Britannicus. Jean Racine.

Tragödie.

Stéphane Braunschweig. Comédie-Française, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. Mai 2016.

 

 

"Britannicus" ist – wie jede von Jean Racines Tragödien – Wortkunst auf höchstem Niveau. Im Gespräch mit einem/einer Vertrauten decken die Personen ihre Absichten, ihre Befürchtungen, ihr Wollen und Begehren auf. Das Publikum kennt jetzt die Motive, die die Menschen mit den anderen zusammenführen: Liebe, Machtgier, Neid, Hass, Furcht. Um ans Ziel zu kommen, müssen die Akteure Berechnungen anstellen. Im Verlauf der Gespräche erweisen sich diese Berechnungen als lückenhaft, falsch, korrekturbedürftig. Deshalb wird, wieder im Gespräch, ein neuer Entwurf formuliert, um sich dem Ziel zu nähern.

 

"Ein Krieg ist das Leben des Menschen gegen die Bosheit des Menschen", schrieb Racines Zeitgenosse Balthasar Gracián. "Die Klugheit führt ihn, indem sie sich der Kriegslisten hinsicht­lich ihres Vorhabens bedient. Nie tut sie das, was sie vorgibt, sondern zielt nur, um zu täuschen. Mit Geschicklich­keit macht sie Luftstreiche; dann aber führt sie in der Wirklichkeit etwas Unerwartetes aus, stets darauf bedacht, ihr Spiel zu verbergen. Eine Absicht lässt sie erblicken, um die Aufmerksamkeit des Gegners dahin zu ziehn, kehrt ihr aber gleich wieder den Rücken und siegt durch das, woran keiner gedacht."

 

So schafft bei Racine jedes Gespräch (bei ihm ist das "Gespräch" ein "Treffen" im doppelten Wortsinn) eine neue Situation. Die neue Situation stellt die Ausgangslage in ein neues Licht, zwingt die Personen zu weiteren Handlungen, verstrickt sie stärker ineinander, bis der Knoten am Ende nur noch durch Gewalt zu lösen ist, das heisst durch Mord. Und Mord bedeutet Schuld. Tragische Schuld gar, wenn der Täter aus achtbaren Gründen handelte; und wenn die Getöteten schuldlos sind, ist ihr Ende erschütternd, mitleiderregend, grauenhaft.

 

Auf der Bühne wird das alles nicht gezeigt, sondern zum Ausdruck gebracht durchs Wort. In diesem Worttheater konstruiert der Zuschauer die Handlung im Kopf. Racines Theater braucht deshalb keine Requisiten, keine Kostüme, keine Bildwechsel. Dafür verlangt es von Schauspielern und Zuschauern Geistesschärfe, Achtsamkeit auf die Nuance und Konzentration.

 

Für die Neueinstudierung des "Britannicus" hat sich Regisseur und Bühnenbildner Stéphane Braunschweig konsequenterweise für einen äusserst sparsamen Darstellungsstil und eine asketisch leergeräumte Bühne entschieden. Vor einem schwarzen Hintergrund treten die Gestalten scharf hervor, nichts lenkt von Haltung und Ausdruck ab.

 

Damit dieser Ansatz gelingt, sind zwei Dinge entscheidend. Erstes Erfordernis: Entsprechen die Schauspieler dem Profil der Rolle? Mit der Besetzung ist die Interpretation gegeben. Nero: ein Weichling, der danach strebt, sich von der Mutter zu emanzipieren. Diese: eine ambitiöse Mediokrität. Die Jungfrau, die sich der Liebe des verheirateten Kaisers entzieht: ein weltfremdes Hascherl. Britannicus, der Nebenbuhler des Kaisers: ein willensschwacher Beau. - Mit dieser Konstellation bestätigt das kluge Regiekonzept beiläufig Balthasar Graciáns "Handorakel": "Viele scheinen gar gross, bis man sie persönlich kennenlernt: dann aber dient ihr Umgang mehr, die Täuschung zu zerstören, als die Wertschätzung zu erhöhen. Keiner überschreitet die engen Grenzen der Menschheit: alle haben ihr Gebrechen, bald im Kopfe, bald im Herzen. Amt und Würde gibt eine scheinbare Überlegenheit, welche selten von der persönlichen begleitet wird: denn das Schicksal pflegt sich an der Höhe des Amtes durch die Geringfügigkeit der Verdienste zu rächen."

 

Zweites Erfordernis: Können die Schauspieler ihre Rolle so gestalten, dass sie die Zuschauer packen? - An diesem Punkt lag's im Argen. Viel zu gleichförmig wurde an der ersten von zwei Pressepremieren gesprochen. ("C'est froid!", murmelte eine altgediente, hochangesehene Sociétaire der Comédie-Française auf dem Nebensitz.) Ein einziger stach durch überlegene, wirkungsvolle Gestaltung heraus: Hervé Pierre in der Rolle des Vertrauten Burrhus. ("Ah oui! Un grand acteur. Un très grand acteur.") Sobald aber die andern mit ihrer "modernen", zurückgenommenen Redeweise nicht nach vorne sprachen, sondern auf die Seite oder nach hinten, waren sie nicht mehr zu verstehen. Fatal für ein Worttheater, bei dem es auf jede Silbe ankommt. Und die altgediente, hochangesehene Sociétaire, was sagte sie dazu? "Pff!"

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