeit Schillers der Adel. Zur Zeit Ibsens das Bürgertum. Zur Zeit von "Oh Boyoma" sind es wir. – Ein Theater, das Neues schafft, fordert heraus bis zum Punkt, wo's weh tut, weil sich der Zuschauer in der selbstgefälligen Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, angegriffen sieht. In Wabern war das nicht der Fall. Feuerwehr und Polizei hatten, zusammen mit dem Publikum, einen ruhigen Abend.

Die Performer arbeiten sich mit vollem Einsatz durch den Abend. Video gehört dazu.

 
 
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