Die gutwillige Naive (Oriane Pons, rechts), wird zerrieben. © Annette Boutellier.

 

 

 

The Turn of the Screw. Benjamin Britten.

Oper.                  

Jochem Hostenbach, Maximilian von Mayenburg, Frank Lichtenberg, Rolf Lehmann, Jürgen Nase. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. Mai 2017.

 

 

Weil das Stammhaus am Kornhausplatz der letzten Renovations­etappe unterzogen wird, muss die Opernsparte des Berner Theaters noch einmal in die Könizer Pampa ausweichen, wo hinter Fressnapf, Le Beizli und Tauchsport Käser in der ehemaligen Tresorfabrik Vidmar zwei Hallen fürs Schauspiel eingerichtet wurden. Es gibt hier keine Hubpodien und keinen Schnürboden. Es ist deshalb nicht möglich, Dekorationsteile zu versenken oder nach oben wegzuziehen. Auch ein Orchestergraben findet sich nicht. Deshalb ist die Aufstellung der Musiker hier keine selbstverständliche Gegebenheit, sondern eine Frage, auf die Bühnenbild und Regie eine Antwort finden müssen – wie auch aufs Problem, dass die allzu breite Spielfläche Fokussierung erschwert und an den Rändern ausfranst. Die Situation "Ausweichquartier" und "Notlösung" verlangt mithin vom kritischen Zuschauer die Bereitschaft, künstlerische Abstriche hinzunehmen wie bei Rossinis "L'occasione fa il ladro" im letzten Frühling und beim "Weissen Rössl" im letzten Herbst.

 

Doch diesmal ist es anders. Da schafft es das Zusammenspiel vieler guter Köpfe, Künstler und Stimmen, die letzte Premiere der Saison auf eine Ebene zu katapultieren, wo jedes Element sinnvoll, nein zwingend ins andere greift, so dass die Aufführung von Benjamin Brittens Gespensteroper die Überzeugungskraft der grossen künst­lerischen Geschlossenheit gewinnt. Durch sie wird "The Turn of the Screw" zum Ereignis.

 

Das Aussergewöhnliche zeigt sich schon beim Betreten des Saals. Aus dem Bühnenbereich, der dem Publikum in undurchdringlicher Schwärze gegenüberliegt, dringt kein Laut. Wann hat es das schon gegeben? Eine Opernaufführung ohne das Durcheinander, in dem sich die Musiker einblasen, einfiedeln, einstimmen? Es ist auch nicht zu erkennen, wo die dreizehn Instrumente aufgestellt sein werden, die die Partitur verlangt (darunter Harfe, Klavier und Celesta). Die Bogeninstrumente sind einfach besetzt. Sie bilden ein klassisches Quartett mit erster und zweiter Violine, Bratsche und Cello. Aber noch herrscht Stille.

 

So entsteht in Vidmar 1 die Aufführung ganz aus dem Kern des Werks, der dem Zuschauer gegenüberliegt als schwarzes, leeres, schweigendes Nichts. In ihm herrscht die Finsternis, die sich das Licht gebar, das nun der Mutter Nacht den alten Rang, den Raum ihr streitig macht, und doch gelingt's ihm nicht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht ... Und bereits stellt das Leitungsteam die Überlegenheit unter Beweis, mit der es zuwege geht. Kein Schnürboden? Ha! Irgendwo macht es klick, und schon fällt die Attrappe einer schwarzhaarigen Frau von der Saaldecke und hängt baumelnd am Strick, während der Prolog die Zuschauer mit der Ausgangs­situation vertraut macht.

 

Mit diesem Spielzug ist die Stillage des Werks punktgenau getroffen, und mit ihr die morbide Aura von Henry James' Novellistik: Überraschung, Wahnsinn, Fatalität, Geheimnis, Schuld, Verlockung und Dämonie; das Ganze durchmischt mit skurrilem Gruselhumor der Vintage-Sorte. Auch er zeigt sich gleich am Anfang. Der Titel "The Turn of the Screw" ("Die Drehung der Schraube", auch übersetzt mit "Die Tortur") wird nämlich wörtlich genommen. Die gutwillige Naive (dargestellt von Oriane Pons) bekommt einen Schlüssel ausgehändigt, um ein Räderwerk aufzuziehen, das sie im Lauf von zwei Akten zerreiben wird.

 

Und bereits kommt da auch der Apfel ins Spiel, mit dem das Regieteam seine Deutung veranschaulicht: Man kann erst wissen, was gut und böse ist, wenn man aus der Welt des Guten getreten ist und sich auf das Böse eingelassen hat. Von da an aber gibt es kein Zurück mehr, sondern nur noch das Vorwärts bis zum Ende, welches Vernichtung ist. Diesen strengen Fluss zeigt die Inszenierung mit beklemmender Konsequenz.

 

Neben dem Räderwerk kommt jetzt das Orchester ans Licht. Die räumliche Nähe zum Federhaus macht es zum Bestandteil der nihilistischen Mechanik, die Henry James und Benjamin Britten angelegt und Maximilian von Mayenburg (Regie), Frank Lichtenberg (Ausstattung), Rolf Lehmann und Jürgen Nase (Licht) vollendet haben. Sinnreicher und sinnlicher kann man eine Spielanlage nicht gestalten. Der Ort ist ein Mitspieler. Und auf der breiten Simultanbühne von Vidmar 1 hat es viele Orte. Da ist die Sitzgruppe, an der jener Brief geschrieben wird, der nie ankommt. Da ist der Vorhang, hinter dem sich das Kinderzimmer in ein Schreckenskabinett verwandelt. Da ist der Ausgang zum Park, der am Ende versperrt ist. Und da ist das schwarze Zentrum, das alle Figuren, die es betreten, als Verlorene denunziert. So macht das Zusammenspiel von Raum, Beleuchtung, Handlung, Musik und Gesang aus dem "Turn of the Screw" ein Opernereignis von höchster Stringenz.

 

Die glänzende Schlussproduktion, mit der die Opernsparte des Berner Theaters ihre ohnedies starke Spielzeit krönt, wäre nicht möglich gewesen ohne die Präzision, mit der Sänger und Musiker ihren Part treffen. Die dreizehn Solisten des Berner Symphonieorchesters leuchten unter Leitung von Jochem Hostenbach Brittens minimalistisches Klanggeschehen in einer schlanken Schönheit aus, für die man gern den halben "Ring" drangibt.

 

Das Orchester ist am Bühnenrand oben rechts untergebracht, in einer Art Alkoven. Die Sänger haben es also im Rücken. Sie müssen den Schlag des Dirigenten aus Monitoren ablesen. Bemerkenswert ist nun, dass ihre Augen den Bildschirm nie suchen, so sicher atmen sie in ihrer Partie, und so fein sind sie schon an der Premiere aufeinander eingespielt. Mit solch einem Ensemble (und erst der Junge – an der Premiere Elias Siodlaczek, alternierend mit Hannes Schoss – eine Sensation!), mit diesem Ensemble mithin realisiert sich in der Pampa das reine Besetzungsglück.

 

"Britten arbeitet mit einem Kammerorchester kleinster Besetzung und weiss ihm eine kaum glaubliche Fülle von Stimmungen, seelischen und äusserlichen Schilderungen zu entlocken. Ein beklemmendes, seltsames, schwer zu realisierendes, aber packendes Musikdrama." Mit diesen Worten fasste Kurt Pahlen vor einem halben Jahrhundert "The Turn of the Screw" zusammen. Hätte er die Berner Aufführung noch erlebt, er hätte von einem Wunder gesprochen.

Das Ganze durchmischt mit skurrilem Gruselhumor der Vintage-Sorte.

 
 
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