Vorbei mit der Unterscheidung zwischen Kunst und Trash. © Reinhard Werner.

 

 

 

Pension Schöller. Carl Laufs und Wilhelm Jacoby.

Schwank.                  

Andreas Kriegenburg. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 28. Oktober 2016.

 

 

Andreas Kriegenburg, der grosse, intelligente Stücke­zertrümmerer, der die Möglichkeiten des Theaters seit Jahrzehnten auf alle Seiten hin auslotet, hat in seinem Schaffen eine neue Dimension erreicht. Statt bloss ein Stück zu zertrümmern, zertrümmert er diesmal einen ganzen Mythos: den Mythos des Burgtheaters.

 

Das Haus am Ring, das Hugo von Hofmannsthal noch ehrfurchtsvoll ein "Institut" genannt hat, weil es seit seiner Erhebung zum deutschen Nationaltheater durch Kaiser Josef II. Vorbildlichkeit zu gewährleisten und Massstäbe zu setzen hatte (wovon auch die Ahnengalerie im Umgang des ersten Ranges zeugt, mit den Porträts von Heinrich Anschütz [1785-1865], Carl von La Roche [1794-1884], Katharina Schratt [1853-1940], Christine Hebbel-Enghaus [1815-1910]) - dieses hohe Haus hat nun, 126 Jahre nach Uraufführung des Schwanks am Berliner Wallner-Theater, durch die Aufnahme der "Pension Schöller" in den Spielplan und durch die Inszenierung von Andreas Kriegenburg dargetan, dass es nicht mehr ist als die andern und dass es auch nicht mehr kann als die andern.

 

Der Mythos des Burgtheaters fiel lautlos in sich zusammen, als das Premierenpublikum in Anwesenheit des Herrn Bundeskanzlers den ersten Zwischenapplaus spendete. Denn da zeigte sich: Es ist vorbei mit der Unterscheidung zwischen Kunst und Trash. Niemand stellt heute mehr Ansprüche. Dass es damit vorbei ist, weiss selbst der Bäckermeister an der Ecke: "Machen Sie sich keine Unkosten! Sie können verkaufen, was Sie wollen. Die Leut' fressen's eh."

 

Bei seiner Zertrümmerungsaktion ging Kriegenburg mit gewohnter Radikalität zuwege. Da er aber diesmal nicht gegen ein Stück vorging, sondern gegen einen Mythos, liess er den Schwank weitgehend intakt und schrieb lediglich die Dialoge in Richtung Aktualität ein bisschen fort. Dass man ein Drittel des Textes nicht verstand, weil er entweder mit Piepsstimmen weggenuschelt wurde oder weil zwei, drei Schauspieler gleichzeitig sprachen, gehörte schon zur Entmystifizierung: Sprechkultur, pah! Kein Mensch fragt danach.

 

Auch die amateurhaft-improvisierte Figurenzeichnung war diesmal Bestandteil des Konzepts, ging es doch darum "aufzuzeigen", dass man am Burgtheater so schlecht spielen kann wie anderswo, ohne dass deswegen das Haus zusammenfällt oder ein Aufstand ausbricht. Denn im Unterschied zur hasserfüllten FPÖ-Radikalität der kleinen Leute ist das Premierenpublikum des Burgtheaters tolerant und weitherzig. Es erträgt, angesichts der ernsten politischen Lage, alle Untugenden der Schmiere bis hin zu den Unterhosen, und es klatscht dazu. Denn Ansprüche zu stellen ist elitär, und Eliten sind verpönt.

 

Damit ist die Burg beim "Anything goes" des bundesdeutschen Gegenwartstheaters angekommen. Der Mythos ist erledigt. Die "Pension Schöller" hat ihn besiegt. Eine neue Meisterleistung des grossen, intelligenten Theater­zertrümmerers Andreas Kriegenburg.

Alle Untugenden der Schmiere.

Der Mythos ist erledigt.

Die "Pension Schöller" hat ihn besiegt.

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