Der Mann ist nackt wie einst Ganymed. © Jean-Louis Hernandez.

 

 

 

Erich von Stroheim. Christophe Pellet.

Schauspiel.                  

Stanislas Nordey. Théâtre national de Strasbourg im Théâtre du Rond-Point, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. Mai 2017.

 

 

Mit dem Gastspiel aus Strassburg sieht das Théâtre du Rond-Point, das in Paris zuständig ist für ambitionierte zeitgenössische Theaterformen, alt aus. Uralt sogar, wenn es nach Thomas Ostermeier geht. Der grösste deutsche Regisseur, so die Ansage, erklärte nämlich vor kurzem der BBC, er kenne nichts Altbackeneres als Nacktheit auf der Bühne. Er wehre sich dagegen, wo er nur könne. Jetzt, wo es alle einsetzten, sei das Adamskostüm als Modernitätszeichen veraltet. Damit ist gesagt, dass die Inszenierung von Stanislas Nordey, die sich aktuell gebärden möchte, überholtes Theater zeigt.

 

Der junge Schauspieler, ein hübscher nackter, schwarzhaariger Wuschelkopf, empfängt die Zuschauer auf offener Bühne in Schlummerpose wie einst Ganymed. Der zweite, mittelalterliche Schauspieler steckt mit nacktem Oberkörper in Jeans, und sie, eine blonde, energische Mittdreissigerin, im kleinen Schwarzen. Für Bühnenbild und Kostüme jedoch hat niemand den Namen hergegeben. Im Programmheft heisst es bloss: Ateliers du Théâtre national de Strasbourg.

 

Die drei Schauspieler bilden nun mit "elle, l'autre et l'un" das uralte Dreieck: Die Frau zwischen zwei Männern. Die Männer sind schwul. Der eine professioneller, der andere akziden­tieller Darsteller in schwulen Pornofilmen: "Dein Körper ist öffentliches Gut." Die Frage: "Wer mit wem?" löst das Stück mit der Antwort: "Alle mit allen", um die Beziehung schliesslich in die Konstellation "Wir zwei" münden zu lassen. Der Überflüssige verschwindet. Er löst sich, erzählt der nackte Darsteller, im Wald unter den Tieren auf und kehrt damit in den Schoss der Animalität zurück. Der Mittel­alterliche aber wird, sobald "das Kind" da ist, den Job aufgeben und Hausmann spielen, während die Frau für zwei arbeiten wird.

 

Das ist die Handlung. Sie war in wenigen Zeilen wiederzugeben. Dazwischen wird geredet, meist monologisch, auch wenn zwei auf der Bühne sind. Auf diese Weise wird die Kluft zwischen den Individuen wiedergegeben: "Du bist immer allein!", lautet die bittere Erkenntnis. Die Schauspieler arbeiten sich zu ihr hin, indem sie jene melancholische Deklamation verwenden, die man für den Vortrag von Else-Lasker-Schüler-Gedichten einsetzt.

 

Dass das Stück, das den Titel "Erich von Stroheim" trägt, nichts mit Erich von Stroheim zu tun hat, könnte den Unkundigen veranlassen, von Irreführung zu sprechen. Der Kundige hingegen wird von subtilen Resonanzen reden. Tatsache aber ist, dass die Programmzettelredaktion das Problem schon in ihrer ersten Frage an den Regisseur aufwirft. Stanislas Nordey antwortet, indem er der Frage ausweicht und stattdessen von den "Themen" spricht, "die man häufig in Pellets Stücken wiederfindet". (Des préoccupations que l'on peut retrouver dans les pièces de Pellet.) Also "die Frau" (le premier sujet), "der Paarbegriff" (la notion du couple), "die Liebe", "Sex und Sexualität", "der Gesellschaftsbezug", "die Zeugung – Kinder machen". Es genügt, dass der Dialog an diese Themen rührt, damit der Regisseur "eine Reflexion" konstatiert: "Il y a une réflexion dans la pièce sur la consommation des actes sexuels et sur les modes de représentation qui s'y rattachent."

 

Wie das 2009 in Berlin (!) uraufgeführte Stück des heute 54jährigen Diplomdramatikers zeigt, muss man nicht starke Texte schreiben können, um von den Gremien durchs Leben getragen zu werden, sondern Anträge, die die Tagesmode bedienen. Und so entspricht es dieser Sorte theatraler Manifestationen, dass der Applaus am Ende nicht Dank bekundet, sondern Toleranz: Wir haben nichts gegen Schwule. Wir haben nichts gegen Nackte. Wir haben nichts gegen Kokainsüchtige. Wir haben nichts gegen Talentarmut. Für diese Weitherzigkeit bedanken sich die Schauspieler, indem sie ins Publikum zurückklatschen. Das nennt man einen geschlossenen Zirkel.

"Wer mit wem?", das ist die Frage.

Die Antwort lautet: "Wir zwei!"

 
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