Der Strauss (vorne links) ist nicht gestrichen. © Philipp Zinniker.

 

 

 

Der Besuch der alten Dame. Friedrich Dürrenmatt.

Tragische Komödie.                  

Ingo Berk, Damian Hitz. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 4. März 2017.

 

 

Das Problem ist: Man glaubt ihnen nicht. Der Pfarrer ist zu jung. Eben noch stand sein Darsteller Tobias Krüger als Tom Sawyer auf der Bühne. Und jetzt soll man dem kurzgeschorenen, hipstermässigen Bartträger den langjährigen treuen Hirten abnehmen, der seine Schäfchen in die Krise begleitete, nachdem die Platz-an-der-Sonne-Hütte bankrott ging. Und dem das Fundament wegbricht, jetzt, wo die Milliardärin Güllen Reichtum und Aufschwung in Aussicht stellt:

 

"ILL (schreit auf): Auch Sie, Pfarrer, auch Sie!

(Der Pfarrer wirft sich gegen Ill und umklammert ihn.)

DER PFARRER: Flieh! Wir sind schwach, Christen und Heiden. Flieh, die Glocke dröhnt in Güllen, die Glocke des Verrats. Flieh, führe uns nicht in Versuchung, indem du bleibst.

(Es fallen zwei Schüsse. Ill sinkt zu Boden, der Pfarrer kauert bei ihm.)

DER PFARRER: Flieh! Flieh!"

 

In dieser Szene hört man des Pfarrers Botschaft wohl. Allein, man glaubt ihm nicht. Er ist zu jung.

 

Zu jung auch David Berger als Bürgermeister. Eben stand er noch als Huckleberry Finn auf der Bühne, und jetzt soll man ihm den Stadtvater abnehmen:

 

"(Der Bürgermeister stülpt sich den Zylinder des Lehrers auf den Kopf, stellt die beiden Enkelkinder vor. Zwillinge, siebenjährig, blonde Zöpfe.)

DER BÜRGERMEISTER: Meine Enkelkinder, gnädige Frau, Hermine und Adolfine. Nur die Gattin fehlt. (Er wischt sich den Schweiss ab. Die beiden Mädchen knicksen und überreichen der Zachanassian rote Rosen.)

CLAIRE ZACHANASSIAN: Ich gratuliere zu den beiden Gören, Bürgermeister. Da! (Sie drückt die Rosen dem Bahnhofvorstand in die Arme.)"

 

Die Enkelkinder sind in Bern zwar gestrichen (der Blumen­strauss nicht), aber es hilft nichts: Man hört immer noch bloss den Schauspieler reden und sieht nicht den Grossvater in ihm und auch nicht den Politiker.

 

So auch Kornelia Lüdorf als Mathilde Ill, geborene Blumhard. Sie soll mit Kläri Wäscher eines Alters sein. Aber wenn man die beiden nebeneinander sieht, denkt man: "Donnerwetter! Die Krämerin hat sich neben dem Muttchen, das Claire Zachanassian abgibt, verdammt gut gehalten!" Zwischen den beiden Frauen liegt mindestens eine Generation. Die eine könnte erwachsene Grosskinder haben, die andere nicht.

 

Unglaubwürdig ebenfalls die Besetzung des Lehrers. Vor einem Jahr noch spielte Arne Lenk einen frisch verheirateten, smarten Jung-Manager (in "Nora"), und nun soll man ihm glauben, wenn er sagt: "Seit mehr als zwei Jahrzehnten korrigiere ich die Latein- und Griechischübungen der Güllener Schüler" und: "Güllener. Ich bin Euer alter Lehrer." Diese Sätze sind zwar gestrichen. Aber deswegen nimmt man Arne Lenk den Rektor des Güllener Gymnasiums gleichwohl nicht ab, wenn er, vom Steinhäger beduselt, aller Welt das Komplott aufdecken will: "Ich erzähle den Herren von der Presse die Wahrheit. Wie ein Erzengel erzähle ich, mit tönender Stimme. (Er schwankt.) Denn ich bin ein Humanist, ein Freund der alten Griechen, ein Bewunderer Platos."

 

Es hilft nichts: Das wundervolle Berner Schauspielensemble ist zu jung für die "alte Dame". Darum wirken, zumindest an der Premiere, seine Haltung, seine Bewegungen, seine Sprache künstlich, angelernt. Und damit, bei aller Zurückhaltung des Spiels, halt doch auch wieder theatralisch. Und damit kommen die Berner Schauspieler gerade so daher, wie es der Alte (also Friedrich Dürrenmatt) nicht mochte. Als er 1973 im "Weissen Kreuz" von Kalchofen neben dem Bahnhof von Hasle-Rüegsau die berndeutsche Premiere seiner tragischen Komödie besuchte, war sein Kompliment an die Spieler der Emmentaler Liebhaberbühne: "Ich sehe ja sehr viele meiner Stücke auf der Bühne – und meistens sehe ich sie schlecht dargestellt. Ich glaube, ich bin einer der Dramatiker, die man zwar sehr viel spielt, aber meistens schlecht. – Man muss eben nicht schauspielern, wenn man Schauspiel macht. (Mi mues nid schouspielere, we me schouspielt.) – Und das war das Schöne an diesem Abend: Es wurde richtig wahr gespielt, und darum war alles glaubhaft."

 

Diese Glaubhaftigkeit nun wurde in Bern nicht erreicht. Auch nicht von den Gästen, die für die beiden Hauptrollen engagiert wurden: Peter Jecklin als Ill, Nikola Weisse als Claire Zachanassian. Zwar sind sie von überragendem Kaliber. Das merkt das Publikum augenblicklich. Nach den ersten Worten Ills, das heisst Jecklins ("Wir waren die besten Freunde"), erlischt jede Unruhe im Saal. Man hängt an seinen Lippen; (noch) nicht, weil er den Ill gibt; sondern weil er eine Stimme hat, eine Diktion und eine schauspielerische Persönlichkeit. Und so geht es bis zum Schluss: Immer, wenn er spricht, hören die Zuschauer auf, sich zu rühren. Jecklin spielt also gut, ja hervorragend. Aber ein Ill ist er nicht. Viel eher würde man ihm einen Claudius zutrauen (Hamlets Stiefvater). Und den Baumeister Solness erst recht. Das wäre die Rolle seines Lebens, Herr Inan!

 

Langsam wird klar: Das ganze Unglück geht auf die Besetzung zurück. Mit genauer Aufmerksamkeit verfolgt das Publikum Nikola Weisses Szenen. Aber sie ist keine Zachanassian. Nichts in ihrem zurückhaltenden, wohltemperierten, beiläufigen Spiel, für das ihr die Leiterin Maske und Kostüm, Franziska Ambühl bloss eine Krone ins Haar zu stecken brauchte, um sie als amtierende britische Königin durchgehen lassen zu können – nichts an Nikola Weisses Spiel erinnert an das rothaarige Wildkätzchen, das Kartoffeln stahl, um bei der Witwe Boll "mit Ill einmal in einem Bett zu liegen, wo es bequemer war als im Konrads­weilerwald oder in der Peterschen Scheune". Auch das elende Leben im Bordell, die Promi-Ehe mit dem alten Zachanassian und der Aufstieg in die Finanzoligarchie haben keine Spuren an ihr hinterlassen. Jetzt ist sie bloss noch eine bescheidene alte Frau, die sich langweilt und der ewigen Ruhe in Capri entgegensehnt.

 

Aber täuschen wir uns nicht: Letzten Endes geht die Fadesse der Berner Aufführung auf eine Besetzungsfrage höherer Ordnung zurück, nämlich die, dass der falsche Regisseur mit dem falschen Stück zusammengebracht wurde. Ingo Berk hat in den beiden letzten Spielzeiten lauter glänzende Inszenierungen vorgelegt. Seine Arbeiten zeichneten sich dadurch aus, dass er die Schauspieler in den Raum stellte und sie durch mikroskopische Feinregulierung ihre Figuren heraufbeschwören liess. Wie das jeweils aussah, zeigt in der "alten Dame" Jürg Wisbach in der kleinen Boby-Charge. Tausend Details setzen die unbedeutende Figur zusammen. Wie bei einem treu ergebenen Hund, der ganz auf seine Herrin ausgerichtet ist, reagieren seine Pfoten, will sagen: Hände auf jede Bewegung der alten Dame und suchen zu antizipieren, ob sie gleich nach einem Taschentuch verlangen wird oder nach einer Zigarre; und dabei weiss Boby nicht (Dürrenmattsche Tragikomik), dass er nächstens abgeschafft wird. Wisbach aber ist sogar aufregend, wenn er mit Knickebeinen den leeren Rollstuhl wegschiebt. Ein Kabinettstück. Wenigstens das.

 

Für den Rest aber wird Ingo Berk vom Stück im Stich gelassen. Sein fein zurückhaltender Regiestil kommt nur zum Tragen, wenn ein Stück Tiefe hat. Dann steigt aus jeder Pause das Ungesagte auf. So werden die Berk-Aufführungen gerade durch ihre Kargheit packend. Bei der "alten Dame" kommt das letzte Gespräch von Claire und Ill der Inszenierung entgegen. Die beiden sitzen einfach nebeneinander und reden über dies und das. In wenigen Worten auch über ihr verpfuschtes Leben, den Tod, den Verrat. Und da vibriert das Vergangene und das Kommende mit. Aber nur da. Denn sonst hat Dürrenmatt keine Tiefe. Er macht Plakatkunst. Deshalb erfasst man bei ihm stets auf den ersten Blick, worum es geht. Anderseits aber wird bei ihm auch alles Weggelassene zum Minus. Und Berk lässt vieles weg. So viel, dass jetzt das Ganze auseinanderfällt in einzelne lyrische Szenen. Ein Sog entsteht dabei nicht. Auch kein Spannungsbogen. Denn vernachlässigt wurde das erste Gebot, das Dürrenmatt für die Aufführung der "alten Dame" den Regisseuren ins Stammbuch schrieb: "Man spiele den Vordergrund richtig, den ich gebe, der Hintergrund wird sich von selber einstellen."

 

Auch das Bühnenbild geht am erforderten Vordergrund vorbei. Statt die Handlung in einer bestimmten kleinstädtischen Schweiz anzusiedeln, stellt sie Damian Hitz in den eingestürzten Zuschauerraum des Berner Stadttheaters. Die Botschaft ist klar: Wir sind die Güllener. Auf uns bezieht sich die Drohung, die der Lehrer gegen den Schluss des Stücks hin ausspricht: "Mein Glaube an die Humanität ist machtlos. Und weil ich dies weiss, bin ich ein Säufer geworden. Ich fürchte mich, Ill, so wie Sie sich gefürchtet haben. Noch weiss ich, dass auch einmal zu uns eine alten Dame kommen wird, eines Tages, und dass dann mit uns geschehen wird, was nun mit Ihnen geschieht ..."

 

Aller Bedeutsamkeit zum Trotz hat das bühnenbildnerische Menetekel indes den Nachteil, dass es sich während der ganzen Aufführungsdauer nicht verändern kann. Damit kommen weder unterschiedliche Stimmungen noch unterschiedliche Orte zustande. Und dabei ging Dürrenmatt beim Schreiben stets vom Ort aus: Der Saal "zum Goldenen Apostel". Das Büro des Bürgermeisters. Ills Laden. Der Konradsweilerwald. Die Petersche Scheune. Die Sakristei... All das kommt nicht mehr auf die Bühne. Und das heisst: Es hilft nicht mehr tragen. So aber verwandelt sich die "alte Dame" in Bern vom ehrfurchtgebietenden, knorrigen Baum ("eine tragische Komödie") zum unscheinbaren, saftarmen Kriechgewächs.

Glaubhaftigkeit wurde in Bern nicht erreicht.

Der Bürgermeister (Mitte) ist zu jung.

 
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