Ohne Vorwissen lassen sich die Blätter nicht als Flugblätter interpretieren. © Sabine Burger.

 

 

 

Weisse Rose. Udo Zimmermann.

Oper.                  

Kaspar Zehnder, Anna Drescher, Hudda Chukri, Florian Bartl. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 5. November 2016.

 

 

Zum Applaus kommen alle 15 Musiker mit ihren Instrumenten auf die Bühne. Selbst die Bassgeige wird während der Verbeugung mit der Rechten umklammert. Und in gewissem Sinn spielen die 15 Musiker auch die Hauptrolle in Udo Zimmermanns "Weisser Rose". Sie begleiten das Sängerpaar mit einem ungewöhnlich faszinierenden, ausdrucksvollen und gleichwohl sensiblen musikalischen Gewebe, das in seiner überirdischen Schönheit schon das Jenseits vorwegnimmt, in das die beiden Menschen auf der Bühne am Ende des Werks eintreten werden, so dass die Komposition – ähnlich wie Alban Bergs "Wozzeck" – durch ihren berückenden Wohllaut ein zurückhaltend-vornehmes, in der Sache aber unbeugsames Nein zu Gewalt, Mord und Inhumanität ausspricht.

 

Zuweilen begleiten die Instrumente die Gesangsstimmen solistisch, zuweilen heben sie miteinander ab in lichtvolle Höhen, wo sie sich kostbare expressive Motive zuspielen. Dann wieder zitieren sie mit harten Dissonanzen und wuchtigen Rhythmen die Wirklichkeit des 22. Februar 1943.

 

Die Vielseitigkeit der Partitur mit ihrem Grundcharakter versonnener Nachdenklichkeit, die gegenüber dem gepanzerten NS-Terror das Weiche und Verletzliche zum Ausdruck bringt, in dem sich das Menschliche befindet – die Vielseitigkeit dieser vornehmen, schönen, ausdrucksstarken Partitur erklärt, warum Udo Zimmermanns "Weisse Rose" zu den meistgespielten Kompositionen des zeitgenössischen Musiktheaters gehört.

 

Dem Chefdirigenten des Sinfonie Orchesters Biel Solothurn gelingt es, die Dimension des Jenseitigen zu erreichen, gerade weil er die Komposition mit handwerklichem Pragmatismus angeht: "Ich habe das Stück zunächst gelernt und analysiert wie jede andere Partitur, als wäre es eine Mozart- oder Verdi-Oper", erklärt Kaspar Zehnder im Programmheft-Interview. "Ich habe es musikalisch strukturiert und versucht, mir die klangliche Balance vorzustellen. Wir haben nur fünf Streicher, ein paar Blechbläser, schrille Holzbläser, viel Schlagzeug, Harfe und Klavier. Es geht darum, in den harten Stellen eine gewisse Schönheit und Ästhetik zu entwickeln und in den elegischen Partien weniger Pathos, sondern mehr schlanke, transzendente Sinnlichkeit herauszuarbeiten, vor allem über Feinheit zu berühren und nicht nur über die Kontraste und das grosse Gefühl." Mit dieser Haltung realisiert Kaspar Zehnder eine Anweisung, die seinerzeit Friedrich Dürrenmatt den Theaterleuten gab: "Man spiele den Vordergrund richtig, den ich gebe, der Hintergrund wird sich von selber einstellen."

 

Marion Grange und Wolfgang Resch leihen den beiden Gesangspartien ihre Stimme. Sie tun das engagiert, glaubwürdig und berührend. Kaspar Zehnder, der ohne Stab arbeitet, führt sie mit weit geöffneten Händen zur Entfaltung in menschlicher und gesanglicher Hinsicht. Damit schaffen alle Beteiligten musikalisch eine runde, geschlossene Aufführung, der gegenüber jede Detailkritik verstummen muss.

 

Anders verhält es sich bei der szenischen Umsetzung. Udo Zimmermann hat zwei Fassungen des Werks geschrieben. Die erste 1967/68 im Alter von 24 Jahren nach einem Libretto seines Bruders Ingo Zimmermann; die zweite, die jetzt in Biel-Solothurn zur Aufführung kommt, entstand 1986. Zimmermann war damals an die zwanzig Jahre älter. Das Libretto verfasste nun Wolfgang Willascheck. Die Veränderung des Werktitels zeigt an, was die Revision bewirkte. Ursprünglich hiess das Stück: "Die Weisse Rose". Nun bloss noch: "Weisse Rose". Mit dem Wegfall des bestimmten Artikels fällt nun aber auch das Werk ins Unbestimmte. Es soll jetzt mehr bringen als die Geschichte der Geschwister Scholl, Sophie und Hans, die 1942-43 aus christlich motivierter Protesthaltung mit Flugblattaktionen und Wandparolen die NS-Herrschaft anprangerten und die Studentenschaft zum Widerstand aufforderten. "Doch mir ist es wichtig, nicht die Geschichte von Hans und Sophie in ihren letzten Stunden vor dem Tod zu erzählen", sagt Regisseurin Anna Drescher im Programmheft-Interview. "Vielmehr ist es ein Stück über zwei Menschen, die aufstehen für das, woran sie glauben. - Sie stehen als zwei gegenwärtige Figuren auf der Bühne."

 

Die Ausdehnung der Gültigkeit über das Zeithistorische hinaus und die Heranführung der Handlung an einen vagen Begriff von Gegenwart ist ein Abstraktionsakt, der dem Werk nicht wohl bekommt, zumal Wolfgang Willaschecks Libretto bereits in fatalem Mass auf Bestimmtheit – und damit Nachvollziehbarkeit der Geschichte – verzichtet. So sind jetzt auf der Bühne zwar Blätter zu sehen, aber ohne Vorwissen lassen sie sich nur schwer als Flugblätter interpretieren.

 

Vorwissen wird auch vorausgesetzt, um zu erkennen, dass das Werk die letzte Stunde der Geschwister Scholl vor ihrer Hinrichtung zeigt. Der Mühe des Erklärens und Verständlichmachens (also der "Exposition") hat sich Wolfgang Willascheck durch fahrlässiges Outsourcing enthoben. Geschichtliches Allgemeinwissen, Programmheft und Werkeinführung sollen kompensieren, was das Libretto vernachlässigt hat. Damit lassen sich Sinn und Inhalt der 16 Szenen, die einer Art Bewusstseinsstrom des Geschwisterpaars gleichkommen, nur annäherungsweise erschliessen, und das schlecht Umrissene wird zweideutig – etwa wenn die Projektion der bayerischen Gebirgslandschaft (Video: Florian Bartl) nicht an die heile Natur erinnert, sondern an die Aussicht von Hitlers Balkon in Berchtesgaden. Und wenn eine weisse Kulisse vom Schnürboden niederschwebt, ist es dem Zuschauer überlassen, ob er darin abgewickelte Kleenex-Rollen, Streifenvorhänge im Stil der achtziger Jahre oder Andeutungen ans zerschnittene Weltganze erkennen will (Bühne: Hudda Chukri).

 

Deshalb verfällt das Publikum jetzt über weite Strecken in jenes romantische Glotzen, das Brecht nicht müde wurde zu bekämpfen. Gegen das Abdriften ins Unbestimmte sorgte der grosse Stückeschreiber mit Schriftbändern oder Ansagen. Diese Elemente boten der Szene einen Rahmen und ordneten das Einzelne in einen Gesamtzusammenhang ein. Dem schwachen Libretto Wolfgang Willaschecks hätte solcher Halt wohlgetan. Gerade, weil Udo Zimmermanns "Weisse Rose" zu jenen Werken gehört, bei denen ein überwältigendes musikalisches Talent mit einem Libretto zusammenkam, das seiner vollen Strahlkraft im Wege steht wie bei "Fierrabras" von Franz Schubert.

 

Die Stimme der andern

> Bieler Tagblatt

> Le Journal du Jura

> swissclassic.org

> Solothurner Zeitung 

Die weissen Streifen können alles Mögliche bedeuten.

Unschuldige Natur oder Aussicht von Hitlers Balkon?