Die Sternstunde des Josef Bieder. Eberhard Streul und Otto Schenk.

Revue.                  

Alexander Kreuselberg. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 4. Mai 2016.

 

 

Trau keinem über dreissig! Das Stück ist 32 Jahre alt, und es gibt den Achtundsechzigern recht. "Die Sternstunde des Josef Bieder" beruht auf einem bildungsbürgerlichen Theater­verständnis, das man heute nur noch im achten Wiener Gemeindebezirk finden kann, wo Otto Schenk, der Bearbeiter der "Neufassung", von 1988 bis 1997 Theaterdirektor war.

 

Wann brachte denn bei uns das Stadttheater "Elektra" von Richard Strauss? Seinen "Rosenkavalier"? Und wann die "Bohème"? Horváths "jüngsten Tag"? Und gar erst den "Schwanensee" auf Spitze und im Tutu? Wer hat zuhause noch ein Grammophon für die Vinylplatten mit Georg Kreislers "Musikkritiker" und Hans Mosers "Der alte Herr Kanzleirat"? Das Publikum für diese Titel gehört heutzutage zur Zielgruppe des Bellaria-Kinos, das heisst, es ist alt. Uralt. Deshalb wird man Josef Bieder schon bald nicht mehr begegnen können. Die Generation Y kann seine Anspielungen und Anekdoten nur noch halbwegs goutieren. Oder gibt es in Tat und Wahrheit noch Opernsänger mit Kukidentprothesen? Wann ist Gilda zum letzten Mal erdolcht und in einem Sack auf die Strasse gestellt worden? Zur Zeit läuft in der Pariser Opéra Bastille Claus Guths "Rigoletto"-Inszenierung. Wetten, dass dort weder ein Dolch noch ein Sack vorkommen? (Antwort in zehn Tagen an dieser Stelle.)

 

Während also "Die Sternstunde des Josef Bieder" ihr Haltbarkeitsdatum überschritten hat und in der Morgenröte einer neuen Theaterära verblasst (best before 1995), wird Staatsschauspieler Bruscon noch auf lange Jahre hinaus "Das Rad der Geschichte" auf die Bretter des "Schwarzen Hirschen" von Utzbach bringen. Und warum? Weil es bei ihm ums Verhältnis von Drama und Wirklichkeit geht; ums Verhältnis von Weltgeschichte und Geschichte auf dem Theater; kurz, um das Verhältnis von Kunst und Leben in der Darstellung von Thomas Bernhards intuitiver Theater­philosophie. - Bei Josef Bieder (ein sprechender Name) geht es bloss um vierfach verdünnten Johannisbeersaft und um Kunstblut. "Der Theatermacher" dagegen hat, wie Alfred Kerr zu sagen pflegte, den "Ewigkeitszug".

 

So ist Uwe Schönbeck jetzt also im Berner Kubus dazu verdammt, additiv von Requisit zu Requisit und von Anekdote zu Anekdote zu hangeln, bis die Stunde um ist, die man dem Publikum in der Gleichförmigkeit der "Apropos, kennen Sie den?"-Dramaturgie Eberhard Streuls zumuten kann. - Neben Anne Hinrichson, die ans Klavier sitzen und nie vom Pfad zurückhaltender Natürlichkeit abirren wird, gestaltet Uwe Schönbeck seinen Auftritt als grosse Nummer; und das heisst: um eine Nummer zu gross. Der Rücken! Die Beine! Das Alter! Mein Gott! Wo blieb, Herr Kreuselberg, denn die Regie?

 

Doch dann verwirklicht Uwe Schönbeck das Wunderbare. Einmal. Zweimal. Und immer wieder. Das andere tritt plötzlich durch ihn hindurch und schaut uns an: Ein Mops; ein alternder Sänger; eine Balletteuse... und, wahrhaftig, der junge Josef Bieder, der einmal davon träumte, Sänger zu werden! Diese Kunst des Herbeizitierens, die in Wirklichkeit eine Kunst des Verwandelns ist, zeigt, welches Potential in Uwe Schönbeck steckt, der jetzt sein Talent in einer Revue verramscht.

 

Nicht auszudenken, was es für einen Theaterabend gäbe, wenn man ihn "Das letzte Band" spielen liesse. Der 67jährige Jacques Weber spricht zur Zeit diesen Monolog in Paris (bis zum 30. Juni im Théâtre de l'Oeuvre). Als Regisseur hat er sich den 78jährigen Peter Stein gewünscht. ("Es gab in meinem Schauspielerleben eine Epoche vor Stein und eine Epoche nach Stein.") Und der "immense homme de théâtre" (France Culture) ist gekommen und hat an der Seine einen Triumph der Regie- und Darstellungskunst erbracht.

 

In Becketts Stück kommen – wie in der Revue von Eberhard Streul – Bananen vor. Uwe Schönbeck hat gezeigt, dass er mit diesem Requisit umgehen kann. Er könnte auch, daran besteht kein Zweifel, mit Tonbandspulen umgehen und hinter dem alten Krapp den dreissigjährigen und den fünfzigjährigen in Erscheinung treten lassen.

 

Wetten, dass die immense Andrea Breth dafür zu gewinnen wäre? Sie wartet, wie Peter Stein, seit Jahren auf Angebote aus dem Schauspiel. Zu ihrer Inszenierung käme, soviel steht heute schon fest, das internationale Feuilleton in die Vidmarhallen nach Köniz, und nicht bloss die "Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt" und die "Berner Zeitung".

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