Die Pariser können Meisterwerk um Meisterwerk neu entdecken. © Orchestre de Paris, William Beaucardet.

 

 

 

Dream of the Song. George Benjamin. / Vorspiel zu Parsifal. Richard Wagner. / Erste Symphonie. Johannes Brahms.

Symphonisches.                  

Daniel Harding und das Orchestre de Paris in der Philharmonie de Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 5. Oktober 2016.

 

 

Der einzige Fehler, der am Konzertabend auftrat, lag in der Programmstruktur. Sie stellte George Benjamins "Dream of the Song" (eine Komposition für Countertenor, Frauenstimmen und Orchester) in die Mitte und umrahmte die französische Erstaufführung mit Wagners Parsifal-Vorspiel und Brahms' Erster. Diese Anordnung hatte zur Folge, dass die Hälfte der Zuhörer nach der Pause nicht mehr an ihren Platz in Reihe Q zurückkehrte. "Ah non, Brahms!", gestanden sie einander seufzend, "den vertrage ich nach diesem Stück nicht mehr!"

 

So verzichtete die fürs zeitgenössische Schaffen zuständige Hälfte der Pariser Musikkritik darauf zu hören, wie Daniel Harding, seit dieser Saison Chefdirigent des Orchestre de Paris, den Symphonieerstling des berühmten Wiener Rauschebarts anpackte und gestaltete. Die Kritiker behaupteten, der Abend könne sich nicht steigern, und von ihrem Standpunkt aus beurteilt hatten sie recht. Der Unterschied zwischen Brahms' Symphonie Nr. 1 und George Benjamins "Dream of the Song" entspricht, wie Alfred Kerr zu sagen pflegte, dem Unterschied zwischen Dampfkraft und Elektrizität. Die heutige Technik ist besser, sauberer, fortgeschrittener.

 

Bei George Benjamin zeigte sich das am Raffinement, mit dem er die Stimmen der Instrumente, der Frauen und des Countertenors in homophonen Klangflächen durcheinandermischte, so dass mit einer gegenüber Brahms um einen Drittel reduzierten Zahl von Mitwirkenden ein klares Plus in Bezug auf Klangfarbenvielfalt resultierte, nicht zu reden von den Variationen in Rhythmus und Charakter, mit denen die Partitur der Unterschiedlichkeit der sechs vertonten Gedichte gerecht wurde. So wies der ehemalige Schüler von Olivier Messiaen und jetzige Inhaber der Henry-Purcell-Professur am King's College London nach, dass er sein Handwerk versteht. Die Pariser Musikkritik, die fürs zeitgenössische Schaffen zuständig ist, begrüsste ihn, als er zum Applaus erschien, mit aufmunternden Bravorufen.

 

Wer nach der Pause in den Saal zurückkehrte (und das waren alle Zuhörer minus sechs), kam noch in den Genuss einer beeindruckend zeitgenössischen, stringenten Brahms-Interpretation. Wie schon beim kurzen Parsifal-Vorspiel ging Daniel Harding auch hier seinen eigenen Weg. Die Töne widersprachen vom ersten Takt an der Konvention und verwirklichten damit eine Lesart, die zu neuen Tempi, neuen Akzenten, neuen Phrasierungen und neue Einsichten führte. Zuerst dachte man: "Warum nicht?" Dann: "Interessant!" Und am Ende: "Ja, so stimmt's. Warum ist noch keiner darauf gekommen?" Gustav Mahler, der grösste Dirigent seiner Zeit, hatte recht: Tradition ist Schlamperei.

 

Hardings Weg dagegen hat die Überzeugungskraft einer klugen Interpretation, die dem Werk gerecht wird, indem sie den Sinn seiner Einzelzüge nachweist. Und in der wunderbaren Akustik der Philharmonie de Paris erschienen diese Einzelzüge stets fasslich, wohlproportioniert, klar. Daneben vernahm das Ohr, dass die Vortragsbezeichnung "forte" eigentlich nicht "laut" bedeutet, sondern "stark". Das stellte Daniel Harding so nebenbei auch noch richtig.

 

Die Pariser dürfen sich freuen. Sie werden von diesem Herbst an mit ihrem neuen Chefdirigenten Meisterwerk um Meisterwerk neu entdecken. Wir aber müssten öfter nach Frankreich fahren, um weiterzukommen.

 
 
 
 
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