Hervorragend Florian Teichtmeister (vorne). © Sepp Gallauer.

 

 

 

Niemand. Ödön von Horváth.

Schauspiel.                  

Herbert Föttinger, Walter Vogelhuber, Birgit Hutter. Theater in der Josefstadt, Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 28. Oktober 2016.

 

 

Herbert Föttinger, der Hausherr der Josefstadt, inszeniert die Uraufführung. Und er zeigt, wie man das macht. Nämlich mustergültig. Wenn der Vorhang aufgeht, stehen von Portal zu Portal über zwanzig Schauspieler nebeneinander und blicken ins Publikum. Keine Durchschnittsvisagen, sondern Charakterköpfe. Auch dank Maske und Kostüm von Birgit Hutter. In diesen Figuren erkennt man bereits die Typen des expressionistischen Theaters, mit denen Horváth in seinem 1924 entstandenen Stück spielt: Der Krüppel. (Hervorragend Florian Teichtmeister. Eine Nummer für sich.) Die Hure. Das kleine, unschuldige Mädchen. Die alte, vertrocknete Jungfer. Der arme Künstler. Der brutale Schläger. Der zwielichtige Herr. - Sie alle sprechen nun die Szenenanweisungen. Die Bühnenbeschreibung des jungen Dichters ist noch sehr literarisch und entspricht dem Stil von Dingelstedts Gedichten. – Am Ende der Vorstellung sind alle Schauspieler wieder da und stehen für den Applaus von Portal zu Portal in einer Reihe, auch wenn sie nur einen Auftritt hatten und danach anderthalb Stunden unbeschäftigt blieben. Eine mustergültige Inszenierung.

 

"Niemand" spielt in einem dreistöckigen Haus. Walter Vogelhuber stellt dafür die Andeutung einer Treppe auf die Drehbühne. Da begegnen sich die Parteien. Da ereignet sich der Austausch von Klatsch, Geldscheinen und Partnern. Die Reduktion auf einzelne Gebärden, Gesichter, Kostümteile, Requisiten entspricht dem Stil Fritz Langs: Die schwungvolle Linie des Treppengeländers. Der Schatten des Gitters auf der Milchglasscheibe. Der helle Lack an der Holztür. Die mechanische Klingel für die Parterrewohnung links. Wenn man an ihrem Knopf dreht, gibt es den charakteristischen Ton.

 

Der charakteristische Ton – Kennzeichen aller Föttinger-Inszenierungen – prägt nun auch Horváths "Niemand". Der Zuschauer schmeckt mit Auge, Ohr und Intellekt den "Flavour" (ein Lieblingswort Fontanes), den "Flavour" also der Zwanzigerjahre. Armut, Arbeitslosigkeit, Stagnation, Wirtschaftskrise, Kleinkriminalität, Ganoventum, Strich. Später werden Autos herumfahren mit der Aufschrift: "Adolf Hitler, unsere einzige Hoffnung!"

 

Doch das Stück ist noch nicht politisch. Es zeichnet bloss die Zeitgenossen, boulevardesk auf den Typ hin zugeschnitten wie bei Wedekind. Später wird Horváth die Bühne meisterhaft beherrschen. Jetzt aber ist "Niemand" noch näher beim Panoptikum als beim Drama. Und zwar gerade, weil alle Personen ihr Drama haben. Dadurch wird das Stück monoton. Später wird Horváth staffeln. Haupt- und Nebenfiguren entwickeln. Den einen Veränderung zugestehen. Die andern in ihre Einförmigkeit einzementieren: "Also das muss ich schon sagen: die gestrige Blutwurst - - Kompliment! First class!" – "Zart, nicht?" – "Ein Gedicht!"

 

"Niemand", Horváths drittes Stück, ist 2015 aus Privatbesitz zur Auktion gebracht und von wienbibliothek gekauft worden. Vorher wusste man nicht, dass es existiert. Man hielt es nicht einmal für verschollen. Es gab in Horváths Schriften nur eine oder zwei Zeilen, die darauf hinwiesen. Jetzt aber ist es da. Ein Zuwachs für Horváths Stückkatalog in Wikipedia. Nicht aber ein Zuwachs fürs Repertoire. An dieser Tatsache konnte Herbert Föttingers mustergültige Inszenierung nichts ändern. Der späte Horváth ist der bessere.

Auf der Treppe ereignet sich der Austausch von Klatsch, Geldscheinen und Partnern.

In den Figuren erkennt man bereits die Typen des expressionistischen Theaters.

 
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