Die schöne Sängerin ist des Lebens und der Liebhaber überdrüssig. © Maurice Korbel.

 

 

 

Die Sache Makroupoulos. Leoš Janáček.

Oper.                  

Gerhard Markson, Vera Nemiorva, Jens Kilian. Theater Freiburg.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. Februar 2017.

 

 

Die Oper wird sich auf den Spielplänen halten, weil die Musik von Leoš Janáček ist; aber sie wird nie populär werden, weil das Libretto von Leoš Janáček ist. So überragend der Musiker ist, mit seiner souveränen Beherrschung des Orchesterapparats, der berühmten "kleinteiligen Motivik" (ein Begriff, der es bis in Wikipedia geschafft hat) und seinem herben, auf die Moderne zustrebenden Stil, so stümperhaft ist der Librettist. Er greift auf die Komödie seines Landsmanns Karel Čapek zurück und schreibt sie (das wenigstens ist seine Intention) zum Kriminalstück um.

 

Ein Reisser soll's werden. Aber die Handlung trägt nicht. Und warum? Weil erst am Ende des dritten Akts aufgedeckt wird, um was es geht. Vorher soll sich der Zuschauer, so Janáčeks Meinung, fesseln lassen von der Frage nach dem Standort von Papieren: Akten, Verschreibungen, Testamente und ein bestimmtes, in griechischer Sprache verfasstes Dokument. Erst am Schluss offenbart die Hauptfigur, eine umjubelte Operndiva, dass das Makroupoulos-Papier nicht eine Nebensache ist, sondern die Hauptsache. Es enthält nämlich ein Rezept, mit dem sich die Alterung dreihundert Jahre lang aufhalten lässt.

 

Wozu aber die schöne Sängerin, die jetzt schon des Lebens und der Liebhaber überdrüssig ist, weiterleben möchte, bleibt unausgesprochen. Dabei beziehen die grossen Theaterfiguren gerade aus der Klarheit ihres Wollens Kraft und Wirkung. Faust zu Mephisto: "Hör, du musst mir die Dirne schaffen!" Romeo: "Wer ist die Jungfrau?" Schopenhauer hatte recht: Die Welt des Scheins (und damit erst recht die Welt des Theaters) ist ein Erzeugnis von Willen und Vorstellung. Wo der Wille verborgen bleibt, wird die Sache unklar.

 

Unter diesen Umständen muss sich das Theater an das halten, was es am besten kann: Stimmung schaffen. "Ein gutes Bühnenbild ist mehr als die halbe Miete." Das weiss man in der Branche seit dem Barock. Und so stellt denn auch Jens Kilian in Freiburg Räume zur Verfügung, die schon beim Aufgehen des Vorhangs Verzückung auslösen und einen ganzen Akt hindurch tragen. Das Geheimnis liegt darin, den Zuschauer durch sprechende Details so in Stimmung zu bringen, dass er das Bild mit seiner Vorstellungskraft vervollständigt. Dazu dient der schwere Ringordner mit den vergilbten abgelegten Akten, dazu dienen die schwarzen Ärmelschoner der Bürolisten, dazu dient der weisse Pelzmantel der Diva, dazu dient die Musterung der braunen Tapeten und die gebrochene Form der Kugellampen. So ruft Bühnenbildner Jens Kilian durch exakt gesetzte Zeichen eine Zeit, einen Ort, eine Atomsphäre herauf, die durch die Schwächen und Längen der Oper tragen.

 

Und dann natürlich das Orchester. Bei einer so anämischen Handlung muss es die Kraft spenden, das Interesse wecken, das Publikum durch den Abend führen. Unter Leitung von Gerhard Markson gelingt das dem Philharmonischen Orchester Freiburg ganz ausgezeichnet, dank packendem Sound der Register und exakt herausgearbeiteten solistischen Figuren.

 

In diese Bild- und Tonlandschaft stellt Regisseurin Vera Nemirova die Sänger; ganz gross ist keine Stimme, einzelne Nebenfiguren fallen sogar leicht ab. Gleichwohl wirken die Figuren im realistischen Reisser, den Janáček anstrebt, glaubhaft, dank einem Gestenrepertoire, das nicht der Oper, sondern dem Film entstammt. Man braucht nicht von Bümpliz aus nach Freiburg zu fahren. Aber wer in Baden lebt, sollte sich die Sache anschauen.

Ein gutes Bühnenbild ist mehr als die halbe Miete.

 
 
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