Es genügt nicht, Menschen in ein Kostüm zu stecken und sie eine Haltung einnehmen zu lassen. © Erich Reismann.

 

 

 

Der Schwierige. Hugo von Hofmannsthal.

Lustspiel.                  

Janusz Kica, Karin Fritz. Theater in der Josefstadt, Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 28. Oktober 2016.

 

 

Bei seinen Untersuchungen zu den "Meisterwerken deutscher Sprache" benannte um 1940 ein junger Privatdozent in Zürich die Gründe, warum 2016 "Der Schwierige" in Wien scheitern musste: "Kein Regisseur wird dieses Gewebe der subtilsten Phantasie in allen seinen künstlichen Verschlingungen sichtbar zu machen verstehen; kein Schauspieler wird sich finden, der Hans Karl darzustellen vermöchte. Denn hier gibt es nichts zu 'spielen'; hier gilt es nur, zu sein und durch das blosse Sein zu überzeugen." Die Analyse von einem der "allerheikelsten Gebilde", einem der "aller-inkommensurabelsten" (Hofmannsthal) führte Emil Staiger zur Vermutung: "Vielleicht wird eines Tages seine leise Sprache unhörbar, und ratlos legen spätere Geschlechter dieses Ding beiseite."

 

In der Josefstadt hat nun Regisseur Janusz Kica mit vollem Einsatz die Argumente des Germanisten für die grundsätzliche Unaufführbarkeit des Lustspiels bestätigt. Wichtigste Erkenntnis: Wer keine Ohren hat, der kann das Werk auch nicht zum Klingen bringen. Denn im "Schwierigen" kommt es, wie Hans Karl Bühl im Lauf der drei Akte mehrmals betont, auf die Nuance an. Zumal die Schauspieler in Kicas Inszenierung auf der nackten Bühne (Karin Fritz) ausgestellt sind.

 

Bei dieser Spielanlage ist es jedoch nicht ausreichend, Menschen in ein Kostüm zu stecken und sie eine Haltung einnehmen zu lassen. Sondern jetzt ist Arbeit am Feinsten gefragt, das heisst Nuancierung. Aber die Nuancen kann nur treffen, wer die Tradition kennt. Und wer kennt sie noch? Die Welt ist, wie bereits Emil Staiger feststellte, "mehr und mehr vom Stil und Sinn des 'Schwierigen' abgerückt."

 

In der gedruckten Partitur aber steht vieles nicht von dem, "was die Künstler damals wussten". Nikolaus Harnoncourt wurde nicht müde, das zu erklären, als er die Strauss-Walzer mit dem
Concertgebouw Orchestra einstudierte. Er selber hatte die Tradition von seinem Vater, der sie wiederum von der Quelle, konkret: den Musikern des Strauss-Orchesters, vermittelt bekommen hatte. Mit Hilfe dieser Überlieferung kam am Ende des 20. Jahrhunderts die beste, mitreissendste, authentischste Interpretation der Ouvertüre zum "Zigeunerbaron" (um nur ein Beispiel zu nennen) in Amsterdam zustande und nicht in Wien. – So auch mit der "Fledermaus". Es gibt keine walzerseligere, wienerischere und musikalischere Interpretation als die von Marc Minkowski mit den Musiciens du Louvre zum Jahreswechsel 2014/15 an der Pariser Opéra Comique. Und warum? Weil auch er philologische Sensibilität mitbrachte, feine Ohren für die Nuance und eine echte Kenntnis der Tradition. Sonst kommen die delikaten Sachen aus Alt-Wien nicht mehr zum Leben.

 

Wie die Sprache von Hofmannsthals "Schwierigem" klingen müsste, hätte Otto Schenk, der langjährige Schauspieler, Regisseur und Direktor des Theaters in der Josefstadt, seinen Kollegen vormachen können. Sie hätten den Tonfall auch abnehmen können aus den historischen Aufnahmen des österreichischen Rundfunks, mit Maria Eis etwa, oder mit Josef Meinrad. Sie hätten auch sagen können: "Diesen Ton wollen wir nicht. Er entspricht uns nicht mehr". Dann aber hätten sie die Finger vom "Schwierigen" lassen müssen. Denn er funktioniert nur in diesem Ton. Das hat Janusz Kicas Inszenierung zwingend nachgewiesen. "Vergessen wir die Bühne also! Eignen wir uns das Kleinod als aufmerksame Leser an!" (Emil Staiger)

Diesmal sind die Schauspieler auf der nackten Bühne ausgestellt. 

Kein Regisseur versteht dieses subtile Gewebe sichtbar zu machen. 

 
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