In diesen Figuren finden wir uns gut zurecht. © Brigitte Enguérand, coll. Comédie-Française.

 

 

 

L'Hôtel du libre échange. Georges Feydeau, Maurice Desvaillières.

Komödie.                  

Isabelle Nanty, Christian Lacroix. Comédie-Française, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. Mai 2017.

 

 

In einem der bemerkenswerten Nero-Wolfe-Krimis ("In the Best Families" von Rex Stout) enthüllt der Detektiv die Lösung auf den letzten zwei Seiten. Vorher tappt der Leser im dunkeln. Immerhin geschieht, um die Spannungskurve vor dem Abfallen zu bewahren, zwischendurch ein zweiter Mord. Dem Leser jedoch geht es mit der Geschichte wie mit einem Vexierbild: Wo steckt der Täter? Man schaut und schaut und ist gleichwohl blind. Vor lauter Linien erkennt man die entscheidende nicht. Bis ihr das Genie mit dem Finger nachfährt und sagt: "Da!"

 

Bei den Feydeau-Komödien geht es nicht um Mord, sondern um Ehebruch. Oder sagen wir, genauer: Um den Versuch dazu. Denn es kommt nie zum Akt. Durch diese symbolische Impotenz erweisen sich die Bürger, so reich sie sind, vor dem Blick des Transaktionsanalytikers als "looser". Und weil sie weder zur Tat noch zum Elend, das sie zum Versuch trieb, stehen können, bestehen ihre Handlungen – ja besteht die Handlung in Feydeaus Stücken überhaupt – in unausgesetztem Lügen und Vertuschen. Bei Ibsen ist dieses Verhalten beklemmend. Bei Feydeau ist es lächerlich. Bei Rex Stout weichen die Mörder der Wahrheit aus. Bei Feydeau die Versager. Die Liga der Genies hat einen klaren Blick und fährt mit dem Finger den entscheidenden Linien nach.

 

Feydeau verwendet für sein "Hôtel du libre échange" Durchschnittspersonal. Das heisst, die Figuren sind so durchschnittlich, dass sie ihre Individualität verloren haben und reine Typen geworden sind. Damit finden wir uns gut in ihnen zurecht. Denn sie übersteigen uns nicht wie die Figuren von Kleist, Grillparzer oder Schiller.

 

Bei der Komödie verläuft die Handlung nicht analytisch wie im Kriminalroman (ein Vorgefallenes wird entwirrt), sondern progressiv: Die Vorfälle verwickeln sich. Und zwar in einem beängstigenden Mass. Am Schluss kann niemand mehr helfen. Kein Mensch, kein Gott, kein Kommissar. Im Gegenteil: Der Kommissar trägt zur Verwirrung bei. So kann nur noch der Zufall die Lösung bringen. Sie kommt für alle Beteiligten einer Erlösung gleich. Welch ein Gedanke! Im "Hôtel du libre échange" nimmt der Zufall die Form eines Blitzes an. Ein nie gesehener Geniestreich.

 

Ist ein Werk so beschaffen, darf die Regie nichts dazutun. Isabelle Nanty war wohlberaten, sich zurückzuhalten. Sie begnügt sich, die Figuren in einem traditionellen Feydeau-Dekor aufzustellen (Bühnenbild Christian Lacroix) und die Schauspieler reden zu lassen. Lange meint man, das genüge nicht, bis sich am Ende des dritten Aktes zeigt, dass das Stück diese Konventionalität verlangt. Nur dank dem Vorlauf der Unoriginalität nämlich kann es mit einem Blitz die Handlung in ein überraschendes und rundum beglückendes Finale hochreissen.

 

Wichtig ist also eine sichere Hand in der Dosierung. Und das Personal. Die männlichen Hauptrollen sind exzellent besetzt. Obwohl die Schauspieler ihre Rolle weder interessant machen noch aufhübschen, haben sie die Kraft, die Blicke auf sich zu ziehen und das Interesse an den Figuren wachzuhalten. Und sie stehlen dem komischen Alten, Christian Hecq, nicht die Show. So zeigt sich am "Hôtel du libre échange" die Ensemblekunst der Comédie-Française.

Den Rahmen gibt ein traditionelles Feydeau-Dekor.

 
 
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