Jetzt sitzt Lars Koch als Angeklagter vor uns. (Rechts der Verteidiger.) © Ilja Mess.

 

 

 

Terror. Ferdinand von Schirach.

Schauspiel.                  

Katharina Rupp. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. März 2017.

 

 

Im Unterschied zum "Zerbrochenen Krug" – dem grossen Klassiker aller Gerichtssaaldramen – sind wir bei Ferdinand von Schirachs "Terror" nicht Zuschauer, sondern Beteiligte. Wir werden von den Figuren – Richter, Staatsanwältin, Verteidiger – angesprochen: "Meine Damen und Herren Richter". Wir werden nach unserer Meinung gefragt. Sie entscheidet, ob der Angeklagte, der 35jährige Major Koch, freigesprochen oder wegen Mordes an 124 Menschen zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Damit packt uns das Stück von der ersten Minute an. Sogar wenn es am 17. Oktober 2016 schon im Fernsehen aller deutsch­sprachigen Länder kam und wir es auch anderswo schon gesehen haben. (Bis zur Stunde erreichte das 2015 uraufgeführte Stück im Theater nach Angaben des Verlags 291'396 Zuschauer.)

 

Die Aufführung beginnt also damit, dass wir angesprochen werden: "Vergessen Sie alles, was Sie über den Fall wissen und was Sie darüber gehört haben. Es zählt nur, was hier, in der Verhandlung, zur Sprache kommt." Dieser Standardsatz, der allen Schwurgerichtssachen vorangeht, schafft nun im Solothurner Stadttheater durch seine zweifache Funktion als juristische und dramaturgische Eröffnungsklausel augen­blicklich Anteilnahme. Das Publikum schaltet hörbar auf "on". Ab jetzt herrscht im Saal gespannte Aufmerksamkeit. Wir legen nicht, wie bei den Klassikern, einen gemächlichen Weg des Hereinkommens zurück. Wir sind gleich bei Spielbeginn drin. Zumal es nicht um die Lappalie eines zerbrochenen Kruges geht, sondern um eine Bombensache: Abschuss einer entführten Lufthansa-Maschine, bevor sie aufs vollbesetzte Münchner Fussballstadion fliegt und 70'000 Menschen in den Tod reisst. Das Ziel des Irrflugs ist bekannt, seit der im Cockpit befindliche IS-Terrorist den Piloten gezwungen hat, ein kurzes Manifest (Rache an den Kreuzzugsnationen) "im Namen Allahs" zu verlesen. Und da ist allen Beteiligten – also den Damen und Herren Richtern im Saal – klar, dass das Stück in unserer Welt spielt. Die fiktive, aber nicht unrealistische Causa soll sich, den Prozessakten zufolge, im Jahr 2016 zugetragen haben. Und jetzt sitzt Lars Koch als Angeklagter vor uns. Während wir aber den Sachverhalt aufnehmen und über Verurteilung oder Freispruch nachdenken, wissen wir: Tua res agitur. (Es geht um deine Sache.)

 

Das Faszinierende an der Form der Gerichtsdramen – vom "Zerbrochenen Krug" übers "Verhör des Lukullus" bis zu "Terror" – ist ihre dialektische Anlage. Das Entweder-Oder, das durch den Prozess entschieden werden soll, ist nämlich, philosophisch gesehen, ein Einerseits-Anderseits. Je nach Sichtweise, je nach Beleuchtung, bekommt die Sache ein anderes Ansehen. Das bemerkte schon Georg Christoph Lichtenberg nach der Lektüre von Kants "Kritik der Urteilskraft": "Wir sehen, ein jeder, nicht bloss einen andern Regenbogen, sondern ein jeder einen andern Gegenstand und jeder einen andern Satz als der andere." Und, noch kürzer, aber für unsere heutige Weltlage treffender, die Zeile: "Den Bärtigen kommt dieses freilich anders vor." (Wobei mit "den Bärtigen" die Orientalen gemeint sind.)

 

Wenn bei einem Stück Spannung und Relevanz schon durch Form und Anlage des Prozesses gegeben sind, hat das Theater nicht mehr viel zu tun. Die Regie muss lediglich darauf achten, dass nichts Falsches gemacht wird und die Figuren glaubwürdig sind, dann läuft die Vorstellung von selbst. Katharina Rupp hat nichts falsch gemacht; und die Figuren sind glaubwürdig. - Bei aller Loyalität, mit der sie das Stück umsetzt, wie's auf dem Blatt steht, wird die Aufführung gleichwohl durch ihre Handschrift an drei Stellen massgebend geprägt.

 

Das Hauptcharakteristikum entzieht sich der Analyse. In jeder ihrer Aufführungen gelingt es der hochbegabten Regiefrau, in zwei, drei distinkten Momenten eine fast unerträgliche Spannung herbeizuführen, ohne dass man angeben könnte, woher sie's nimmt und wie sie's macht. Nach diesem Geheimnis befragt, würde sie wohl die Schultern zucken und ausweichend murmeln: "Redliches Handwerk halt." Aber diese Erklärung ist nicht zureichend. Sonst könnten's die anderen auch. – Um diese Momente zu fassen, griff Percy A. Scholes zum Vergleich mit Beethoven: "Wir fühlen uns gleich in der Gegenwart von Leben." (We feel ourselves at once to be in the presence of life.) Und der Vater der Transaktionsanalyse Eric Berne, der die lebensvolle Unmittelbarkeit als "Intimacy" bezeichnete, stellte fest, ohne die Sache weiter zu definieren: "Wenn sich Intimacy einstellt, kann sie ohne viel zu fragen gleich erkannt werden." (When intimacy does occur it can be recognized immediately without much question.) So ergeht es einem bei den Wahrheitsmomenten der Rupp-Inszenierungen.

 

Zweites Merkmal ihrer Handschrift ist die Subtilität der Gradation. Als Lars Koch zeigt Jan-Philip Walter Heinzel vier verschiedene, klar voneinander abgesetzte Seelenzustände. Jeder ist der Person und ihrer gegenwärtigen Lage angemessen. Durch sie gewinnt der beherrschte Soldat Kontur und menschliche Persönlichkeit. Und da er im Sitzen Arme und Beine nicht bewegen kann, passiert alles in der Stimme und im Ausdruck. Eine beachtliche Leistung. Als Nebenklägerin bringt Margit Maria Bauer die Seelentöne ins Spiel, die das Drama abrunden. Und wieder werden wir durch sie vor die Frage gestellt: Wie macht sie's bloss, und woher hat sie's?

 

So zieht Katharina Rupp – drittes Merkmal ihrer Inszenierungen – ein feines Gewebe von Emotionalität in die Gerichtssache, die sich wetterleuchtend entlädt in den Scharmützeln von Verteidiger (Jörg Seyer) und Staatsanwältin (Atina Tabé). Darüber aber thront Günter Baumann als Vorsitzender des Schöffengerichts. Er zieht keine Nummer ab; er setzt sich nicht Szene. Und doch gibt er, ohne dass man weiss, woher er's hat und wie er's macht, dem Abend sein Gewicht und seine Würde. - Fazit: Das hochsensible Finetuning auf allen Ebenen macht die "Terror"-Aufführung in Biel-Solothurn nicht nur packend, sondern unverwechselbar.

Die Nebenklägerin bringt die Seelentöne ins Spiel. 

Es geht um den Abschuss einer Lufthansa-Maschine.

Ein feines Gewebe von Emotionalität.

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