Aufnahme tätowierter Rollbrettfahrer ins Topmanagement. © Ilja Mess.

 

 

 

Die Firma dankt. Lutz Hübner.

Schauspiel.                  

Jérôme Junod. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 7. Mai 2017.

 

 

20. November 1997. Premiere an der Opéra Bastille: "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss. Eine Koproduktion der Pariser Nationaloper mit den Salzburger Festspielen. Herbert Wernicke zeichnet für Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme. Edo de Waart dirigiert. Und die Marschallin singt Renée Fleming. Höher hinauf geht es nicht. Das Publikum reagiert entsprechend enthusiastisch.

 

Am Ende der Vorstellung ist das Büro des Direktors – es hat mehr als die doppelte Grösse der Solothurner Bühne – voller Gratulanten. Der Kulturminister, die Gesundheitsministerin, die CEOs von Alacatel und France Telecom, der Mediävist des Collège de France und zwei Dutzend weitere Rosettenträger haben, wie sie sagen, dem Drang nicht widerstehen können, dem Herrn des Hauses ihre Anerkennung für diesen ausserordentlich gelungenen Opernabend auszusprechen.

 

Wie einer nach dem andern gegangen ist, sagt der Direktor zu mir: "Ich muss nur noch den Computer herunterfahren. Danach können wir miteinander essen gehen." An der Tür blickt er noch einmal zurück, dann löscht er das Licht. Wir treten ins Freie. Beim Überqueren der Place de la Bastille breche ich das Schweigen: "Es ist Ihnen sicher aufgefallen, dass ich mich dem Chor der Lobredner nicht angeschlossen habe." Hugues Gall unterbricht mich: "Ach, geben Sie sich keine Mühe! Die Produktion ging völlig daneben. Reden wir lieber vom Wetter!"

 

Ähnlich präsentiert sich jetzt die Lage zwanzig Jahre später, am 6. Mai 2017, beim Verlassen der Schweizer Erstaufführung von Lutz Hübners Schauspiel "Die Firma dankt" am Solothurner Stadttheater. Es regnet stark (Meteo Schweiz spricht von "ergiebigen Niederschlägen"), die Emme ist angeschwollen. Die Zuschauer aber haben im Haus an der Theatergasse länger applaudiert als das Genfer Publikum nach einer Opernpremiere, und die hinterste Reihe jaulte hingerissen. Ihr Verhalten erinnerte den Kritiker an einen Artikel der "Süddeutschen Zeitung" desselben Tages:

 

"Karaoke-Abend am letzten Tag des Feriencamps. Die Neunjährige stapft auf die improvisierte Bühne. Kaum erklingen die ersten Töne, stürmt die Mutter verzückt nach vorn und nimmt die Darbietung mit dem Handy auf. Wie sie strahlt, wie sie im Rhythmus mittanzt! Als die Mutter kurz das Handy sinken lässt, fordert sie von den anderen Zuhörern Beifall. Kaum ist das Lied beendet, umarmt sie ihre Tochter, als wäre diese gerade aus höchster Seenot gerettet worden. 'Toll hast du das gemacht, meine Süsse, gaaanz, gaaanz grossartig. Ich bin so stolz auf dich!' - Wer hier nicht familiär involviert ist und also befangen, muss feststellen: Das Kind hat den Text gelangweilt abgelesen. Stockend und fehlerhaft, aber immerhin bis zum Ende. Unter uns: Das kriegen Drittklässler schon mal hin. Es war auch kein Lied, was die Neunjährige mit Max Giesingers '80 Millionen' dargeboten hat, sondern ein eher nöliges Aufsagen. Wäre der deutsche Schlager nicht längst auf den Hund gekommen, man hätte eine Missbrauchsklage erwägen können."

 

Was ist passiert? Lutz Hübner hat ein Thema aufgegriffen, das, wie der tägliche Blick aufs Newsportal der SRG-App bestätigt, in der Luft liegt: Zusammenbruch der altgewohnten Unternehmenskulturen durch die Aufnahme tätowierter Rollbrettfahrer ins Topmanagement. Mit dieser Situation ist der Wiedererkennungseffekt garantiert. Eben noch sagte eine Bekannte: "Mein Mann sucht jetzt auch. An den Hauptsitz der SBB kommen jetzt lauter Junge. Sie haben keine Ahnung von der Sache, wollen aber mit ihren Hochschulrezepten gleich das ganze Bahnwesen neu erfinden." (öV-Experte Hans G. Wägli nennt diesen Schlag die Hors-sol-Eisenbahner.)

 

Nun aber macht eine Situation – so bekannt sie uns auch immer vorkommen mag – noch lange kein Stück. Auch nicht der Gegensatz zwischen alt und jung. Bevor eine Situation zum Stück wird, müssen noch Elemente dazutreten, die Entwicklung, Zuspitzung, Konflikt, Überraschung, unerwarteter Umschlag heissen. - Harold Clurman, Regisseur von gegen fünfzig bedeutenden Schauspiel-Produktionen am Broadway, legt in seinem grundlegenden Werk übers Inszenieren (On Directing) dar, wie wichtig es sei, den Willen herauszuarbeiten, der jede Figur in jeder Szene ... sagen wir ruhig: "beseelt", und er weist das unter anderem nach an einzelnen Dialogstellen aus seinen Inszenierungen von "Onkel Wanja" oder "Eines langen Tages Reise in die Nacht".

 

Die einzige Figur nun, die in Lutz Hübners Schauspiel einen Willen manifestiert, verkörpert Günter Baumann als erfahrener Abteilungsleiter einer umstrukturierten Firma. Er möchte wissen, was gespielt wird und woran er ist. Dieses Wissenwollen macht ihn für die Zuschauer fassbar und glaubwürdig. Mit der Zeit wird auch der Charakter der zweiten Karyatide des Schauspielensembles sichtbar (der Ausdruck stammt von Katharina Rupp): Barbara Grimm spielt eine Personaltrainerin, deren Ziel es ist, obenauf zu schwimmen und beschäftigt zu bleiben. Doch die Generation der Jungen (Atina Tabé als Assistentin, Tim Mackenbrock als neu eingeflogener Boss und Jan-Philip Walter Heinzel als Personalchef), die bleibt unfassbar und unglaubwürdig.

 

Man sieht wohl, was die Schauspieler wollen, nämlich eine Figur darstellen, die sich darstellen will. Stück und Inszenierung nehmen also die smarten Selbstvermarkter aufs Korn. Aber die Darstellung einer unternehmenssoziologischen Lage macht noch lange keine Handlung. Davon kann jener Psychologieprofessor ein Lied singen, der seit seiner Emeritierung mit der Uni abrechnen und einen Campusroman schreiben möchte, ohne den Dreh zu finden, der der Sache Zug gibt. Er hat deshalb das Schreiben bis heute sein lassen. Lutz Hübner nicht. Wer ist der Klügere?

 

Schuld am misslungenen Abend in Biel-Solothurn ist mithin ein Geburtsgebrechen. Ein kabarettistischer Stoff (Kritik an der betriebswirtschaftlichen Idiotie des aktuellen Kapitalismus) wurde zum mehr oder weniger abendfüllenden Schauspiel ausgewalzt. Was als konzentrierte Nummer auf der Kleinkunstbühne Biss und Schärfe hätte entwickeln können, wirkt jetzt nur noch dünn. Und der Regie (Jérôme Junod) gelingt es nicht, den Mangel an Substanz zu verdecken. Ach, die Klassiker wussten's längst: "Getretner Quark / Wird breit, nicht stark." (Johann Wolfgang Goethe, West-östlicher Divan.)

Die Generation der Jungen bleibt unfassbar.

 
 
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