Im Theater wird der Zuschauer Zeuge eines Besetzungswunders. © Sabine Burger.

 

 

 

Am Boden (Grounded). George Brant.

Schauspiel.                  

Katharina Rupp, Marco Brehme, Florian Barth. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. September 2016.

 

 

Eine leere Bühne. Darauf eine Art Fliegersitz. Sonst nichts. Eine ehrliche, aber auch grausame Anlage fürs Theater. (Bühne: Marco Brehme.) Kein Requisit kommt dem Spiel zuhilfe. Auch kein Partner. Während ihres Monologs, der gute Fünfviertelstunden dauert, ist die Darstellerin dem Zuschauerauge schutzlos preisgegeben. Auf der Bühne steht eine junge Frau, deren Ehrgeiz grösser ist als ihr Können. Man erkennt bald, dass sie keine grosse Karriere machen wird. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie kämpft sich nach oben bis zu mittlerem Rang.

 

Atina Tabé ist diese junge Frau. Sie spielt eine Pilotin, deren Ehrgeiz grösser ist als ihr Können. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie beisst sich durch. Weil sie nach oben kommen will, hält sich aufs strikteste an die Befehle, die von oben kommen. Das macht sie zur guten Soldatin. Ohne nach links und rechts zu schauen, nimmt sie alle Selektionshürden: "Gring abe u seckle!" Daneben intrigiert sie nicht und schleimt nicht. Sie ist ein Muster an Pflichterfüllung. Aber sie schöpft nicht aus dem vollen. Sie hat keine Begabungsreserven.

 

Die Verbissenheit, in der ihre Stärke liegt, macht sie also auch beschränkt. Und die Beschränktheit wiederum macht sie zum Spielball dessen, was ihr zustösst. Nicht sie bestimmt über ihr Leben, sondern die andern. In diesem Punkt gleicht die ehrgeizige Majorin der U.S. Air Force dem unterwürfigen Hilfssoldaten Woyzeck. Beide sind Ausgelieferte - und damit Verlorene.

 

So im Stück. Aber nicht im Theater. Da wird der Zuschauer zum Zeugen eines Wunders. Eines Besetzungswunders. Atina Tabé, der man Maria Stuart nicht zutrauen möchte, und auch nicht Hedda Gabler, spielt jetzt die Rolle ihres Lebens, als wäre ihr die Figur der Pilotin auf den Leib geschrieben worden. Das Eigenste der jungen Frau wird zum Eigensten der Figur. Rolle und Darstellung fallen in eins. Und nichts fehlt. Nichts stört. Nichts irritiert. Pures Theaterglück.

 

Der Erfolg trägt – kann es denn anders sein? – die Handschrift von Katharina Rupp. Man merkt es an der Sorgfalt, mit der Atina Tabé geführt wird. Die Gebärden, die Gänge, die Gestaltung des über einstündigen Monologs haben die Stimmigkeit einer mozartschen Partitur. Kein Ton zuviel. Kein Ton zuwenig. Alles aufs akkurateste gesetzt. Wieder einmal bestätigt sich die exzeptionelle Sensibilität der Solothurner Schauspiel­direktorin fürs künstlerisch Richtige.

 

Das zeigt auch der subtile Einsatz von Klängen und Videoprojektionen (Florian Barth). Kein Gefuchtel. Kein Gezappel. Kein Trash. Sondern, durch die ganze Aufführung hindurch, mit Bedacht gesetzte Zeichen, die das Gesagte weiterführen, unterstützen, deuten.

 

Unter diesen Bedingungen kann es sich ereignen (und hier ereignet es sich), dass nicht nur die Figur lebendig wird, die spricht. Auch die abwesenden Figuren, über die bloss berichtet wird, bekommen Profil, Charakter, Eindringlichkeit. Am packendsten der Ehemann der Pilotin (mit Gold nicht aufzuwiegen) und die unschuldige kleine Tochter, die nolens volens die Katastrophe verursacht, in die das Stück führt. Damit hat George Brant eine dramaturgische Verstrickung geknüpft, die ihn auf eine Stufe hebt mit den Altmeistern Ibsen und Zola.

 

Die Alten sagten, damit ein literarischer (und szenischer) Erfolg zustandekomme, müsse uns ein Werk fesseln, geistig weiterbringen und emotional bewegen: delectare, docere, movere. Das gelingt George Brant mit der Wahl des Sujets, also der Geschichte einer Drohnenpilotin in der Wüste Nevadas, die sich Gott gleich fühlt, sobald sie in ihrem klimatisierten Container mit ferngesteuertem Kriegsgerät den "Propheten", das heisst die Nummer zwei einer gegnerischen Organisation, in der irakischen Wüste verfolgt, um ihn, sobald er aus dem Auto steigt und einwandfrei identifiziert werden kann, auszulöschen. Von dieser Verfolgungsjagd wird das Publikum gefesselt und mitgerissen (delectare).

 

Die Beschreibung des elektronischen Tötens, mit dessen Organisation sich die meisten Besucher nicht einmal zwanzig Minuten lang abgegeben haben, macht nun den Theaterbesuch zur Informationsquelle und damit zum Mittel der Aufklärung (docere). Gleichzeitig erfüllt George Brant mit seinem exakt geschriebenen Stück die Forderung der Erfolgsautorin Rebecca Solnit. In ihrem am 13. September geposteten Leitfaden "How to be a writer" steht unter Punkt 7: "Niemand wird dir etwas glauben, wenn du falsche Fakten bringst. Egal, womit du dich befasst, du bist verpflichtet, faktentreu zu schreiben."

 

Mit dieser Faktentreue in "Grounded" rückt uns die Zeitgeschichte, ach was: die Gegenwart so unheimlich nah auf die Pelle, dass unser träges Denken und Fühlen in Bewegung gesetzt wird (movere). Und nach der Aufführung sehen wir die Welt mit neuen Augen. Das beweist: Gutes Theater kommt nur zustande, wenn der Autor ein Anliegen hat. Nochmals Rebecca Solnit: "Finde ein Anliegen. Talent wird überschätzt. Das Schreiben fängt mit einer Leidenschaft an, noch bevor es mit Wörtern anfängt."

 

An der Schweizer Erstaufführung von "Am Boden (Grounded)" kommt also zur Entfaltung, was sich die frühere Schauspiel­chefin von Bern, Stephanie Gräve, am 3. Oktober 2015 in ihrem Arbeitsjournal gewünscht hat: "Das Theater als Akupunktur an der Gesellschaft. Mit einer feinen Nadel pieksen wir an der richtigen Stelle und setzen einen Denkprozess in Gang, der - hoffentlich - zur Besserung führt." Bei Theater Orchester Biel Solothurn wird dieser Wunsch glanzvoll und beeindruckend realisiert.

Die Verbissenheit, in der ihre Stärke liegt, macht sie auch beschränkt.

Subtil eingesetzte Videoprojektionen unter-

stützen die Handlung.

 
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