Gleich nach seiner Geburt kann der Säugling schon reden. © Annette Boutellier.

 

 

 

Das beste aller möglichen Leben. Noah Haidle.

Komödie.                  

Mario Matthias. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 21. April 2017.

 

 

Am nächsten Tag ist das Soufflé schon ganz in sich zusammengefallen. Es besteht halt doch vornehmlich aus Luft. Dabei hat man sich am Abend vorher noch ganz gut unterhalten. Immer wieder nötigte einem eine überraschende Wendung einen Lacher ab. Man fühlte zwar schon damals, dass es nicht dasselbe Lachen war wie das, welches der grosse Nestroy hervorruft, aber die Ursache war jedenfalls stets reglementskonform: "Burlesk heisst eine niedere Gattung des Komischen, welche vorzüglich durch Zusammenstellung des einander Fremdartigen ihre Zwecke zu erreichen sucht", definierte der Brockhaus 1837. Inkongruenz also ist das primum movens des Komischen.

 

Bei Noah Haidles Komödie "Das beste aller möglichen Leben" zeigt sich die Inkongruenz bereits in der Spielanlage: Eingeführt wird ein Säugling, der gleich nach seiner Geburt schon reden kann. Ein paar Minuten später braucht er sich bloss ein Wörterbuch an die Stirn zu schlagen, um alle darin enthaltenen Wörter aufzunehmen. Und schon ist er in der Lage, einen unwiderleglichen Gottesbeweis zu schreiben, alle ungelösten Rätsel der Mathematik zu erledigen und das schönste Gedicht der Weltliteratur zu verfassen. Doch der Neugeborene wächst so schnell, dass er mit seinen Fragen schon die Eltern an ihre Grenzen führt: Woher kommt das Unrecht in der Welt? Warum müssen so viele Menschen leiden? Was ist Liebe, was ist Streit? Und was der Sinn des Ganzen?

 

Jetzt kommt die zweite Wurzel des Komischen ins Spiel: Verletzung der Tabus. Vater und Mutter demonstrieren dem Säugling auf seine insistierende Bitte hin, wie man Liebe macht, und während des Akts erklären sie ihm die einzelnen Schritte. Dann kommt er schon in die Pubertät, verlangt Heroin, und während ihm der eingeschüchterte Vater den Stoff besorgt, vergewaltigt er, vollgeladen mit Bier und Valium, die Mutter, und gleich danach auch den zurückkehrenden Vater. Da findet er jedoch zu Gott, entsagt den Drogen und macht sich auf, die Menschheit mit dem Evangelium der Liebe zu erlösen – und schon neigt sich seine Lebensbahn dem Ende zu. Er ist keine anderthalb Stunden alt geworden. Als weissbärtiger Greis schickt er sich ins Unabwendliche.

 

Auf seinem Parforceritt durch die Entwicklungsphasen hat der Junge Eltern und Publikum mitgerissen in alle Höhen und Tiefen, die das Leben bereit­hält, und so erreicht das Stück ein Identifikationspotential von hundert Prozent. Es ermöglicht den Eltern auf der Bühne, und mit ihnen den Zuschauern im Saal, sich nach einer Blitztherapie von 1 Stunde 40 wieder mit pragmatischer Haltung der Welt zuzuwenden in der Zuversicht, "das beste aller möglichen Leben" vor sich zu haben.

 

Aber eben: So schnell diese Zuversicht erreicht wurde, so schnell verlischt sie wieder, und am nächsten Morgen erwacht man wie nach einem Rausch bloss noch mit der Erinnerung, sich am Abend vorher ganz gut unterhalten zu haben. Der Schlaf aber hat jeden Rest von Substanz aus dem Hirn gespült. - Auf Französisch heissen die Eintagsfliegen "les éphémères" und der Abrisskalender "l'éphéméride". Daraus müsste man die Gattungsbezeichnung für Noah Haidles Komödie ableiten können.

 

Zwei Faktoren erklären den Haftungsmangel (das Wort hat, wie man sieht, neben der juristischen auch eine ästhetische Bedeutung). Erstens: Der Speed, mit dem ein Einfall den andern jagt, verhindert, dass im Stück je ein Dialog aufkommt, wie ihn die alten Komödiendichter von Marivaux bis Hofmannsthal zu bauen verstanden. Bei ihnen wendet sich im Gespräch ein Inneres nach aussen, und der Dialog wird dadurch, wie Martin Buber sagte, zu einem "Geschehen zwischen dir und mir".

 

Bei Noah Haidle haben die Figuren keinen Kern. Deshalb sind sie zwar augenblicklich verständlich, aber uninteressant. Auf diese Weise spielen Oberflächlichkeit, Substanzmangel und Instant-Dramaturgie einander in die Hände.

 

Zweitens: Die Inszenierung hat keine überragende Idee. Mario Matthias lässt, mit Betonung des Burlesken, ab Blatt spielen. Seine Leute erledigen die Aufgabe anständig. Aber wir haben sie alle in dieser Spielzeit schon besser gesehen. Momentweise finden sich im Spiel von Kornelia Lüdorf stimmige Details, so dass man denkt: Warum nicht mehr?

 

Den Vater gibt Jonathan Loosli als guten Kerl. Das Kumpelhafte macht ihn sympathisch und gleichzeitig fragwürdig, weil seine Haltung verrät: "In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen." Es genügt dieser eine Zug, um dem Stück Grundspannung zu geben und hinter dem Happy End ein schwaches Fragezeichen aufgehen zu lassen.

 

David Berger und Jürg Wisbach, die sich die Rolle des Neugeborenen teilen, bringen, was sie können. Es reicht nicht, um dem Wesen, das schon auf dem Papier abstrakt ist, eine Individualität zu geben. So macht die Schweizer Erstaufführung in Bern zwar einen unterhaltsamen Theaterabend, bringt aber aus Noah Haidles boulevardesker Konstruktion nicht mehr heraus, als was drin liegt.

Er möchte wissen, wie man Liebe macht.

 
 
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