Wie im Himmel. Kay Pollak.

Schauspiel.                  

David Mouchtar-Samorai, Heinz Hauser, Urte Eicker. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 22. Mai 2016.

 

 

 

An der Premiere weckt Arne Lenks Stimme Besorgnis. Sie ist aufgerauht, man könnte auch sagen: heiser gebrüllt. Und zweimal versagt sie. Der Darsteller überspielt das Unglück mit einem Hustenkrampf. Man denkt für einen Moment an eine Andeutung von Tuberkulose. Das Stück spielt ja im Norden. Aber die Spur wird von der Regie nicht weiterverfolgt. - Hinter dem Klavier steht ein Glas Wasser bereit, das die hilfreiche Kornelia Lüdorf dem Kollegen bringt. Daraufhin kann er weiter­sprechen. Aber nur im Forte. Sobald er die Stimme zurücknimmt, hört man nichts mehr. Bei den unbetonten Endsilben bricht die Sprachmelodie ab. Arne Lenk sagt dann "geb'n", "lieb'n", "sing'n". Dem Hauptdarsteller versagt die Stimme bei allem Halblauten, Zurückgenommenen, Differenzierten. Und in diesen Punkten versagt auch die Regie.

 

David Mouchtar-Samorais Inszenierung will nicht erzählen. Sie will die rührselige Kolportage vom gemobbten sensiblen, künstlerisch begabten Jungen nicht "bedienen", der lieber Geige spielen lernt statt Fahrrad zu fahren, später als Dirigent unter einem Künstlernamen Weltkarriere macht und am Ende in sein Heimatdorf zurückkehrt, um den Zurückgebliebenen die himmlische Musik beizubringen und sich selber, über den Umweg von Fahrradstunden, die Liebe.

 

Weil er sich dem Kitsch des positiven Denkens und des guten Endes verweigert, inszeniert David Mouchtar-Samorai jetzt nicht, wie die Dorfbewohner und der Künstler aufeinander zuwachsen. Er stellt bloss die Schauspieler auf die Bühne, lässt sie eine Haltung annehmen (Sophie Melbinger zum Beispiel einwärts gedrehte Füsse) und ihre Sätze sprechen. Aber nicht alle. Dass da unter anderem noch eine spannende, weil konfliktuelle Geschichte zwischen Mutter und Tochter hätte laufen müssen, fällt den Zuschauern, die den Film oder das Stück schon ausserhalb der Vidmarhallen gesehen haben, erst wieder ein, wenn Milva Stark am Ende zu Grazia Pergoletti "Komm, Olga!" sagt, worin sich eine grossartige Versöhnung ausdrückt, die in Bern unterschlagen wird. - Und dass die Frau des alkoholsüchtigen und gewalttätigen Garagisten auszieht und im Haus des Sprengmeisters Schutz findet (ein Detail, in dem sich Keime von Zuneigung zeigen), erkennt man erst hintendrein, spät und beiläufig, denn Rührung, Entsetzen, Sympathie – ja Gefühle ganz allgemein – will diese Inszenierung nicht "bedienen".

 

Deshalb führt sie das Dorf pauschal als Gesellschaftskörper vor, nicht aber als bunte Gemeinschaft von Individuen, und sie verweigert den Schauspielern alles, was ans Einfühlungstheater erinnern könnte, also die Gestaltung von Menschen durch das Herausarbeiten grosser erzählerischer Bögen. Davon bringt nur der Text Kunde. Auf der Bühne aber bleiben die Figuren typenhaft unbeweglich, einförmig und flach. – Gleichgültig ist der Inszenierung auch die realistische Glaubwürdigkeit. Darum können zwei Schauspieler, die im Leben durch eine Generation voneinander getrennt sind (Nico Delpy und Stéphane Maeder), in der Aufführung miteinander zur Schule gegangen sein.

 

Zur Verhinderung jeglicher Individualisierung tragen die ausdruckslosen Kostüme von Urte Eicker ihren Teil redlich bei, wie auch Heinz Hausers abstraktes, anti-evokatorisches Bühnenbild, das sich, auch in der Beleuchtung, gegenüber der Handlung, der Zeit und den Orten im wahrsten Sinne des Wortes gleich-gültig verhält, so dass es dem Regieteam geraten erscheint, durch Einblendung von Schrift kenntlich zu machen, dass die folgende Szene am nächsten Morgen spielt, obwohl der Text diese Tatsache wenig später selber mitteilt ("Was gestern Abend vorgefallen ist..."). Solche Veränderungen durch die Spielweise zu zeigen, war den Darstellern verwehrt: zu herkömmlich, zu psychologisch ... Weil sich David Mouchtar-Samorai aber dem Erzählen und der individua­lisierenden Menschengestaltung verweigert, erscheinen in seiner Aufführung alle gefühlshaften Momente, auf die Stück und Film subtil zulaufen, unvermittelt, schlecht dosiert, mit einem Wort: grob.

 

Da an dieser letzten Berner Schauspielproduktion der falsche Regisseur mit dem falschen Stück zusammenkam, fand die Inszenierung an der Premiere nur matten, endenwollenden Applaus. Erst das entschiedene Dazwischentreten von Sympathisanten des Hauses verlängerte den Beifall auf eine halbwegs anständige Dauer. Von der Deuxieme an jedoch wird sich zeigen, was die Berner von der Geschichte halten, und nicht bloss die enttäuschte "Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt" und ein paar unbeugsame Enthusiasten.

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