Im Text fällt an dieser Stelle das Wort "Nebel". © Annette Boutellier.

 

 

 

Anna Politowskaja. Eine nicht umerziehbare Frau. Stefano Massini.

Schauspiel.                  

Jennifer Wigham. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. Januar 2017.

 

 

Bei "Anna Politowskaja" handelt es sich um Dokumentartheater. Also um eine Art von Theater, die die Bühne zur Informationsvermittlung einsetzt. Das Betätigungsfeld der Mimen tritt damit in Konkurrenz zu den journalistischen Medien, die für diese Sorte Informationsvermittlung längst eigene Formate entwickelt haben. Unter dem Begriff "Feature" werden sie zusammenfasst.

 

In den 60er und frühen 70er Jahren, als das journalistische Gefäss des Features bei uns aufkam, versuchten die Bühnen, sich an dieser Entwicklung zu beteiligen, und schufen dafür die Form des Dokumentartheaters. Es zeigte sich aber bald, dass die tages- und wochenaktuellen Medien auf dem Feld des Informierens und Dokumentierens nicht zu schlagen waren, und so verschwand das Dokumentartheater nach kurzer Zeit wieder von den Spielplänen, ohne dass ihm jemand nachtrauerte. Mit seinem Einsatz für die gute Sache und mit seinem Bemühen, im Zuschauer "ein neues Bewusstsein" zu wecken, weckte es nämlich in erster Linie fatale Erinnerungen an den Konfirmations­unterricht.

 

So auch diesmal. Als Katechetin war Kornelia Lüdorf vom Schauspiel Bern abkommandiert, und sie suchte nun mit redlichem Einsatz, die Gemeinde der Zuschauer zu informieren mit Hilfe von Prokifolien, Landkarten, Bildern und Symbolgrafiken. Dann schlüpfte sie in die Rolle der Anna Politowskaja und sagte in jedem Satz "ich". Am Ende zog sie sich um und löste das Haar auf. (Es war wohl als Steigerung gedacht.) Einmal durfte sie für eine kurze Sequenz auch Schauspielerin sein, und da, ja, da war sie gut. Sie spielte das Interview mit einem 19jährigen russischen Soldaten nach. Dafür stellte sie die Fragen mit hoher Stimme, und für die Antworten wechselte sie in die tiefe Lage. Sie erfüllte damit alles, was Schauspieler können müssen: Eine Situation herstellen; mit dieser Situation eine Atmosphäre herbeirufen; durch diese Atmosphäre den Umriss eines Menschen hervortreten lassen; und in diesem Umriss einen Charakter, eine Befindlichkeit, einen Willen zur Anschauung bringen und erfahrbar machen.

 

Im konkreten Fall sassen sich in Kornelia Lüdorfs Darstellung sogar zwei Menschen gegenüber: Die Journalistin, angetrieben vom Wunsch, das fremde Innere auszuleuchten und zu verstehen, und der dumpfe Jugendliche, der lieber fünf Menschen pro Tag erschiesst als arbeitslos auf der Strasse zu leben. – In dieser Sequenz war das Dokumentartheater näher beim Theater als bei der Dokumentation.

 

Der Rest der Aufführung aber war geprägt von der Frage: "Was machen wir, damit sich die Kids nicht langweilen?" Und die Antwort war: "Es muss immer etwas laufen!" Aber was? He, man kann doch Kornelia Lüdorf in ein Ständermikrofon reden lassen und das Gesagte dann sampeln. Man kann ihr eine Geige in die Hand geben und sie mit dem Bogen über eine Saite fahren lassen. Gedacht ist, dass dann ein Flageolett-Ton erklingt. Wozu der aber gedacht ist, bleibt schleierhaft. Immerhin kommt dadurch Abwechslung in die Monotonie des sechzigminütigen Ein-Frauen-Stücks (Requisite: Thomas Aufschläger). Des weiteren kann sich Kornelia Lüdorf am Plastikkanister die Hände waschen und sie mit einem frischen weissen Tuch abtrocknen, und sie kann eine gläserne Wasserschale auf den Prokischreiber stellen, in die sie dann aus einer Pipette braune Tinte träufelt. Im Text fällt an dieser Stelle das Wort "Nebel". So ist die Inszenierung von Jennifer Wigham charakterisiert durch Addition und Beliebigkeit der szenischen Mittel.

 

Doch am Ende bleibt die Aufführung immer noch hinter dem zurück, was Wikipedia unter dem Stichwort "Anna Politowskaja" aufführt. Das heisst, das Dokumentartheater über "Eine nicht umerziehbare Frau" sagt bei allem Bemühn nicht mehr und nichts Wesentlicheres als die spezialisierten Medien, mit denen die Bühne in Konkurrenz zu treten wagt. Und sie zieht, wie schon in den 60er und frühen 70er Jahren, den Kürzeren. Damit bestätigt sich, wie recht die die französische Kritik hat, wenn sie sagt: "Grosse Absichten machen keine grosse Literatur." Man hätte es wissen müssen.

 
 
 
 
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