Mord im Inselparadies: Who-dun-it? © Moritz Schnell.

 

 

 

Galápagos. Felix Mitterer.

Schauspiel.                  

Stephanie Mohr, Stefan Lasko, Manfred Grohs. Theater in der Josefstadt, Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. März 2017.

 

 

Die Uraufführung von Felix Mitterers "Galápagos" dauert zweieinhalb Stunden. Und so lange hat man Zeit zu überlegen, warum das Stück nicht funktioniert. Wenn der Vorhang aufgeht, werden die ersten Übel sichtbar. Kreisförmig aufgestellte Figuren, die in Ständermikrofone zischen, summen, brummen (Musik: Stefan Lasko). Die Drehbühne setzt sich in Fahrt und schiebt zwei liegende Körper nach vorn. Obdachlose im Müll? Ein sehr korrekt angezogener Mann mit schickem Borsalino beugt nach nieder und hält sich ein akkurat gefaltetes, weisses Schnupftuch vor die Nase. Das stumme Spiel macht deutlich, dass da einer zwei Tote entdeckt hat, deren Verwesung schon eingesetzt hat. Trotz des Gestanks bückt sich der Mann neben einem Leichnam nieder und zieht aus dessen Ledertasche mit gespreizten Fingern ein Bündel Banknoten hervor, die er mit grosser Gebärde ans Licht hält (Licht: Manfred Grohs). Man sieht: Die Inszenierung von Stephanie Mohr versucht, mit kunstgewerblichem Arrangement Bedeutsamkeit herbeizurufen. Doch sobald die Sprache dazukommt, wird klar: Der Text trägt nicht. Und von da an wohnt das Publikum nicht mehr einer Uraufführung bei, sondern einer Leichenschau.

 

Dichter haben eine eigene Sprache. Felix Mitterer ist kein Dichter. Darum packen uns seine Worte nicht. Und darum muss ihnen der Verfasser ein (wie Schiller gesagt hätte) "stoffliches Interesse" beimischen. Das soll dem amorphen Sprachgewand, das nicht aufrechtstehen kann, Halt geben. – In den ersten Sätzen gibt sich der Mann mit dem Borsalino als Kommissar zu erkennen. Er untersucht das Verschwinden mehrerer Ansiedler auf Galápagos und schliesst bei dieser Sache Mord nicht aus. Während er spricht, zieht er den Kittel aus, und unter seiner linken Schulter wird in der Lederhalterung eine Pistole sichtbar. O sancta simplicitas. Der Autor meint, Spannung entstehe dadurch, dass einer ermittelt; es genüge, ein Stück in Insel- und Meeresexotik anzusiedeln und mit der Frage zu eröffnen, ob's Mord war; und wenn ja, wer's getan habe, um das Publikum zweieinhalb Stunden lang in Bann zu ziehen. Dabei zeigt schon ein Blick auf den Stoffplan eines Creative-Writing-Seminars, dass jetzt noch einiges dazukommen müsste: Sind die Figuren lebendig? Haben sie Mehrschich­tigkeit? Entwickeln sie sich? Bei "Galápagos" lautet die Antwort: nein.

 

Die Regie unterstreicht die Eindimensionalität der Figuren dadurch, dass sie sie immer in der gleichen Haltung auftreten lässt. Die Farmerin wiegt immer eine Stoffpuppe im Arm, die einen Säugling darstellen soll. Der Farmer saugt immer an einem braunen Stück Holz, das eine Pfeife darstellen soll. Der Philosoph stützt sich immer auf ein Buschmesser, und seine "Jüngerin" (die Anführungszeichen stehen im Programmheft) auf eine Krücke. Der Kommissar schliesslich grinst immer in die Sonne.

 

Was also fehlt, ist, wie Walther Killy nicht müde wurde zu betonen, der Wechsel der Töne. Ruth Brauer-Kvam bringt zwar mit ihren Auftritten als Baronin Eloise Wagner de Bousquet erfrischende Exuberanz ins Spiel. Aber sonst zieht sich das Stück im zähflüssigen Step-by-step der Ermittlung hin: Und dann, was geschah dann? Und dann, was geschah dann? Der Kommissar fragt, die Leute antworten. Zweieinhalb Stunden lang. O sancta simplicitas.

 

Es brauchte jetzt doch einen Auslöser (Gustav Freytag nannte ihn "das erregende Moment"), damit die Handlung in Fahrt kommt, und Schiller bezeichnete diese Beschleunigung als "Präzipitation". Dann brauchte es – wenn man schon ein so konventionelles Who-dun-it-Stück wie "Galápagos" bauen will – kurz vor dem Schluss als Höhepunkt einen Umschlag (die alten Dramaturgien verwendeten dafür das griechische Wort "Katastrophe"). Mit diesen Mitteln käme man, immer noch auf dem bescheidenen Weg des handwerklichen Arrangements, dem Erfolg ein bisschen näher. Man könnte das Ganze aber auch sein lassen. Kein Mensch würde ihm nachtrauern.

Der Philosoph stützt sich immer auf ein Buschmesser.

 
 
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