Keine Ruh' bei Tag und Nacht ... © Ben Zurbriggen.

 

 

 

La notte di un nevrastenico./Gianni Schicchi. Nino Rota./Giacomo Puccini.

Operneinakter. 

Marco Zambelli, Andreas Zimmermann, Marco Brehme, Mario Bösemann/Tino Langmann. Theater Orchester Biel Solothurn.              

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 17. Dezember 2016.

 

 

Als "lever de rideau" gibt es einen komischen Einakter von Nino Rota, "Die Nacht eines Nervenschwachen" (La notte di un nevrastenico). Eigentlich eine Petitesse. Im Zentrum der Farce steht ein lärmempfindlicher Hotelgast. Weil ihn von überallher Störungen bedrängen, findet er erst gegen Morgen den Schlaf. Aber da wird er auch schon geweckt: "Es ist sechs Uhr. Hier ist der bestellte Kaffee!"

 

Obwohl es so einfach ist, trägt das Sujet bis zum Ende der dreissigminütigen Aufführungsdauer. Zunächst einmal wegen seinem identifikatorischen Potential. Jeder hat schon unterm Wälzen den Stundenschlag einer Uhr gezählt. Jeder wurde schon beim Einschlafen gestört und sah sich dann um die besten Stunden der Nacht gebracht, weil ihn die Gedanken an einen anstrengenden Tag wachhielten. So waren wir alle schon mal eine Nacht lang Neurastheniker.

 

Zu dieser identifikatorischen Anlage des Einakters trägt bei, dass sich auch in jeder Familie ein Mensch mit Nervenschwäche findet. Er/sie tyrannisiert dann alle mit seiner/ihrer Reizbarkeit und zwingt sie zu übertriebener Rücksichtnahme, bis alle im Haus nur noch wispern und in den Socken herumlaufen.

 

Über diesen Boden spannt Librettist Riccardo Bacchelli das schmale Gerüst einer Handlung, oder sagen wir besser: einer Abfolge von Ereignissen. Sie bestehen im wesentlichen aus Begebenheiten, die in jedem Hotelalltag auftreten: Ein spät ankommender Gast, der ins Nebenzimmer einzieht; ein aufjaulendes Liebespaar auf der andern Seite der Wand. Damit kann das Spiel an drei Orten gleichzeitig ablaufen, und wenn wir noch den Korridor dazunehmen, gleich an vier.

 

An diesen vier Spielorten treten die verschiedenen Typen auf, denen man um 1950 in einem Hotel begegnen konnte: der Liftboy, der Kellner, der Portier ... der seriöse Handlungsreisende ... das liebesbrünstige Paar. - Regisseur Andreas Zimmermann zeichnet sie liebevoll und mit Sinn für die charakteristische, ja zuweilen auch verräterische Geste (der Kuss des Fetischisten auf den Damenschuh ...). So nutzt die Inszenierung die Möglichkeiten des Werks zu humorvollem Blinzeln, und der Fluss der Aufführung wird unterstützt durch eine klug dosierte, dynamische Lichtführung (Mario Bösemann/Tino Langmann) und ein gescheites Bühnenbild (Marco Brehme). Dadurch trägt der Sog bis zum Ende des Einakters, und da, wo dem Librettisten die Ideen ausgehen und er kein Brikett mehr nachlegen kann, ist auch schon die Nacht vorbei, und das Publikum erwacht dankbar, geblendet und wackelig aus der Qual drangvoller Schlaflosigkeit.

 

Die Facetten, die sich aus der einfachen Spielanlage ergeben, kostet auch Nino Rota aus. Seine Komposition spielt mit der Bandbreite zwischen einfachem, aber effektvollem rhythmischem Akkompagnement (wie wir es aus den Fellini-Filmen kennen) und der komplexen Polyphonie im Stile von Richard Strauss beim ekstatischen Liebesgejaul. So schenken alle Beteiligten, die Lebenden wie die Gestorbenen, dem Publikum ein dreissigminütiges "lever de rideau", das geprägt ist von humorvoller Nachsicht über die menschlichen Schwächen und Eigenarten. Für diesen Geist belustigter Versöhnlichkeit, der angesichts unserer politischen Weltlage aktueller nicht sein könnte, bedankte sich das Premierenpublikum mit Bravorufen und lang anhaltendem Applaus.

 

Schwärzer und weniger nachsichtig gezeichnet sind Welt und Menschen in "Gianni Schicchi". Hier geht es nicht um Alltagsereignisse, sondern um Liebe und Tod, Betrug, List und Gier, also um den scharfen Tobak aller hochdramatischen Werke, von der "Orestie" angefangen bis zu Wagners "Ring" und Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten". – Gleichwohl entfaltet sich im komischen Einakter nicht die Faszination des Grauens wie bei Puccinis ernsten Opern (Tosca, Turandot), sondern ein belustigtes: "So sind die Wichte!" und: "Recht geschieht ihnen!"

 

Die Hauptrolle spielt das Kollektiv der Verwandten, die kaum individualisiert werden. Mit einem überaus intelligenten Wechsel von Gruppierung und Beleuchtung und einem souveränen Spiel mit grossen und kleinen szenischen Momenten (ganz stark die Projektion der Stadt Florenz und die zornige Schändung des Leichenbetts neben dem diskreten Winken mit dem Stummel des amputierten Arms) gelingt es dem Leitungsteam, die weitgehend statische Anlage des Einakters in Fluss zu bringen, so dass Auge und Geist in keiner Minute unbefriedigt bleiben.

 

Im Unterschied zur Produktion von 1990, wo das Theater Studierende des Opernstudios einsetzte, die stimmlich und darstellerisch über ihre Grenzen geführt wurden, sind diesmal alle Rollen altersgerecht besetzt, was der Aufführung einen ganz anderen Punch gibt. Denn jetzt kommen Gewolltes und Erreichtes zur Deckung.

 

1990 dirigierte Jost Meier, ein Mann, über den der damalige Operndirektor Edi Benz sagte: "Alle Musik, der er sich zuwendet, wird in seinen Händen zu Gold."  An Meiers Mischung von Zartheit, Energie und Beseelung kommt Marco Zambellis Dirigat nicht heran. Auch wenn die Sänger nie zugedeckt werden, steigt der Pegel der Lautstärke in "Gianni Schicchi" doch streckenweise in den roten Bereich. Das kam bei Meier nie vor. Und dabei war in seiner Zeit das Theater um etwa dreissig Plätze kleiner. Auch schlug Meier aus Puccini mehr Farben. Das lag nicht nur an der Dynamik, sondern an der Phrasierung. Marco Zambelli dirigierte geradliniger. Jedenfalls an der Premiere. Und damit war seine Interpretation, wie Roman Brotbeck sagen würde, noch "ein bisschen zu pauschal".

Bei "Gianni Schicchi" geht um Liebe und Tod, Betrug, List und Gier.

Die verschiedenen Typen, denen man um 1950 in einem Hotel begegnen konnte.

 
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