Die Tische sind Restauranttische. © Björn Hickmann.

 

 

 

Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don't look now). Holger Schröder und Christoph Diem nach Daphne du Maurier.

Schauspiel.                  

Christoph Diem, Pär Hagström, Florian Barth. Saarländisches Staatstheater.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. Februar 2017.

 

Wieder einmal ein Bühnenbild, das kein Bild ist, sondern eine Installation. Das ist jetzt allenthalben Mode. Die Spielorte verteilen sich über den ganzen Raum und werden durch die Scheinwerfer hervorgehoben, sobald sich ihnen die Handlung nähert. Durch den Kontext werden sie dann genauer bestimmt: Die beiden Tische sind Restauranttische. Die beiden weiblichen Figuren im Hintergrund sind Schwestern. Eine davon ist blind. Die Galerie, die die Bühne umfasst, wird zum Baugerüst, und, sehr kühn, die Musikerin, die im Quartett zuständig ist für Keyboards und Vocals, wird zur Kommissarin. So vermischen sich die Grenzen zwischen Begleitmusik und Handlung, aussen und innen, Wirklichkeit und Spiel. Plötzlich ruft die Blinde zwischen Vibraphon und Glockenspiel: "Ich finde mich nicht mehr zurecht. Holt mich hier raus!" Und der Leadsänger und Komponist Pär Hagström sitzt auf der andern Bühnenseite auf einem Stuhl und steigt als Vater Alberto in die Handlung ein.

 

Zum Spiel auf Bühnen, die als Installation eingerichtet sind, gehört selbstverständlich der Einsatz von Microports. Hier, in der Saarbrücker Alten Feuerwache, sind sie zur Seltenheit einmal sinnvoll. Die Musik fängt im Pianissimo an und steigert sich zu bedrohlichem Wummern. Die Mikrofone tragen die Stimmen der Schauspieler aber ins Publikum, und im grössten Durcheinander bleibt der Ausdruck ihrer Verzweiflung hörbar und verständlich. In den ruhigen, gesprochenen Teilen wird den Stimmen dank Microports zuweilen Hall beigemischt, und schon sind wir, ohne dass es mehr braucht, im Innenraum einer venezianischen Kirche.

 

Damit wird fassbar, wie überlegt, um nicht zu sagen: überlegen Christoph Diem den Baukasten des Regietheaters verwendet. Was sonst modische Konzession ist, bloss additives Auch-noch-Machen, steht hier ganz unmodisch im Dienst an der Narration. Und dadurch bekommt es Evidenz. Sogar das Video, simultan auf mehrere Leinwände geworfen, kann man sich in dieser gescheiten Aufführung nicht wegdenken, weil die Spiegelung der Handlung und der Einbezug ferner Bildwelten hier gerechtfertigt wird durch dramaturgische Notwendigkeit. Was sonst leere Zusammen­hangslosigkeit ist, ist hier sinnvolle Zusammenhangs­losigkeit. Denn die Geschichte von Daphne du Maurier führt in die albtraumartige Auflösung der Grenzen zwischen Tod und Leben, Diesseits und Jenseits, und schliesslich zur Negation des Zeitflusses von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

 

Fassen wir zusammen: Regisseur Christoph Diem und Bühnenbildner Florian Barth setzen die hergebrachten Elemente des Regietheaters ein, um ihnen - durch klaren Bezug auf einen erzählerischen Kerngedanken - eine bisher unentdeckte Sinnhaftigkeit zu verleihen. Die Uraufführung der Romanadaptation von Daphne du Mauriers "Don't look now" am Saarländischen Staatstheater schafft damit aus altem, längst abgewertetem Spielmaterial eine engagierte, menschlich berührende und künstlerisch voll befriedigende Aufführung. Und darin zeigt sich ein Weg aus dem Grabenkampf der aktuellen Theaterdiskussion. Er führt über den Kopf, gepaart mit Tiefe und Sensibilität.

Albtraumartige Auflösung der Grenzen.

Sinnvoller Einsatz von Beamern.

Der Leadsänger spielt zuweilen mit.