Statt Gewitter- und Naturszenen Feuerschlucker und Jongleure. © Thomas M. Jauk.

 

 

 

Katja Kabanova. Leoš Janáček.

Oper.                  

Nicholas Milton, Ben Baur. Saarländisches Staatstheater.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. Februar 2017.

 

 

Eine der besten Definitionen von Kitsch hat der deutsche Kabarettist Franz Josef Bogner 1969 geliefert: "Kitsch ist", sagte er, "wenn man zweimal dasselbe tut; zum Beispiel auf der Bühne 'Ja' sagt und dazu nickt". Um dieser Gefahr nicht zu erliegen, hat sich Ben Baur entschlossen, seine Bühne und Inszenierung möglichst weit von Leoš Janáčeks "Katja Kabanova" wegzurücken. So zeigt die Aufführung mit standhafter Hart­näckigkeit nicht, wovon Sänger und Orchester sprechen. Also keine fest verwurzelte, enge (auch engstirnige) Dorfgemeinschaft am Wolga-Ufer, sondern eine heimatlos wandernde Artistentruppe. Nicht Gewitter- und Naturszenen, sondern Feuerschlucker und Jongleure. Statt des Bauernsohns ein Pierrot. Statt der Bauerntochter eine Kunstreiterin mit schwarzen Netzstrümpfen.

 

Immerhin spielen die Frauen noch Frauen und die Männer Männer. Aber das ist die einzige Konzession ans Hergebrachte, wenn wir davon absehen, dass sich das Liebespaar immer noch verkriecht, um "es" zu machen. Wenn auch nicht im Heuschober, so doch hinter der Plane des Zirkuswagens.

 

Die herrschsüchtige Mutter ist dargestellt als Prinzipalin, und sie weist ihre Truppe mit der Peitsche zurecht. Wenn das nicht Verdoppelung ist, so doch verdeutlichende Vergröberung. Und wenn sie ihren erwachsenen, verheirateten Sohn zur Ordnung ruft, nimmt sie seinen Kopf aufs Knie und gibt ihm die Brust. Wenn das nicht Kitsch ist, so doch stumpfe Geschmacklosigkeit.

 

Es nützt nichts, die Augen zu schliessen und sich der Musik hinzugeben. Unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Nicholas Milton spielt das Orchester viel zu undifferenziert. Und die Sänger singen deutsch (in der Übersetzung von Max Brod). Glücklicherweise wird der Text durch Übertitelung aufs Portal projiziert. Denn die Oper wird durch die Verwendung der deutschen Sprache, die die ausländischen Ensemblemitglieder nur annäherungsweise beherrschen, nicht verständlicher, sondern nur billiger. Die Gagenordnung nämlich schreibt vor, dass die Sänger für fremdsprachige Werke Zulage bekommen.

 

So bestätigt denn das Saarländische Staatstheater mit seiner "Katja Kabanova" am Ende das spätmittelalterliche Sprichwort: "Je schwerer die Kunst, je mehr Pfuscher."

Wanderzirkus statt Dorf an der Wolga.

Die Mutter ist dargestellt als Prinzipalin.

 
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