Die Rollen werden sinnvollerweise durch Frauen verkörpert. © Reinhard Werner.

 

 

 

Die Orestie. Aischylos.

Tragödie.                  

Antú Romero Nunes, Thomas Kürstner, Sabine Vogel, Matthias Koch, Victoria Behr, Friedrich Rom. Burgtheater Wien

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. März 2017.

 

 

Vielleicht mischte sich – neben dem Dank an die Künstler und ihre Leistung – in den Applaus auch etwas Demonstratives: Endlich einmal reines Wort! Kein Einsatz von Video, keine Einsprengsel von Fremdtexten, keine Ständermikrofone, keine Aufteilung oder Vervielfachung der Personen, kein Plansch­becken, keine Dekonstruktion, keine Irritation, kurz: kein Regietheater!

 

Es gab zwar immer noch Nebel. Es gab immer noch Regen. Es gab immer noch Pfützen. Und es gab immer noch Gischt. Aber diese Elemente des Gegenwartstheaters wurden von Bühnenbildner Matthias Koch so ästhetisch eingesetzt und von Friedrich Rom so fein beleuchtet, dass man sie in der Schwärze der Bühne bloss noch als geschmackvoll bewegte Tapete wahrnahm. Auch die Klänge (Thomas Kürstner, Sabine Vogel), ohne deren Einsatz heute kein Schauspiel mehr auskommt, unterzogen sich dem Gebot, als zweite Batterie bloss Atmosphäre zu schaffen und nicht mit der Darbietung des Texts in Konkurrenz zu treten. Damit applaudierten die Zuschauer des Burgtheaters einer Inszenierung (Antú Romero Nunes), deren Unaufdringlichkeit der Entfaltung der Atridentragödie nicht im Wege stand. Immerhin hatte sie Aischylos so überzeugend in Worte gefasst, dass "Die Orestie" nach seinem Tod im Jahr 456 v. Chr. amtlich aufbewahrt und an den athenischen Dionysien weiterhin aufgeführt wurde, während sonst ausschliesslich neue Werke zugelassen waren.

 

Drei Schauspieler und ein Chor führten damals der gesamten freien männlichen Bevölkerung des Staates vor, welche Blutspur das Gebot der Rache ins Geschlecht der Atriden gezogen hatte. Und im Burgtheater setzt nun – höchst aktuell – Antú Romero Nunes diesem archaischen Denken ein Ende, indem er die Vorstellung durch den Auftritt der Pallas Athene abbricht. Die Athener Stadtgöttin verkündet den Zuschauern, zur Sühnung von Verbrechen sei die Blutrache aufgehoben. Die Götter hätten Recht, Gesetz, Gericht den Händen der Angehörigen entwunden und der Gesamtheit des Volkes übertragen. Damit mündet die Aufführung in die segensreiche Institution des Rechtsstaats.

 

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass jeder Vortrag des Mythos von der Kithara begleitet wurde, also von den Klängen eines feinen, gezupften Saiteninstruments (unser Wort "Gitarre" ist davon abgeleitet), dann hat der Einsatz von Musik in dieser Sprechtheaterproduktion ihre Berechtigung. Und unter Berücksichtigung der Gendergerechtigkeit ist es auch angemessen, dass das Stück jetzt von einer siebenköpfigen Frauenschar vorgetragen wird, wenn man sich vor Augen hält, dass im alten Griechenland nur Männer im Theater zugelassen waren. Nun werden die grossen Rollen der Klytaimnestra (an der Burg Caroline Peters), der Elektra (Sarah Viktoria Frick), der Kassandra (Andrea Wenzl), der Amme (Barbara Petritsch) und der Athene (Irina Sulaver) sinnvollerweise von Frauen verkörpert. Dass Agamemnon mit Maria Happel und Orestes mit Aenne Schwarz nun verkehrt herum besetzt sind, übersieht das moderne Zuschauerauge ohne zu blinzeln. Denn wie schon in der Antike lassen Maske und Kostüm (Victoria Behr) die Individualität der Vortragenden zurücktreten. So geht es bei der "Orestie" des Burgtheaters wieder um die Vermittlung des reinen Texts, wie seinerzeit bei den Anfängen des Theaters, und nicht ums Ausstellen der Einzelbegabung. So besehen war der reiche Applaus des Publikums sowohl der Sache wie der Leistung angemessen.

Maske und Kostüm lassen die Individualität zurücktreten.

Das Wasser bildet eine geschmackvoll bewegte Tapete.

 
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