Es gibt allemal einen Narren mehr, als jeder glaubt. © Ilja Mess.

 

 

 

Der Chinese. Benjamin Lauterbach.

Schauspiel.                  

Max Merker, Sara Giancane. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 13. Januar 2017.

 

 

Wieder einmal führt die Bühne am Jurasüdfuss vor, wie einfach es ist, gutes Theater zu machen: Man muss lediglich dafür sorgen, dass der richtige Regisseur das richtige Stück mit den richtigen Schauspielern besetzt. Wenn er es dann auch noch richtig inszeniert, tritt das Theaterwunder, das auch ein Theaterentzücken ist, mit Garantie wieder ein. Theater Orchester Biel Solothurn macht's vor. Einmal mehr.

 

Der richtige Regisseur heisst diesmal Max Merker. Er kennt die Bühnenverhältnisse am Jurasüdfuss seit langem. Zuerst war er hier Schauspieler, dann, mit Überschreitung der dreissig, hat er auch das eine oder andere Mal Regie geführt. Seine "Vögel" des Aristophanes fanden überregionale Beachtung.

 

Wie immer, wenn Schauspieler (oder ehemalige Schauspieler) Regie führen, haben die Aufführungen eine besondere Fluidität. Das zeigt sich an der Eleganz der Übergänge. Die dramaturgischen Abläufe rucken nicht wie bei den gewaltsamen Montagen der akademisch geschulten Regisseure, sondern sie fliessen. Und so, wie man unvermerkt vom Wachzustand in den Schlaf gleitet, gleiten die Aufführungen, die Schauspieler (oder ehemalige Schauspieler) verantworten, mühelos und glatt von einer Situation in die nächste und von einer Stimmung in die andere. Die Theaterleute, die das zustandebringen, haben nicht nur einen Kopf, sondern auch einen Instinkt, ergänzt durch Erfahrung und Respekt vor den Kollegen. Das alles zusammen macht's aus.

 

Der Leiter der Comédie-Française, Eric Ruf, selbst regieführender Schauspieler, wirft seine Konzepte um, wenn er bei den Proben merkt, dass die Schauspieler vor gewissen Stellen zurückscheuen wie Pferde vor einem unbekannten Tor. "Sie können zwar nicht erklären, warum es nicht geht", sagt Ruf, "aber ihr Gespür ist untrüglich. Wenn man es missachtet, wird die Stelle nie funktionieren. - Als junger Schauspieler habe ich immer gemacht, was man von mir verlangte, auch wenn ich spürte: Es stimmt nicht! An der betreffenden Stelle fühlte ich mich dann in jeder Vorstellung schlecht, und das schadete nicht nur meinem Spiel, sondern auch der Aufführung."

 

Merker, das spürt man, ist aus dem gleichen Holz geschnitzt: Nicht der Regisseur soll gross herauskommen, sondern die Kollegen. Und durch die Kollegen das Stück. Und durch das Stück am Ende auch er. Aber erst zuletzt. Nicht zuerst. Dieser Zirkel ist wissenschaftlich noch nicht beschrieben. Aber in der Praxis ist er seit mehr als hundert Jahren bekannt. Es handelt sich um den Qualitätszirkel des guten Theaters. Max Merker verwirklicht ihn. Darum ist er der richtige Regisseur.

 

Das richtige Stück, das er nun zur Aufführung bringt, ist "Der Chinese" von Benjamin Lauterbach. Merker hat ihn zusammen mit der Dramaturgin Margrit Sengebusch auf die schweizerischen Verhältnisse übertragen; und man merkt der Adaptation nicht an, dass das Original die Fundamentalisten im grossen Kanton aufs Korn nimmt. Vielleicht sind wir uns ähnlicher, als wir dachten. "Es gibt allemal einen Narren mehr, als jeder glaubt", bemerkte Lichtenberg, und schloss in diesen Satz, meine ich, das Publikum am Jurasüdfuss mit ein.

 

In seiner 2012 in Darmstadt uraufgeführten Groteske lässt Benjamin Lauterbach in ironischer Abwandlung von Huntingtons "Clash of Civilizations" einen Vertreter der chinesischen Welt von Schwerindustrie, Plastik, Elektronik, Massengesellschaft und Staatskommunismus zusammenprallen mit der Überheblichkeit von Birkenstockträgern, Gutmenschen und Bio-Sushi-Essern. Erstaunlich, wie gut das in der Laborsituation funktioniert, die sich Lauterbach ausgedacht hat: Der Chinese besucht als Staatsgast eine Durchschnittsfamilie, in der wir uns und unsere Vorurteile wiedererkennen, vor allem seit den Masseneinwanderungs- und Ecopop-Initiativen. Die Hiebe des Stückeschreibers sind indes so wohl dosiert, dass sie uns nicht betäuben, sondern wecken. Das macht den "Chinesen" bemerkenswert. Er ist für uns heute das richtige Stück.

 

Die richtigen Schauspieler schliesslich sind die, die zur Rolle passen. Das ist eine Frage der Besetzung. Und da ereignet sich der Glücksfall, dass das Schauspielensemble von Biel-Solothurn jene fünf Leute hat, denen man ihre Figur auf Anhieb glaubt: Jan-Philip Walter Heinzel als Vater, Atina Tabé als Mutter, Andreas Ricci als Sohn, Fernanda Rüesch als Tochter und Mario Gremlich als Chinese. - Es stimmt die Physiognomie, es stimmt der Ausdruck, es stimmt das Kostüm (Sara Giancane; auch Bühne), so dass man sich die Charaktere nicht anders vorstellen kann als so, wie sie gerade sind. Das bedeutet: Die fünf lassen keinen Wunsch offen.

 

Damit sich dieses Wunder ereignet (Wunder, weil selten; aber wenn es auftritt, stets beglückend), müssen sich die Schauspieler wohl fühlen. Dann können sie sich selbst entfalten. Dann wachsen sie über sich hinaus. Im "Chinesen" sind Jan-Philip Walter Heinzel als Vater, Atina Tabé als Mutter, Andreas Ricci als Sohn, Fernanda Rüesch als Tochter und Mario Gremlich als Chinese locker, glaubwürdig und stimmig wie in dieser Spielzeit noch nie.

 

Wie einfach ist es doch, gutes Theater zu machen. Man braucht bloss nach Biel-Solothurn zu gehen. Dort kann man's sehen. Quod erat demonstrandum.

Schwerindustrie, Plastik, Elektronik, Massengesellschaft und Staatskommunismus ... 

... prallen auf Birkenstockträger, Gutmenschen und Bio-Sushi-Esser.

 
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