Rigoletto. Giuseppe Verdi.

Oper.

Nicola Luisotti, Claus Guth, Christian Schmidt, Andi A. Müller. Opéra National de Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. Mai 2016.

 

 

"Rigoletto" hätte nicht den Höhepunkt des Theaterjahrs abgeben können, wenn nicht zu einer wahrhaft himmlischen Gilda (aufsehenerregend: Olga Peretyatko), einem menschlich bewegenden, gesanglich souveränen Rigoletto (Quinn Kelsey), einem höhensicheren und strahlkräftigen Tenor als Herzog von Mantua (Francesco Demuro) und einem Bass von undurch­dringlicher Härte (Rafal Siwek als Sparafucile) ein jugendlich reaktionsschnelles Orchester hinzugekommen wäre, das ebenso in rasch aufblitzenden Schärfen wie im perlenden Begleitspiel Schönheit mit Exaktheit vereinte, ergänzt durch einen Herrenchor, der in seinem homogenen Spiel und Wohlklang Massstäbe setzte, geleitet von einem Dirigenten (Nicola Luisotti), der Verdi mit der Muttermilch eingesogen hat und jetzt im Handwerk eine solche Sicherheit gewonnen hat, dass sich seine Überlegenheit auf Graben und Bühne übertrug – all das hätte noch nicht eine einmalige "Rigoletto"-Produktion ergeben, wenn nicht die Inszenierung den Stoff in mancher Hinsicht neu ausgedeutet und fortgeschrieben hätte, so dass nun von einem Ereignis zu reden ist: "Das Höchste leisten, und in der vorzüglichsten Gattung, drückt uns gleichsam einen Souveränitätscharakter auf, gebietet Bewunderung und gewinnt die Herzen." (Balthasar Gracián)

 

Wenn beim Pariser "Rigoletto" der Vorhang aufgeht, begegnen wir auf der Bühne den Elementen wieder, an denen wir auf dem Weg zur Vorstellung vorbeigekommen sind. Da ist einmal der Clochard, den das Schicksal aus der Bahn geworfen hat und der jetzt neben dem Trottoir in der Versenkung kauert. Der arme SDF (= sans domicile fixe) bewahrt seine Sachen in einer Schachtel aus Wellkarton auf. Vor dem Opernhaus erscheinen die Titel, die im Haus gespielt werden, auf einer riesigen Projektionsfläche und bilden, strenggenommen, eine Antizipation, ein Versprechen. Schliesslich betreten wir die grosse weisse Treppe, auf der sich, im Opernhaus wie im Stück, die höheren Schichten der Gesellschaft zur Darstellung bringen. So ist vor der Bastille und in der Bastille die Welt der Gegenwart mit Giuseppe Verdis Opernklassiker verlinkt.

 

Was aber in der Welt der Wirklichkeit zufällige Erscheinung ist, wird im szenischen Rahmen, den Claus Guth und sein vielköpfiges Regieteam aufspannen, zum sinntragenden Element, und zwar in einem Beziehungsreichtum, der die Qualität der Übergänglichkeit aufweist. ("Übergänglichkeit" nannte Walther Killy jene Stellen im Gedicht, die sowohl das eine wie das andere bezeichnen können, also genau gesetzte, scharf gedachte Mehrdeutigkeit herstellen. Wittgenstein nannte das Phänomen "Kippfigur".) Übergänglichkeit ist untrügliches Merkmal von höchster Qualität in der Lyrik, aber auch, wie sich am Pariser "Rigoletto" zeigt, auf der Bühne.

 

Drei Rigolettos sind hier ineinander verschachtelt: (1) Der Rigoletto aus der Zeit vor dem Beginn der Oper, der davon träumt, seine Tochter rein und jungfräulich zu erhalten, indem er sie dem sinnbetörten Rausch des Hedonismus entzieht, der sich am Hof des Herzogs von Mantua austobt. - Der Traum, eine utopische Projektion des Narren, erscheint für uns Zuschauer als filmische Einblendung. Weil jedoch die Projektion weit in die Vergangenheit zurückreicht, lässt es Videogestalter Andi A. Müller auf ihr regnen wie am Ende der alten Technicolor­spulen, wo das ersehnte Glück in die angehaltene Zeit des Happy Ends mündete.

 

Daneben haben wir (2) den Rigoletto der Opernhandlung, dem alles in der Unmittelbarkeit der Aufführungsgegenwart zustösst, was ihm Giuseppe Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave zugedacht haben. Schliesslich zeigt die Inszenierung (3) den Rigoletto nach dem Ende der Oper. Das Schicksal hat ihn aus der Bahn geworfen, er hat Mantua verlassen. Als vereinsamter Clochard schlägt er sich auf der Strasse durch. Die Schachtel aus Wellkarton, die er mit sich trägt, enthält drei Relikte aus seinem früheren Leben: die Maske des Narren, das Kleid des Spassmachers und Gildas blutdurchtränktes Hemd. Wenn er es im Vorspiel zum ersten Akt ausbreitet wie den Leichnam der Tochter, überfällt uns bereits der ganze Jammer, der auf Rigoletto am Ende der Oper wartet.

 

Nach Gildas Tod kehren die Gedanken des Clochards immer wieder in die Vergangenheit zurück. So stellt er sich als Kommentator seiner selbst neben den Rigoletto der Opern­handlung, warnt mit stummen Gebärden, hebt verzweifelt die Arme und versinkt schliesslich in dumpfe Ergebenheit. Mit diesem "double de Rigoletto", das als qualvoller Kontrapunkt stets auf der Bühne anwesend ist (mit archaischer Eindringlichkeit: Henri Bernard Guizirian), streift die Aufführungs­gegenwart in jedem Moment an die tragische Dimension von Schuld und Verhängnis.

 

Immer wieder sucht das "double de Rigoletto" zu ergründen, was am Spiel falsch gelaufen ist. Er stellt das Geschehen mit den Requisiten aus seiner Schachtel nach und trifft sich in diesem Wiederholungszwang mit der Repertoirestruktur des Theater­betriebs. Die Premiere von Claus Guths Inszenierung war gleichzeitig die 1215. Aufführung des Werks an der Pariser Nationaloper.

 

Die Verschachtelung der Zeitebenen aber wird dadurch greifbar, dass Christian Schmidt die Bühne selbst als Wellkarton­schachtel gestaltet hat, in der die Figuren, die längst in die Operngeschichte eingegangen sind, aufs neue bewegt werden, um uns anzurühren. Dafür braucht es den Sack nicht mehr, in dem Gilda singend ihr Leben aushaucht. Ihr Abschied und die Verheissung, im Himmel für den Vater zu beten, ist jetzt eine Vision von Rigolettos verwundeter Seele. - Und fürs 21. Jahrhundert geht es bei "Rigoletto" auch nicht mehr um das Problem von Debauche und Dekadenz in einem absolu­tistischen Kleinfürstentum. Relevanter ist heute die Frage, ob in einer korrupten Welt Reinheit möglich ist und ob sie durch Nicht-Mitspielen und Abseitsstehen zu erhalten ist. Am Pariser "Rigoletto" wird die Thematik mit beeindruckender Folgerichtig­keit herausgearbeitet. Sie macht die Produktion zum Höhepunkt des Theaterjahrs.

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