Romance Sauvage. Pierre Lericq.

Kabarett.                  

Les Épis Noirs im Théâtre Lucernaire, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. Mai 2016.

 

 

Die Derniere von Ionescos "kahler Sängerin" habe ich verpasst. An der Kasse vernahm ich, die Vorstellung sei "schon vorbei". Denn sonntags werde nicht um 1830 Uhr gespielt, sondern um 1600 Uhr. Das wisse man (cela se sait). In der Tat: Wenn man im Aushang scrollt bis zur letzten Zeile, steht's zuunterst im Kleingedruckten. Und nun? Läuft noch etwas? Ja. In einer halben Stunde. Die "wilde Romanze", ein Titel, den man nur mit Zögern in einen deutschen Spielplan setzen würde. Aber heute Abend besser als nichts.

 

Auch die "Romance Sauvage" ist tingiert von den französischen Besonderheiten. Zunächst einmal beginnt die Vorstellung zweieinhalb Stunden früher als auf dem Plakat angegeben. (Das Kleingedruckte!) Dafür läuft sie gegenüber den Angaben im Pressedossier mit einer Verspätung von zweieinhalb Monaten. Und warum? "Es hat sich gezeigt, dass in der Aufführung eine Pauke verwendet wird. Das hätte die Vorstellung im Saal nebenan gestört." So ist man eben flexibel im Lucernaire, einer alternativen Spielstätte mit je drei Theater- und Kinosälen, die sich seit einem Jahr "Centre National d'Art et d'Essai" nennen darf. Gespielt wird hier täglich, "ohne Ausnahme", also auch an Ostern, Pfingsten, Weihnachten und am Nationalfeiertag. Vive la laïcité!

 

Typisch französisch ist auch die Entstehungsweise des Stücks mit dem abschreckenden Titel. Premiere, nein: Uraufführung war am "Festival Off d'Avignon". Dann tourte die Truppe, die sich "Les Épis Noirs" nennt, durch ganz Frankreich. Im Lucernaire hat sie sich für sechs Wochen niedergelassen. Und sie füllt den Saal. Auch an diesem Sonntag um 1900 Uhr, obwohl Paris – wir schreiben den 8. Mai – seinen ersten Hochsommertag erlebt und das Taxi durch leere Strassen fährt. Das Publikum aber ist altersmässig auffällig gut durchmischt und deutlich jünger als an den Premieren in Biel, Bern und Solothurn.

 

Der Schlussapplaus wird unterbrochen. Manon Andersen, die Partnerin im Zwei-Personen-Stück, will noch etwas sagen: "Bitte empfehlen Sie uns weiter! Wir haben nur Sie für die Werbung. Wir spielen nächste Woche noch bis Sonntag." Wann gespielt wird, ist kitzlig. (Das Kleingedruckte!) Doch was gespielt wird, ist untadelig (sans faille). "Off" bedeutet offensichtlich nicht Unprofes­sionalität, gerade nicht in Frankreich, diesem grossen Land mit seiner erbärmlich geringen Zahl subventionierter Bühnen. Die Spielfläche im Théâtre Noir des Lucernaire ist kaum grösser als die des ONO an der Kramgasse 6 in Bern. Aber wie klug der Raum bespielt wird! Und erst das Licht! Wieder einmal bestätigt sich: Noch nie hat mittelmässiges Licht eine gute Inszenierung begleitet. So auch diesmal. Das Licht ist gut.

 

Nur wahre Köche können aus wenigem viel machen. Gerade in der Beschränkung zeigt sich das lange, über zwanzigjährige Handwerk, der Einfallsreichtum und die Intelligenz, mit der die "Romance Sauvage" vorgetragen wird, die Hauptdarsteller Pierre Lericq selber geschrieben und inszeniert hat. Es geht um die alte Geschichte von "Mann und Weib / und Weib und Mann" (Schikaneder). Manches ist bekannt. Manches hat man selbst erlebt. Manches reisst alte Wunden auf. Immer aber gibt es überraschend neue Facetten. Denn die banale Geschichte wird in einer Weise erzählt, die die Franzosen lieben. Mit selbstironischen Brechungen und Spiegelungen der Spiegelung (mise en abyme). Dazu mit Auslegern ins Chanson, in den Tanz, ins Instrumentale – Gitarre, Ukulele und, ach ja, Pauke.

 

Die Aufführung bildet den Horizont des kleinen Mannes und der kleinen Frau ab (also unsereines), aber ohne Kritik, ohne Ideologie und Schärfe. Das gibt ihr eine Art eigenständiger Volkstümlichkeit, die zu geniessen man sich nicht schämt. ("Inclassable, résolument populaire, divertissant et exigeant" schreibt dazu Catherine Guizard, die Pressebeauftragte des Lucernaire.) Es ist dieselbe Mischung von Selbst­ver­ständlichkeit und Sorgfalt, der man in der französischen Küche begegnet, selbst in der bescheidenen Auberge am Kanal neben der Schleuse. Die deutsche Theaterwelt könnte sich davon ein Stück abschneiden.

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