Ein intelligentes, hochkonzentriertes Zusammenspiel. © Reinhard Werner.

 

 

 

Die Affäre Rue de Lourcine. Eugène Labiche.

Komödie.                  

Barbara Frey, Bettina Meyer. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 28. Oktober 2016.

 

 

Auf der Burgtheaterbühne spielen Nicholas Ofczarek und Michael Maertens zwei Betrunkene. Man braucht nicht zu wissen, dass es in der Welt des Theaters nichts Schwereres gibt, als Trunkenheit glaubhaft darzustellen. Die Leistung der beiden Stars springt von selbst ins Auge. Sie kommen nämlich während der ganzen Aufführungsdauer nie aus dem Suff. Aber auch nie aus ihrem intelligenten, hochkonzentrierten Zusammenspiel.

 

Jeder hat da seinen Stil. Ofczarek zeigt um Haltung bemühte Grandezza. Er geht staksig, weil er die Autonomie seiner Füsse beherrschen möchte. Und weil ihn der Boden anzieht, wirft er sich ins hohle Kreuz. Wenn aber Schreck und Verwirrung über ihm zusammenschlagen, reisst er weit die Augen auf, und seine Stimme bekommt etwas Jaulend-Aufbegehrendes.

 

Maertens dagegen, der keinen Herrn spielt, sondern einen Koch, benimmt sich dumpf-ergeben. Ausgerichtet auf den Ton seines Partners spielt er im Stil der legendären Komödienpaare Valentin-Karlstadt oder Laurel-Hardy virtuos die zweite Geige. Da ist das Timing wichtig: Impuls – (Schalt-)Pause – Reaktion. In diesem Dreischritt verwirklicht sich der permanente Ausnahmezustand, den Labiches Posse beschreibt. Die Konventionen (Danke! – Bitte!) funktionieren noch halbwegs, wenn auch klapprig. Aber dazwischen tun sich Löcher auf.

 

Alkoholbedingte Gedächtnislücken zunächst. Da war ein Bankett; aber "ich erinnere mich nur noch an den Salat". Was danach geschah ... keine Ahnung. Ein Mord? Möglich. Die beiden Personen, gespielt von Ofczarek und Maertens, glauben sich imstande, ohne Motiv und Absprache eine unbekannte junge Frau umgebracht zu haben, ebenso wie sie sich für fähig halten, im Suff eine unbekannte Person in die eheliche Wohnung abzuschleppen und mit ihr das Bett zu teilen. Wenn jemand Unbekanntes hinter der Türe schnarcht, lautet die Frage deshalb nur: "Mann oder Frau?" Kein Wunder, hat sich Elfriede Jelinek des Stücks angenommen, um es ins Deutsche zu übersetzen.

 

Wir sind damit im Kern des Theaters, ja sagen wir ruhig: Im Kern der Kunst. Denn streng genommen bedeutet Kunst nämlich permanenten Ausnahmezustand. Hinter ihm befindet sich nicht die Wirklichkeit, wie das die antike Mimesis-Theorie meinte, und auch nicht das Ideal, wie das die Klassik postulierte, sondern das leere Nichts. Was für ein Gedanke! Das Bühnenbild (Bettina Meyer) setzt ihn dadurch um, dass es am Schluss der Aufführung alle Türen in ein undefinierbares Schwarz-Grau münden lässt.

 

Während aber das Spiel läuft, sind die Figuren und das Publikum unter sich, und erst noch am selben Ort. Denn die Tapeten und Türen des Zuschauerraums wurden in die Szene hineinverlängert. Auf diese Weise ist der Unterschied zwischen Akteuren und Zuschauern nur noch graduell, nicht aber grundsätzlich. "Ein Mord, den jeder begeht", lautet der Titel eines Romans des immensen Heimito von Doderer.

 

Die alptraumhafte Schwere des Mordverdachts entfaltet sich bei Barbara Frey in einem Stil bleierner Zähflüssigkeit. Wie schon Peter Stein in seiner legendären "Sparschwein"-Inszenierung von 1973 beweist die Regisseurin damit, dass alle komischen Stücke – selbst die französischen Boulevardkomödien – stärker wirken, wenn man sie ernst nimmt, statt sie slapstickartig zu verzappeln.

 

Es geht keine Pointe verloren. Aber in den Pausen dazwischen regt sich das Unheimliche und Unkontrollierbare. Wenn jemand eine Schranktür öffnet, prasselt das Unbewältigte in Form von Aktenbündeln nieder und droht ihn zu erschlagen. Im Berg der Abfallsäcke, die sich auf der linken Bühnenseite türmen, regt sich der Schmutz, den man entsorgt zu haben glaubte, wie ein Scheintoter, der die Augen aufschlägt.

 

So führt Barbara Freys Inszenierung Menschen auf die Bühne, die mit dem Leben nicht fertig werden, weil sie glauben, das Unangenehme durch Beseitigung und Entsorgung bewältigen zu können. In diesem Zustand leben wir auch. Aber im Unterschied zu Eugène Labiches Figuren sind wir am Ende der Aufführung nicht aus der Affäre. Insofern zeigt das Burgtheater nicht eine Posse, sondern ein Menetekel. Im Spiel von Nicholas Ofczarek und Michael Maertens entfaltet es seine Tragweite gemessenen Schrittes. Schaurig. Komödiantisch. Präzise. Genial.

Die Konventionen (Danke! – Bitte!) funktionieren noch halbwegs.

Dazischen tun sich Löcher auf: "Ich erinnere mich nur noch an den Salat."

 
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