Sinfonietta. Leoš Janáček.

Konzertabend mit Werken von Johann Christian Bach, Sergej Rachmaninoff, György Ligeti und Leoš Janáček.                  

Daniel Paul Meyer, Josef Moog. Staatsorchester Darmstadt.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. Februar 2017.

 

 

Am 16. Oktober 1720 kam Johann Georg Sulzer in Winterthur zur Welt. Ein halbes Jahrhundert später wurde er auf Betreiben des preussischen Königs Friedrich II. Professor der Philosophie an der neugegründeten Ritterakademie, und dazu erhielt er ein Grundstück in der Nähe Berlins geschenkt. Das Werk, mit dem er sich in die Geistesgeschichte einschrieb, ist die "Allgemeine Theorie der schönen Künste", ein imponierendes vierbändiges Lexikon, in dem alle ästhetischen Begriffe der Epoche aufgeführt, erklärt und diskutiert werden. Der Verfasser ("ein guter Kopf", Walther Killy) zitiert die Autoritäten, zieht aber auch eigene Schlüsse: "Wenn man einen Menschen in der grössten Vollkommenheit in Wachs abbilden und ihn mit den natürlichsten Farben bemalen würde, so wäre doch schwerlich zu erwarten, dass man in der Nähe durch das Bild hinlänglich würde getäuscht werden, um es für eine lebendige Person zu halten. Es scheinet, dass der Ausdruck des Lebens von mancherlei kaum nennbaren Umständen abhange."

 

Mit diesem Problem lässt sich auch der Charakter wiedergeben, der das 4. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Darmstadt prägte: Wächserne Unlebendigkeit. In starkem Mass ist sie der Akustik geschuldet. Das zeigt sich schon beim ersten Stück, Johann Christian Bachs Sinfonia g-Moll, op. 6, Nr. 6, die für ihre Zeitgenossen wohl ebenso überraschend aufhörte wie das dritte Stück des Abends, György Ligetis "Atmosphères" 250 Jahre später: Plötzlich verstummt das Orchester, und die Musik pulsiert in der Stille weiter.

 

Bei Bach bereits verschwimmen die Mittelstimmen in der problematischen Akustik, die das Konzertvergnügen im grossen Haus des Staatstheaters Darmstadt schmälert. Das Problem liegt in der fehlenden Trennschärfe zwischen den Registern. Anderseits fallen die ersten Geigen heraus. Sie sind dem Ohr viel zu nah und klingen säuerlich. Vielleicht liegt es ebenfalls an der Akustik, dass die Musiker nicht beisammen sind: Sie hören sich nicht. Die Konzertfläche ist zu tief, sie sehen die Zeichen des Dirigenten nicht, der Klang wird verschluckt. Bereits beim Stück von 1766 tritt allerdings auch zutage, dass es das Orchester nicht versteht, Begleitung lebendig zu machen. Sie sollte ja nicht ein Metronom abgeben, sondern einen Puls.

 

Bei Janáčeks Sinfonietta, dem Schlussstück des Abends, kommt das Orchester an seine Grenzen. Natürlich erreichen die wuchtigen Bläserakkorde das Ohr jedes Zuhörers. Aber die schwierigen Begleitfiguren sind zum Teil verwaschen (Flöte), zum Teil grob (Harfe). So kommen keine Farben zustande, keine Klimazonen, keine Stimmungsräume. Das zeigt sich zum Nachteil des Werks bereits bei Sergej Rachmaninoffs Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester. Mehr als ordentlich ist die Interpretation nicht. Und Josef Moogs Steinway klingt anständig, aber nicht aufsehenerregend. Vielleicht liegt es wirklich an der Akustik, dass den ganzen Abend lang der "Ausdruck des Lebens" verfehlt wurde.

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