Die Töchter finden, der alte Vater könne im Haus nicht allein weiterleben. © Photo Lot.

 

 

 

Avant de s'envoler. Florian Zeller.

Schauspiel.                  

Ladislas Chollat. Théâtre de l'Oeuvre, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. November 2016.

 

 

Wenn man eine nahestehende Person verloren hat, kommt es einem in den ersten Tagen zuweilen vor, sie sei noch am Leben. Sie könne jeden Augenblick wieder zur Tür hereinkommen. Man spürt, dass sie sich nebenan in der Küche rührt, und glaubt, ihre Stimme zu vernehmen. – Diese mobile Lage des "Gerade nicht mehr" und "Vielleicht doch noch" nimmt Florian Zeller (37), der im Ausland meist­gespielte französische Autor seiner Generation, zum Ausgangspunkt für sein neuestes Stück "Avant de s'envoler".

 

Bei Spielbeginn hat der Tod eine fünfzigjährige Ehe zerrissen. Die Frau ist gestorben. Nun gleitet der überlebende Teil in die Demenz. Die Töchter finden, der alte Vater könne im Haus nicht allein weiterleben. Dazu sei er zu verwirrt. Er gehöre in ein Pflegeheim, "La Maison Bleue", mit Park und Ententeich: "Dort wirst du dich wohlfühlen!"

 

Für die Darstellung dieser mobilen Lage wechselt die Inszenierung zwischen drei Perspektiven: Mal zeigt sie in naturalistischer Spielweise den Alltag des alten Paars; dann zeigt sie, ebenso naturalistisch, die Welt aus den Augen des Zurückgebliebenen, der sich mit Hartnäckigkeit am Gewohnten festzuhalten sucht; und schliesslich handelt sie die Situation aus dem Blick der Töchter ab, denen die die Verantwortung für den hilflosen Elternteil zugefallen ist.

 

Die experimentelle Anlage des Stücks entspricht dem unheimlich ungesicherten, fluktuierenden Zustand, in dem sich der demente Vater befindet, mit Inseln der Klarheit im Wirbel des Abbaus. Gleichzeitig verhindert die disruptive Erzählweise das Aufkommen von Rührseligkeit. Denn der Zuschauer befindet sich, wie der verwirrte Vater, ständig vor der Aufgabe, das Geschehen verstandesmässig einzuordnen und zu bewältigen.

 

Damit schildert das dreiaktige Stück neunzig Minuten lang eigentlich kein Geschehen, sondern eine Situation, um nicht zu sagen: eine Stagnation. Die Szene verharrt im Moment des zögernden Innehaltens, des trotzig-hilflosen Zurückblickens vor dem unvermeidlichen letzten Schritt. - Die Gefahr von Monotonie und Langeweile, die sich aus dieser Spielanlage ergeben könnte, bannt Regisseur Ladislas Chollat durch das potenteste Mittel, das dem Theater zur Verfügung steht: Er setzt für seine Inszenierung ganz hervorragende Schauspieler ein, das heisst Sprech-, Darstellungs- und Verkörperungs­virtuosen. Ihre Qualität erweist sich daran, dass das Publikum nicht müde wird, ihnen zuzuschauen, selbst wenn sie bloss Blumen in eine Vase stellen oder unverwandt am Fenster ins Leere blicken.

 

Streng genommen ergibt sich jedoch die Wirkung des Theaterstils nicht durch Artistik, sondern durch Glaubwürdigkeit. Und sie wiederum entsteht durch Zurücknahme alles Unechten, Aufgesetzten, Äusserlichen, bis Haltung und Tonfall getroffen sind. Dann ist die Atomsphäre stark, gefüllt, lebendig, auch wenn nichts passiert und nur von Alltäglichem gesprochen wird wie etwa vom Rezept zur Zubereitung von Champignons.

 

Als Ganzes wird der Theaterabend sodann getragen von der Qualität des Zusammenspiels. Sie zeigt sich, wie die Transaktionsanalytiker sagen, in der Gestaltung des Ablaufs von "stimulus" und "response". Wenn jemand angeredet wird: Wie lange dauert es, bis er antwortet? Und was für eine Emotion schwingt in seiner Antwort mit? – Am Ende der Proben entsteht durch Färbung und Rhythmisierung des Spiels eine Partitur, in der jede Nuance "sitzt". Von diesem Moment an brauchen sich die Schauspieler nicht mehr ums Wie zu kümmern. Sie können sich vertrauensvoll ihrer Figur überlassen und dem Ausdruck geben, was sie im Innern antreibt ... es stimmt.

 

Was diese Art von Darstellungskunst vermag und welche erschütternden Wirkungen sie im Zuschauer auslöst, führt zur Zeit das Pariser Théâtre de l'Oeuvre vor. Bis zum 15. Januar 2017 steht dort der 91jährige Robert Hirsch auf der Bühne, insgesamt 75 mal, und führt uns den alten Vater vors Auge, mit seiner motorischen Unruhe, dem verkrampften Reiben der Hände, dem abwesenden Blick, dem befremdenden Spiel der Zunge im offenen Mund und den jäh abwechselnden Impulsen von Güte und Zorn, Zuneigung und Angst. Ihm gegenüber erscheint die 88jährige Isabelle Sadoyan leicht, lächelnd, anrührend, warm, nüchtern und praktisch, eine Mutter zum Verlieben.

 

Den beiden Alten antwortet das Ensemble der Angehörigen mit einem vielfältigen Panorama von Reaktionen, in denen sich Hilflosigkeit, Überforderung, Gleichgültigkeit, Ablehnung, Wirklichkeitsverleugnung, Apathie, Handlungsdrang, nüchterner Verstand und zarte Zuwendung spiegeln. Damit gestalten Theaterautor, Regisseur und Schauspieler aus einer einfachen, stagnierenden Situation einen reichen, bewegenden Theaterabend. Um aber Darstellungskunst in solcher Vollendung zu erleben, muss man nach Paris fahren. In Deutschland hat man sie unter dem Schlachtruf "Kunstkacke!" abgeschafft. Selbst an den Münchner Kammerspielen.

Der Alltag des alten Paars in naturalistischer Spielweise. 

 
 
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