Die Frauen tragen biologistische Blutargumente vor. © Vincent Pontet, coll.

 

 

 

Der Vater (Père). August Strindberg.

Trauerspiel.                  

Arnaud Desplechin, Rudy Sabounghi, Dominique Burguière, Philippe Cachia. Comédie-Française, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. November 2016.

 

 

Mit Strindbergs "Vater" in der Übersetzung von Arthur Adamov zieht die Comédie-Française den grossen Trumpf, mit dem sie alle anderen Bühnen aussticht, und zeigt grosses, realisti­sches Schauspielertheater. Bei dieser Art von Darstellung bemerkt man die Regie nicht. Man vergisst, dass hier jemand das Geschehen ordnete, entwickelte, belebte, in eine Konzeption brachte, so dass das Ganze Einheitlichkeit aufweist und auf etwas hinausläuft. Denn die Regie macht sich weder durch Mangel an Können und Erfahrung bemerkbar noch durch unangemessene oder wirre Gedanken. Was man sieht, trägt den Charakter einer grossen, gelassenen Selbstverständ­lichkeit, die der absoluten Souveränität der Wirklichkeit gleicht: Ja, so ist es; so muss es sein.

 

Dabei entsteht die Wirklichkeit auf der Bühne in Wirklichkeit erst durch das Zusammenwirken von Spiel, Text, Bühnenbild (Rudy Sabounghi), Regie (Arnaud Desplechin), Licht (Dominique Burguière) und Ton (Philippe Cachia). Es handelt sich also bei der Wirklichkeit, die das grosse, realistische Schauspielertheater hervorbringt, um Kunst. Eine Kunst der Darstellung, die so weit getrieben wurde, dass sie den Ausdruck der grossen, gelassenen Selbstverständlichkeit annimmt.

 

Um das zu erreichen, braucht es Meister ihres Fachs. Und die sind rar. Von den 80 Millionen lebenden Französischsprachigen sind gerade 39 Menschen Sociétaires der Comédie-Française. Und weitere 19 sind Pensionnaires. Zusammen immer noch weniger zahlreich als Bahnangestellte, Millionäre oder Professoren. Eine Elite. Anderseits ist es mit einer solchen Truppe natürlich leicht, jede Rolle deckend zu besetzen.

 

All diese Gegebenheiten vergisst man jedoch, wenn der Vorhang aufgeht und den Blick freigibt auf "ein Wohnzimmer im Hause des Rittmeisters". Im grauen Licht des Spätnachmittags ("auf dem grossen Tisch brennt eine Lampe") reden Rittmeister und Pastor einem Soldaten zu. Er solle zugeben, dass er eine Köchin geschwängert habe, und die Vaterschaft annehmen. Der arme Bursche windet sich und wehrt sich in der einfachen Sprache des Volks: Beischlaf ja, stammelt er. Aber damit ist die Vaterschaft nicht bewiesen.

 

Aus dieser Frage entwickelt sich nun der Ehekrieg, den das Trauerspiel zeigt, in einer grausamen Konsequenz, die an Hitchcock gemahnt. Er führt zum Tod der unterlegenen Partei, konkret: des Vaters. Ohne es zu wissen, sticht Strindberg damit ins Herz der Gender-Debatte. Denn im "Vater" vertritt der Mann die feministische Position (Laizität, Bildung, Selbstbestimmung, Mündigkeit), während die Frauen, konkret Grossmutter, Mutter, Köchin und Amme, biologistische Blutargumente vortragen und damit unemanzipierte Rückständigkeit in die nächste Generation fortschreiben.

 

Die Problematik wird an der Comédie-Française entfaltet, indem sich jede Position ausspricht und ihr Recht bekommt. Es geht auf diesem Niveau also nicht mehr um Schwarzweiss, sondern um Differenzierung; um Zweifel, nicht um Gewissheit. Aus diesem Grund erweist sich die fein abgestufte Darstellungsweise des grossen, realistischen Schauspielertheaters am Ende als geistig anregender, eigenständiger Beitrag zu den Auseinandersetzungen unserer Zeit, ebenso gültig wie das interdisziplinäre, partizipative, postdramatische Diskurs- und Performancetheater, das zur Zeit mit ideologischer Ausschliesslichkeit die bundesdeutsche Bühne beherrscht. - An der Seine aber verlässt sich die bedeutende Truppe, deren Gründung auf Richelieu zurückgeht, auf jene grosse, elementare Wahrheit, die Ezra Pound für die Literatur festgemacht hat: "Das Genie ist stets unser Zeitgenosse." (The genius is always our contemporary.)

Die Grausamkeit des Ehekriegs gemahnt an Hitchcock.

 
 
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